17.11.2009 · Die Anwälte Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler standen ursprünglich alle der linken Szene nahe. Später schlugen sie sehr unterschiedliche Lebenswege ein. Ein Dokumentarfilm führt die drei exemplarischen Lebensläufe wieder zusammen.
Von Ferdinand von SchirachEs ist ein Dokumentarfilm über das Leben dreier Anwälte: Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler. Im Pressetext zum Film heißt es: „Heute ist der eine SPD-Bundesinnenminister a.D., der andere ist das linke Gewissen der Grünen im Bundestag und der dritte einer der Anführer der rechten Szene.“ Es ist nicht einfach, so einen Film zu machen, das Thema ist störrisch und komplex. Alle drei haben Terroristen des deutschen Herbstes verteidigt, Mitglieder der RAF.
Ausgangspunkt von allem war das Verfahren gegen den Polizisten Karl-Heinz Kurras, der den Studenten Benno Ohnesorg auf einer Demonstration erschossen hatte. Es war Schilys erster politischer Prozess, er vertrat Ohnesorgs Vater als Nebenkläger, das Mandat hatte ihm Mahler vermittelt. Kurras wurde freigesprochen, obwohl Ohnesorg von hinten erschossen worden war. Schily spricht von etwas Düsterem, das den Prozess umgab, von Beweismitteln, die verschwanden. Der Freispruch ist heute noch schwer zu verstehen.
Drei Physiognomien, drei Temperamente
Birgit Schulz' Film „Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte“ beginnt mit einem Bild aus dem Mahler-Prozess. Mahler wurde unter anderem wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Die Stimme im Film sagt aus dem Off: „Berlin, Amtsgericht Moabit, es ist das Jahr 1972, zwei Anwälte verteidigen einen dritten, ein Foto dokumentiert die Situation, drei Männer, zwei in Talaren . . .“. Für einen Dokumentarfilm ist das nicht wirklich gelungen: Anwälte tragen Roben und keine Talare (sie sind schließlich keine Pfarrer), und es gibt auch kein „Amtsgericht Moabit“ (der Prozess fand natürlich vor dem Landgericht statt). Abgefilmt wird dann auch nicht das beeindruckende Treppenhaus im Strafgericht in Moabit, in dem der Prozess stattfand, sondern ein anderes Gebäude. Die Musik ist fürchterlich, zu laut, zu reißerisch und ohne Beziehung zu den Bildern.
Aber die Archivbilder, die dann gezeigt werden, sind es wert: Otto Schily, jung, schmal und voller Energie, ein klares Gesicht, breite Koteletten, Prinz-Eisenherz-Frisur. Er trägt Anzug und Weste, er geht betont aufrecht, beinahe arrogant, er weiß, wer er ist. Hans-Christian Ströbele, freundlich und sanft, volle Lippen, der gute Mensch. Er trägt in dem Prozess gegen Horst Mahler dessen Robe. Vor Schily liegt eine Nummer des „Spiegels“, damals ein Statement, fast eine Liebeserklärung. Mahler, Jahrgang 1936, sieht merkwürdig aus, Vollbart, kreisrunde Metallbrille, dünn und irgendwie verwahrlost - er ist erst 36 Jahre alt. Vor seiner Inhaftierung und seiner Ausbildung in Jordanien zum Terroristen war er eine Art Superstar unter den Anwälten. Damals trug er noch eine riesige schwarze Hornbrille und sah Heinz Erhardt ähnlich, nur nicht so freundlich.
Das Argument des Rechts und die Empfindung der Gerechtigkeit
Es geht dann - ziemlich übergangslos - zu der Tötung von Ohnesorg am 2. Juni 1967. Die Bilder kennt man, zuletzt waren sie in dem Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ zu sehen. Sie haben nichts von ihrem Schrecken verloren. Zwischen die Bilder werden Interviewfetzen der Anwälte geschnitten. Ströbele sagt, dieser Tag sei der Tag seiner „Politisierung“ gewesen. Das war er wohl für viele damals.
Mahler kommentiert diesen Prozess, er erklärt hellsichtig die Rollen. Er sagt, für ihn sei das Verfahren „die Bestätigung der marxistischen Theorie über die Rolle des Staates als Instrument der Herrschenden zur Unterdrückung der ausgebeuteten Mehrheit“. So redet er wirklich. Für Schily, so Mahler, sei es der „Zusammenbruch der Illusion vom Rechtsstaat“ gewesen. Die drei sind völlig unterschiedlich. Mahler redet in Substantiven, er ist in einer geschlossenen Theorie gefangen, Schily glaubt an den Rechtsstaat, und Ströbele meint, er sei schon in seiner Jugend betroffen gewesen, wenn etwas ungerecht gewesen sei. Die Kinderfotos der Anwälte sind wunderbar und sehr privat, sie sagen viel über die Männer, Schily zum Beispiel, etwas verträumt, Komponist wollte er werden. Wenn man darüber nachdenkt, hat sich bei den dreien nichts geändert. Der eine glaubt noch immer an das Recht, der andere ist noch immer über Ungerechtigkeit empört, und der Dritte ist noch immer ein Gefangener seiner Theorien.
Wir sehen dann Bilder aus dem Stammheim-Prozess, Ströbele nennt das Gebäude eine in Beton gegossene Vorverurteilung. Der leere Saal wird abgefilmt, und wir hören, wie Schily brüllt: „Wir führen gegen die Macht das Argument des Rechts ins Feld.“ Was für ein Satz. Er wurde auf einem Tonband aufgezeichnet, das dreißig Jahre unentdeckt im Staatsarchiv Ludwigsburg lag und das versehentlich nicht gelöscht wurde. Der Satz stammt nicht aus einem Antrag, er war nicht vorbereitet. Schily brüllt den Vorsitzenden an, weil er durchsucht werden soll, er ist spontan, und er kann das, weil der Satz alles über ihn als Anwalt sagt, was es zu sagen gibt. Das Argument des Rechts ins Feld führen - das ist so etwas wie das Leitmotiv in Schilys Leben.
Die Würde des Täters
Alle wichtigen gesellschaftlichen Ereignisse spiegeln sich auch - und oft zuerst - in Strafprozessen. Der Streit um den richtigen Weg wird in einer so komplizierten Gesellschaft vor Gericht und nicht in Wahlen ausgetragen. Und damals ging es um viel: Es ging um den Rechtsstaat selbst. Er geriet ins Wanken, nicht nur durch die Terroristen, auch durch die unsichere und fehlerhafte Politik. In ihrer Ausbildung lernen Rechtsstudenten den Satz, dass der Angeklagte nicht Objekt eines Strafverfahrens werden dürfe. Das sagt sich leicht, wenn man in einer gefestigten Demokratie lebt.
Damals war es anders. Man musste vor Gericht ganz anders darum kämpfen, dass auch Terroristen ihre Würde behalten dürfen. Als Anwalt kann man das tun, ohne den Boden der Verfassung zu verlassen. Schily hat das verstanden, es wurde der Mittelpunkt seiner Verteidigungen und seines Lebens. Er war auch deshalb der Überzeugendste der Anwälte, hochbegabt, rhetorisch brillant, ohne falschen Ton. Als Bundesinnenminister hat er - aus seinem Selbstverständnis - nichts anderes gemacht: den Rechtsstaat verteidigen, den demokratischen Staat als große Idee.
Ströbele ist ganz anders. Er sagt kurz vor Ende des Films, dass er oft im Wald spazieren gehe und gerne Marmelade einkoche. Er sagt, Kriege seien ungerecht, und wenn man ihm zuhört, findet man das alles ganz einfach. Er sitzt mit weißen Haaren und buschigen Augenbrauen auf dem Interviewstuhl im Gerichtssaal, und man muss ihn einfach mögen. Er ist das, was mein Pater im Internat „anständiger Mensch“ genannt hätte. Ich würde ihm mein Portemonnaie geben, er würde nie Unsinn damit machen. Aber Schily würde ich als Verteidiger wählen.
Gefangener im Denksystem
Und Mahler? Er ist der Komplizierteste, und er ist alles andere als sympathisch. Er war Gründungsmitglied der RAF, er war an der Meinhof-Befreiung beteiligt. 1973 wurde er zu 14 Jahren Haft verurteilt. Nach der Lorenz-Entführung im Jahr 1975, mit der sechs seiner Mithäftlinge freigepresst wurden, blieb er als Einziger freiwillig im Gefängnis zurück, 1980 wurde er entlassen. Nach 2004 wurde er unzählige Male wegen Volksverhetzung verurteilt, zuletzt in München rechtskräftig zu sechs Jahren. Das Gericht ist für ihn eine Bühne, er droht den Richtern die Todesstrafe an. Er leugnet mit seinem - verfassungsrechtlich verbotenen - Verein den Holocaust und begrüßte Michel Friedman bei einem Interview mit den Worten „Heil Hitler“. Das alles wird in dem Film leider zu kurz erzählt, wir sehen Mahler bei irgendwelchen Kundgebungen im Regen, dann vor der Tür eines Gerichtes, das ihn verurteilen wird. Er redet unglaublichen Blödsinn, und es scheint ihm nichts mehr auszumachen.
Als Mahler 1970 inhaftiert wurde, kümmerte sich Ströbele um seine Familie, während Schily ihm Hegels Gesamtausgabe in seine Zelle brachte. Auch das ist typisch für jeden der beiden. Mahler, so wurde mir in Moabit erzählt, soll dann zehn Jahre lang fast nichts anderes gelesen haben. Hegel hatte den größten Einfluss auf das deutsche Denken, die „Phänomenologie des Geistes“ prägte fast alle nachfolgenden Philosophen. Er lieferte das geschlossenste aller Systeme, er deutete die gesamte Wirklichkeit, es ist wie ein Sog, ihn zu denken. Und ich vermute, wenn er von einem hochintelligenten Mann zehn Jahre in einer Gefängniszelle studiert wird, dann wird dieser Mann eben, wie Mahler wurde. Mahler ist der, der das System in allem sieht, der kalte Intellektuelle, der sich in der letzten Ästelung verfängt und darin umkommt. Ob er nun rechts- oder linksextrem ist, spielt dabei gar keine Rolle. Er ist nicht verwirrt, er ist ein Gefangener.
Exemplarische Lebensläufe
Am Ende ist es auch ein Film über das Altern. Man sieht drei junge Männer voller Leben, drei grundverschiedene Charaktere, drei Entscheidungen, wie man ein Leben in dieser Zeit und danach führen konnte, wenn man „dabei“ war. Man konnte, wie Schily, das Recht gegen den Staat verteidigen. Man konnte wie Ströbele das alles ungerecht finden, betroffen sein und das Gute versuchen. Und man konnte schießen, wie Mahler. Es sind drei Lebensläufe, die viel über die Entstehung unserer Republik erzählen.
Die drei Anwälte waren keine Helden. Jetzt sind sie alte Männer, sie haben ihr Leben gelebt. Am Ende des Filmes spricht jeder über den anderen. Mahler meint, dass ihn Schily „für politischen Unrat“ halten würde, als „Menschen völlig indiskutabel“, er aber würde sich das „zur Ehre gereichen lassen“. Dann grinst er. Die Szene in der Schily zu Mahler gefragt wird, ist ganz anders, eine der großen des Films. Schily hebt die Hände und sagt nur: „Eine Tragödie.“ Sonst nichts. Es gibt auch sonst nichts zu sagen.
Selbstfindung des Rechtsstaats
Während ich diese Filmbesprechung schreibe, sitze ich in einem Café vor dem Gericht, in dem der Mahler-Prozess 1973 stattfand. Es ist Herbst geworden, das Laub ist in großen Haufen zusammengerecht, es hat eine Woche lang ununterbrochen geregnet, alles ist nass, und selbst die Hunde wollen nicht mehr in den kleinen Park gegenüber. Der letzte gesellschaftliche Prozess - das Politbüroverfahren - ist nun schon einige Jahre her, es ist hier ruhiger geworden. Natürlich gibt es noch große Verfahren, und es wird sie weiterhin geben, aber alle in der Justiz haben aus Stammheim und dem Umgang mit den RAF-Terroristen und ihren Verteidigern gelernt. Die Strafprozessordnung wurde dort - vielleicht zum ersten Mal - vollständig ausgereizt. Der Rechtsstaat hat sich dabei selbst gefunden. Der Kampf um die Würde des Angeklagten ist immer noch der gleiche, Tag für Tag, aber er ist einfacher geworden. Das ist das eigentliche Verdienst der Anwälte in diesen Verfahren.
Sehen Sie sich den Film an, wenn Sie Zeit haben. Die Interviews sind es wirklich wert. Ich fand ihn interessanter als den „Baader-Meinhof-Komplex“. Einiges hätte man vielleicht anders erzählen können, weniger wäre oft besser gewesen, man hätte genauer fragen können. Sie werden nicht alles aus diesem Film behalten, aber es gibt eine Szene, die Sie nicht mehr vergessen werden, sie ist die richtige Antwort auf das unverständliche Gerede Mahlers vor ein paar ziemlich dumm aussehenden Neonazis auf der Straße. Otto Schily spricht vor dem Deutschen Bundestag am 13. März 1997 zur Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Er kann kaum sprechen, unterbricht dauernd, entschuldigt sich und ist den Tränen nahe. Ich weiß nicht, wann mich eine Rede das letzte Mal so berührt hat. Schon dafür lohnt es sich, ins Kino zu gehen.