Home
http://www.faz.net/-gs6-o9je
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Playboy Ihr könnt euch wieder anziehen

17.11.2003 ·  Der „Playboy“ wird fünfzig. Vor der allgemeinen Einführung des Silikons war er ein Versprechen, heute ist er eine Freak-Show.

Von Claudius Seidl
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Daß Playboys altern ist im Grunde ein Paradoxon - und jeder Versuch, es aufzulösen, führt zu Ergebnissen, die mal traurig und mal lächerlich und in den meisten Fällen beides sind. Einen Playman gibt es nicht in der Welt der Begriffe, und wenn man ihm in der Wirklichkeit begegnet, dann zerreißt es einem fast das Herz vor Mitleid und Bedauern.

Als Hugh Hefner, das bekannteste unter den lebenden Exemplaren, vor ein paar Jahren dem „Spiegel“ verriet, daß er, seit es Viagra gibt, sein altes Leben wieder aufgenommen habe, mehrmals Sex am Tag und dazwischen ein bißchen Herumhängen am Pool, im Seidenpyjama und umgeben von Leuten, deren Cocktails noch immer er bezahle - da hätte man ihm, aus weiter Ferne, am liebsten zugerufen: „Ach, alter Mann, laß es endlich ein bißchen ruhiger angehen! Das ganze Rackern bringt doch nichts. Schmeiß die Leute raus, leg dich in den Liegestuhl, und entspann dich! Und zieh dich endlich bißchen wärmer an, in deinem Alter.“

Kein Playboy ist erwachsen

Gunther Sachs, unser Berühmtester, fände so gerne Anerkennung als seriöser Photograph und wird doch nur als Archivar seines eigenen Lebens wahrgenommen. Und wenn man, nachts im Westen Berlins, zufällig auf Rolf Eden trifft, möchte man der Brünetten an seiner Seite gleich mal zwanzig Euro fürs Taxi geben und dem Mann eine schöne Tasse Tee spendieren und dann ganz schnell verschwinden, bevor man sich ansteckt mit dieser überwältigenden Tristesse.

Der Playboy, wenn er erwachsen wird, müßte aufhören, ein Playboy zu sein, und das wäre das nächste Paradoxon, weil der Playboy ja nur dadurch zum Playboy wird, daß er nichts anderes gelernt hat als die Kunst des Verführens, bißchen Sport vielleicht, Autofahren, Polospielen, absolut brotlose Tätigkeiten. Und vermutlich tat Porfirio Rubirosa (den Andreas Zielcke in einem sehr inspirierten Essay schon den „Letzten Playboy“ nannte) das einzig richtige, als er, 55 Jahre alt, an einem frühen Morgen im Juli 1965 einem Baum, welcher ihm und seinem Ferrari ihm Weg stand, nicht ausweichen wollte. Das Schicksal der Lächerlichkeit blieb ihm jedenfalls erspart.

Schon gegen die Wand gefahren

Mit dem „Playboy“, den es seit fünfzig Jahren am Kiosk gibt, haben diese Männer insofern zu tun, als auch die Zeitschrift vor einiger Zeit schon gegen die Wand gefahren ist. Ziemlich schwach, ein bißchen traurig und lächerlich ist sie ohnehin geworden - und daß das alles nicht nur die Schuld Hugh Hefners (dem der Laden nach wie vor gehört) und auch nicht die der Redakteure ist, ändert nichts am Befund: Der „Playboy“ hatte seine Zeit, und diese Zeit ist vorbei - und am deutlichsten erkennt man das an einer Rubrik, die nur in der amerikanischen Ausgabe erscheint, jeden Monat einen anderen Titel hat und doch immer am selben Schauplatz spielt, in Hefners sogenannter Mansion in Los Angeles; viele Bilder und kurze Texte zeugen da von Partys, auf die man selber lieber nicht gegangen wäre.

Was man sieht, ist, einerseits, wie der eigentlich grundsympathische Hugh Hefner von Monat zu Monat sein Alter genauso zur Schau stellt wie seine Weigerung, es zur Kenntnis zu nehmen; man bedauert ihn eher, als daß man ihn beneidete. Und andererseits sind diese Parties voll von jungen Frauen, deren Blondheit und Miezenhaftigkeit selbst in einer Popwelt, in welcher Christina Aguilera, Beyoncé Knowles und Jennifer Lopez regieren, so rettungslos anachronistisch wirken, daß man nicht wüßte, was man mit ihnen reden sollte.

Monster wie Carmen Electra

Näher als auf Rufweite möchte man ihnen ohnehin nicht kommen, denn eine nähere Betrachtung würfe ja sofort wieder die Grundfrage der plastischen Chirurgie auf: Emanzipiert sich der Mensch, wenn er endlich auch das Urheberrecht auf seinen Körper beansprucht, von Gott und den Genen? Oder unterwirft sich die Frau, die sich riesige Brüste betonieren läßt, nur noch mehr dem männlichen Blick und läßt die Entfremdung bis unter die Haut? Bei den Mädchen auf Hefners Partys liegt die zweite Hypothese näher, genau wie bei jenen Frauen, welche der „Playboy“ (vor allem der amerikanische) weiter hinten in längeren Bildstrecken präsentiert - was ja einer der Gründe ist, weshalb man sich das Heft nicht mehr angucken mag: Wenn solche Monster wie Carmen Electra und Pamela Anderson das erotische Ideal der Massen sind, dann fühlt man sich nicht etwa elitär, sondern furchtbar einsam und fragt sich manchmal, ob die Freude am silikonfreien Körper, die Lust auf individuelle Abweichungen von der Norm, die Suche nach Zeichen von Intelligenz, ob das alles nicht längst gefährliche Perversionen sind, zu welchen man sich lieber nicht bekennen sollte.

„Dream a little dream“ heißt die Hefner-Mansion-Party-Kolumne im Monat Dezember - und viel deutlicher kann man nicht auf den Begriff bringen, was heute das Problem des „Playboys“ ist: Es war kein ganz kleiner Traum, was Hefner vor genau fünfzig Jahren dazu trieb, mit geliehenem Geld eine Zeitschrift zu gründen, sie „Playboy“ zu nennen und dem Photographen Tom Kelley ein paar Aktbilder abzukaufen, welche der, vier Jahre zuvor, von der damals noch sehr unbekannten Schauspielerin Marilyn Monroe geschossen hatte. Man muß hier nicht die hinreichend bekannte Story nacherzählen, von der Heldenhaftigkeit Hefners und wie er das prüde Fünfziger-Jahre-Amerika damit herausgefordert hat. Man muß ganz sicher hier nicht noch einmal die Frage diskutieren, ob es Sexismus sei, wenn Männerblicke sich in den Fotos nackter Frauen verlieren.

Glücksfälle der Schöpfung

Man muß sich aber vor Augen führen, in welcher Welt die Bilder erschienen: Bilder, welche, vor der allgemeinen Einführung des Silikons, von den Glücksfällen der Schöpfung eben so heiter zeugten wie von der Kunst der Photographen. Daß der Alltag so prüde war, ist vielleicht bloß ein Klischee. Die Kunst jedenfalls war abstrakt, die Architektur karg und kantig, in den Hollywoodfilmen mußten selbst Ehepaare in getrennten Betten schlafen, und auf den Bühnen waren die Wörter präsenter als die Körper. Diesen Kontext sprengten die Fotos aus dem „Playboy“ mit einer Sinnlichkeit, wie sie dem Publikum seit den Gemälden von Theodore Roussel, Herbert Draper oder Edward Burne-Jones, seit der vorletzten Jahrhundertwende also, nicht mehr zugemutet worden war. Was nicht heißt, daß so ein Nacktphoto mit künstlerischer Ambition produziert worden wäre. Wenn der „Playboy“ Kunst macht, wird es peinlich (wie der schön ausgestattete Jubiläumsband aus der Collection Rolf Heyne beweist).

So hatte Hefner das Zeitschriftenkonzept erfunden, das besser als alle anderen funktionierte: Er zeigte Frauen, die nackter und schöner waren - und konnte sich jede weitere konzeptionelle Anstrengung sparen. Er konnte seitenlange Interviews bringen, sperrige Essays, rätselhafte Kurzgeschichten. Und bot damit seinen Lesern einen Luxus, welchen sie sich bei den materiellen Dingen niemals leisten konnten. Man muß sich das nicht unbedingt wie den „Merkur“ mit einem Centerfold mittendrin vorstellen; aber so ungefähr wäre es die Richtung.

Interview mit Waldi Hartmann

Hefner mußte nicht seine Leser irgendwo „abholen“, wo ihn heutige Zeitschriftenmacher vermuten; der Leser war ja da. Und Hefner konnte auf solche Dinge wie Service, Kauftips und den Jargon, den Textchefs heute für leserfreundlich halten, sehr gut verzichten. Er war längst der Freund seiner Leser, er zeigte ihnen eine Welt, die ihnen sonst verschlossen geblieben wäre.

Wie kaputt der Playboy heute ist, sieht man nicht nur seinen Frauen an. Im Dezemberheft der deutschen Ausgabe finden sich, unter der Rubrik Mode, tatsächlich „die neuesten Wellness-Produkte für einen entspannten Abend zu Hause“, und unter der Rubrik Menschen werden Extrembergsteiger porträtiert. Dabei ist der „Playboy“ nicht mal das: ein Magazin für Aufsteiger und andere Angestellte; dafür ist seine Sprache zu verslumt. Es gibt Kauftips für Uhren, Filme, Mobiltelephone, kurzum: es gibt die gleiche Sorte von Texten wie in hundert anderen Illustrierten auch. Auf der letzten Seite wird Waldemar Hartmann interviewt.

Hat jemand eine Tasse Tee für mich? Einen Liegestuhl, einen warmen Pullover und ein dickes Buch?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16. November 2003
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr