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Philip Seymour Hoffman Man muss nicht immer nur der Gute sein

 ·  Für „Capote“ bekam er einen Oscar, in „Radio Rock Revolution“ spielt er jetzt einen DJ. Philip Seymour Hoffman, 41, einer der großen Schauspieler seiner Generation, spricht im Interview über Ringen, Rock und sinistre Rollen.

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Für „Capote“ bekam er einen Oscar, in „Radio Rock Revolution“ spielt er jetzt einen DJ. Philip Seymour Hoffman, 41, einer der großen Schauspieler seiner Generation, spricht im Interview über Ringen, Rock und sinistre Rollen.

Als Schüler waren Sie ein begeisterter Ringer. Kann man als Schauspieler davon profitieren?

Schon, auch wenn ich wegen einer Verletzung bereits auf der High School aufhören musste. Es ist vor allem eine Frage der Disziplin. Man muss auf den Punkt fit und präsent sein, und das setzt voraus, dass man anständig trainiert hat. Insofern ist praktisch jeder Sport hilfreich für einen Schauspieler. Es ist zugleich Körperarbeit und mentale Arbeit.

Philip Seymour Hoffman im Interview

Bei „Radio Rock Revolution“ mussten Sie als DJ ja vor allem Sitzfleisch beweisen. Was hat Sie an dem Projekt gereizt?

Die Zeit und die Musik, die Aufbruchsstimmung, die von den Piratensendern ausgeht. Und die Ernsthaftigkeit, mit der der Film die Bedeutung der Rockmusik zeigt. Dass es eben nicht nur irgendwelche Musik ist, sondern auch eine Form von Kunst, dass Kunst also etwas zählt. Die Politiker, die so massiv gegen die Piratensender angehen, müssen das, obwohl sie es nicht wollen, auch anerkennen. Das Befreiende oder sogar Revolutionäre an den Piratensendern ist allerdings vor allem eine europäische Sache. In Amerika war das ein wenig anders, Rockmusik wurde einigermaßen regelmäßig im Radio gespielt, soweit ich weiß. Ich bin ja in den siebziger Jahren aufgewachsen, da konnte man problemlos Rockmusik im Radio hören. Ich kannte all die alten Songs.

Wären Sie denn auch jenseits Ihrer Rolle ein guter DJ?

Es sieht zwar aus, als ob es eine Menge Spaß machte, aber ich persönlich hätte wenig Lust, stundenlang zu reden und die Leute unterhalten zu müssen. Ich mag es überhaupt nicht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

Für einen Schauspieler ist das eher ungewöhnlich!

Als Schauspieler ist es mein Job, im Mittelpunkt zu stehen, klar, aber in meinem Privatleben nicht, da ist es mir geradezu unangenehm.

Sie haben in einigen Filmen mitgespielt, die in der näheren oder ferneren Vergangenheit angesiedelt sind. Auch „Radio Rock Revolution“ spielt ja 1966, im Jahr, bevor Sie geboren wurden. Ist das leichter, als zeitgenössische Charaktere zu spielen?

Ob etwas leichter oder schwerer ist, hängt für mich von anderen Kriterien ab. Die Dinge beantworten sich von selbst. Als man noch keine Aufnahmegeräte für Interviews hatte, hat man halt mitgeschrieben. Man geht Probleme verschieden an, und eine bestimmte Welt gibt einem als Schauspieler vor, wie man sich zu verhalten hat. Wir stellen uns ganz von selber darauf ein. Man begreift ja auch, wenn man Charaktere aus einer anderen Ära spielt, dass die Menschen gar nicht so verschieden sind. Klar kann man nicht „Dude“ sagen in einem Bürgerkriegsfilm, aber das sind Kleinigkeiten. Es ist alles Handwerk. Das Schwierigste an der Schauspielerei ist es, aufrichtig zu sein, den Moment zu erwischen. Den Rest kann man lernen.

Wenn Sie eintauchen in einen Charakter während der Proben und vor der Kamera, muss es ja trotzdem noch eine Einschätzung, zumindest ein Gefühl dafür geben, ob Sie zufrieden sind mit einer Szene oder nicht. Wie funktioniert das?

Das ist eine komische Sache. Es gibt immer eine leise Stimme in einem, auch im normalen Leben, wenn man sich fragt, ob man jetzt womöglich das Falsche gesagt hat. Da ist immer eine Art drittes Auge, mit dem wir uns selbst betrachten. Man kann es auch unser Ego nennen, das einen in Schach hält. Auch beim Spielen ist das so, wenn ich ich selbst bin und zugleich eine Rolle spiele. Man prüft sich selber. Und man muss lernen, dass diese innere Stimme einen nicht behindert bei dem, was man tut. Man muss sie weitgehend ignorieren, wie einen Zaungast. Das kann manchmal schwierig sein, weil man sich am liebsten mit dieser inneren Stimme streiten würde. Aber, wie gesagt, das passiert einem im Leben auch öfter.

Wie klären Sie das mit einem Regisseur, wenn er zufrieden ist mit Ihnen und Sie die Szene lieber noch mal spielen würden?

Ich schaue mir eine Szene nach Möglichkeit direkt nach der Aufnahme noch mal an, und wenn das nicht geht, sehe ich mir die Muster eines Tages an. Die Regisseure haben in der Regel nichts dagegen, und ich muss sagen, meistens haben sie recht mit ihrer Einschätzung, weil sie einen ja beobachten. Es kommt auch eher selten vor, dass ein Regisseur sagt: „Großartig. Lass uns weitermachen.“ Er will das Optimale aus einem herauskitzeln und von den Schauspielern lernen, weil sie ihm womöglich etwas zeigen, was er gar nicht erwartet hat. Er erhofft sich auch eine Inspiration.

Gehören Sie zu den Schauspielern, die „in character“ bleiben während der gesamten Dreharbeiten?

Ich habe nie kapiert, was dieses „in character“ bleiben eigentlich heißen soll. Du bist nie ganz drin, du bist immer noch du selbst. Man tut bestimmte Dinge, um sich zu manipulieren, in Stimmung zu bringen, um sich wie jemand anders zu benehmen. Wenn man gerade nicht auf der Bühne oder vor der Kamera steht, kann es schon vorkommen, dass man einen besonders auffälligen Akzent beibehält, weil er so schwer zu erlernen war und man ihn nicht wieder verlieren will. Das ist wie bei einem Sportler, der sich in einer Pause fit hält. Oder man möchte allein sein und mit niemandem reden, um seine Konzentration zu erhalten. Es ist alles eine Frage der Disziplin und überhaupt nichts Mysteriöses wie Voodoo. Wenn man total in einer Rolle zu versinken glaubt, ist das eher ungesund, man ist ja nicht der andere. Als ich Truman Capote spielte (Video-Filmkritik: „Capote“), habe ich ein bisschen wie er geredet und mich bewegt, weil es sehr schwer gewesen wäre, das immer wieder an- und abzuschalten. Mehr nicht.

Sie haben in Ihrer Karriere eine Neigung zu den düsteren, mitunter leicht perversen Rollen gehabt. Der Transvestit in „Flawless“, der schmierige Stalker in „Happiness“ oder der obsessive Spieler in „Owning Mahowny“ (Im Räderwerk der Hölle: "Owning Mahowny"), um nur einige zu nennen. Woher kommt das?

Na ja, ich habe auch einige andere Rollen gespielt. Ich glaube, das Publikum hat eine Neigung zu diesen Rollen, das sind diejenigen, an die sich die Leute erinnern. Menschen haben ihre dunklen, verborgenen Seiten, und sie mögen das auf der Leinwand sehen, fühlen sich hingezogen etwa zu einem, der schwul ist und es nicht zugeben will. Jemand, der verklemmt ist und am Telefon eine Frau belästigt wie in „Happiness“, das ist den Leuten auch irgendwie vertraut, selbst wenn sie es moralisch verurteilen. Daran erinnern sie sich. Es sagt mehr über das Interesse der Zuschauer als über mein eigenes.

Warum behaupten dann in Hollywood so viele Agenten und Berater, man müsse Sympathieträger spielen und sein positives Image wahren? Wollen Sie nicht so sympathisch sein wie ein Tom Hanks?

Ich glaube, die Leute sympathisieren mit den verschiedensten Charakteren, wenn man nur aufrichtig spielt. Man muss nicht nur der Gute sein, mit dem sich die Leute identifizieren. Es geht darum, ob man die Wahrheit sagt und glaubwürdig ist. Dann verzeihen einem die Zuschauer auch die Schwächen. Sie sind lediglich genervt, wenn man sie an der Nase herumführt. Ein Schauspieler wie Tom Hanks steht ja auch vor einer großen Herausforderung, wenn er liebenswerte Charaktere verkörpert. Er muss ihre Macken und Schwächen zeigen, wenn sie Hindernisse überwinden sollen, und das Publikum wünscht sich solche Typen.

Hat der Oscar für „Capote“ Ihre Karriere sehr verändert?

Meine Karriere ist im Prinzip so weiter gegangen wie vorher auch. Ich hatte immer das Glück, mit guten Autoren zu arbeiten. Das ist auch der Schlüssel zu meiner Karriere: die Nähe zu begabten Autoren. Der Oscar hat eher mein Privatleben beeinflusst, ich bin nicht mehr anonym, man erkennt mich auf der Straße, aber ich gehe in New York noch genauso raus wie früher, trotz der Paparazzi. Die Leute in meiner Nachbarschaft kennen mich ja und lassen mich in Ruhe. In Europa ist es mittlerweile nicht anders. Der Unterschied ist also schon sehr spürbar.

Das Gespräch führte Peter Körte.

Quelle: F.A.Z.
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