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Peter Sodann Ein allzu Ehrlicher

06.07.2005 ·  Daß der „Tatort“-Star Peter Sodann für die PDS antritt, hätte niemanden überraschen dürfen. Seine Zuschauer werden nun dafür bestraft, daß er klein beigibt, indem er ein großes Projekt verfolgt.

Von Andreas Platthaus
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So sieht es aus, das menschliche Antlitz des Sozialismus. Schon in seiner Rolle als „Tatort“-Kommissar Bruno Ehrlicher ist der Hallenser Schauspieler Peter Sodann zum Inbegriff des gutmütigen Freundes und Helfers geworden, der mehr noch als ein Schimanski seiner ganzen Region Gestalt und Stimme verleiht. Diese Region ist größer als das Ruhrgebiet und länger industrialisiert, und um soviel trauriger sieht es dort heute meist ökonomisch aus. Die Rede ist vom Sendegebiet der Dreiländeranstalt MDR, also von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Eher kleinwüchsig und immer zu einem freundlichen Granteln aufgelegt, bekämpft Kommissar Ehrlicher von seinem Leipziger Büro aus nicht nur das Verbrechen, sondern er verteidigt auch jene sozialen Werte, die aus der Abenddämmerung der DDR noch übriggeblieben sind: die Grillfeste, Kleinsparten, offenen Zweierbeziehungen, „Paul und Paula“-Inszenierungen, Arbeitsfreundschaften.

Aufgehoben im Kollektiv

Das tut er mit solcher Herzlichkeit, daß man sich als Zuschauer in geradezu dialektischem Sinne aufgehoben fühlt in einem Kollektiv, das jedoch von Investoren, Seilschaftern und Profiteuren systematisch unterminiert wird. Wer sich in diesem familiären Umfeld als großer Bruder geriert, ist in den MDR-Tatorten meist der Täter. Selbst der engste Mitarbeiter von Ehrlicher heißt Kain.

Im wahren Leben ist alles noch herzzerreißender. Peter Sodann wohnt nicht in der Boomtown Leipzig, sondern in deren vernachlässigter Nachbarstadt Halle, unter den ärmeren der armen Brüderchen also. Dort baute der 1936 in Meißen geborene Schauspieler 1981 die „Kulturinsel“ auf, wo er bis vergangenen Samstag als Intendant des „neuen theaters“ amtierte. Sodann ließ zuletzt durchblicken, daß er durchaus geneigt sei, noch ein paar Jährchen dranzuhängen, doch die Stadt verlängerte den Vertrag nicht mehr. Am nächsten Tag gab der Schauspieler seine Kandidatur als Spitzenkandidat der sächsischen PDS bei der kommenden Bundestagswahl bekannt.

Vorzeigewähler der PDS

Das hätte niemanden überraschen dürfen, denn Sodann hat aus seinen politischen Sympathien nie einen Hehl gemacht. Er galt für die PDS schon länger als Vorzeigewähler, weil die Stasi den mißliebigen Kabarettisten nach dem Mauerbau für neun Monate inhaftiert hatte. Aus der SED wurde er damals ausgeschlossen, und wie er dem „Neuen Deutschland“ zu Weihnachten des vergangenen Jahres erklärte, fand er die Erklärung für deren Verrat an der sozialistischen Idee darin, daß die DDR-Oberen nicht beteten: „Demut muß sein.“ Wobei für Sodann das Gebet beim Aufheben und Entsorgen einer weggeworfenen Zigarettenschachtel beginnt: „Wahre Freiheit heißt, sich für alles verantwortlich zu fühlen.“

So ist er denn nun dem Ruf der gewendeten Partei gefolgt. Seine Zuschauer werden dafür bestraft, weil in den letzten sechs Wochen vor der Wahl nicht mehr Kommissar Ehrlicher ausgestrahlt werden darf. Und danach droht der Bundestag. Für seinen Abschied als Ermittler hatte sich Sodann folgenden Satz vorgestellt: „Ich habe Großes vor. Ich habe mir ein kleines Häuschen gemietet, und da werde ich Blumen pflanzen, weil ich soviel Mist und Dreck erlebt habe in der Mordkommission.“ Erstaunlich, daß er nun klein beigibt, indem er ein großes Projekt verfolgt. Ehrlicher hätte länger gewährt.

Quelle: F.A.Z., 06.07.2005, Nr. 154 / Seite 40
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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