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Peter Lilienthal zum Achtzigsten : Der Traum von den fünf Sekunden

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Einen inneren Widerstand überwindend, hat sich Peter Lilienthal 1978 dann doch mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt. „David“ erzählt die Geschichte einer Rabbiner-Familie im Nazi-Deutschland aus der Perspektive des Sohnes, dem auf vielen Umwegen die Flucht nach Budapest gelingt. Der Film vermeidet pathetische Anklagen, er ist zurückhaltend in der Darstellung der Gräueltaten, er hat eine fast melancholische Dimension. Das macht ihn so bewegend. Einer der schönsten Lilienthal-Filme entstand 1981 in New York: „Dear Mr. Wonderful“. Joe Pesci spielt darin einen Sänger, der in New Jersey eine Bowlingbahn betreibt und von Spekulanten unter Druck gesetzt wird. Er erlebt den Zusammenbruch seines einigermaßen geordneten Lebens und fängt am Ende von vorn an. Wie immer bei diesem Regisseur dominieren Menschlichkeit und Diskretion. Es gibt keine Effekte, die kleinen Helden behalten ihre Würde. Von Michael Ballhaus fotografiert, ist „Dear Mr. Wonderful“ ein prototypischer Peter-Lilienthal-Film.

Auch im Dokumentarischen hat dieser Regisseur eine glückliche Hand. Das konnte man im vergangenen Jahr bei dem Film „Camillo - Der lange Weg zum Ungehorsam“ noch einmal feststellen. Die Porträts des ersten Irak-Kriegsdienst-Verweigerers und eines mexikanischen Friedensaktivisten sind genau das, was ihr Autor als Desiderat einfordert: engagierte, gestaltete, subtile Reportagen aus der aktuellen Realität.

Die Grenzen sprengen

1984 wurde die Westberliner Akademie der Künste auf Anregung von Günter Grass um die Sektion Film- und Medienkunst erweitert. Peter Lilienthal war dafür der ideale Gründungsdirektor. Er öffnete die Abteilung auch für Hörspielautoren, Fotografen und Kameraleute, gab ihr eine individuelle Inspiration und machte das Haus am Hanseatenweg in den neunziger Jahren mit seiner jährlichen „Sommerakademie“ zu einem internationalen Treffpunkt. Die sechs Sommerakademien sind inzwischen so etwas wie ein Mythos. Ihrem Initiator blieb die vereinigte Akademie der Künste Mitte der neunziger Jahre allerdings zu westberlinlastig. Er wollte die alten Sektionsgrenzen sprengen und hatte starke Vorbehalte gegenüber dem Neubau am Pariser Platz. Ihm schien ein Nomadenzelt auf irgendeiner freien Fläche der Stadt angemessener für die Zukunft dieser Künstlervereinigung. Eine Weile hat er sich dann aus der Akademie verabschiedet. Inzwischen ist er wieder dabei.

„Befragung eines Nomaden“ hieß das Buch von Michael Töteberg, 2001 herausgegeben im Verlag der Autoren. Am Ende wird Peter Lilienthal nach seiner Rolle im „Amerikanischen Freund“ von Wim Wenders gefragt. Er spielt dort einen Gangster, der im Zug von Dennis Hopper erwürgt wird. Das sei sehr ungemütlich gewesen, weil er doch so lange Beine habe. Lilienthal über seine Berufsvisionen: „Ich hätte gern mein Leben lang als Kleindarsteller gearbeitet. Es wäre schön, anzukommen mit einem kleinen Köfferchen, sich schnell umzuziehen und dann gesagt zu bekommen: Du spielst einen Teppichverkäufer, einen Polizisten, einen alten Rabbiner. Du hast fünf Sekunden im Film, dann bist Du vergessen.“ Aber es ist noch schöner, dass Peter Lilienthal Regisseur wurde und nicht so schnell vergessen werden kann.

Quelle: F.A.Z.

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