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Peter Bogdanovich : Fünfzehntausend Filme

Was bleibt, wenn die letzte Vorstellung vorbei ist: Peter Bogdanovich war Hollywoods Wunderkind in den späten Sechzigern. Jetzt wird der Autor, Regisseur und einer der besten Kenner der Kinogeschichte siebzig.

          Auf Fotografien sieht Peter Bogdanovich aus, als gehöre er in eine andere Zeit. Seine horngefasste Brille verdeckt einen Großteil seines schmalen Gesichts, um den Hals trägt er meistens ein Tuch, das er vorm Adamsapfel knotet, und er schaut aus diesen Bildern heraus, als hätte er alles schon gesehen. Und das nicht erst, seit er tatsächlich einer vergangenen Zeit angehört - einer Kinozeit, von der er in Gesprächen, Fernseh- und Filmdokumentationen und zahlreichen Büchern ausführlicher und unterhaltsamer berichtet als viele andere. „Who the Devil Made it“ aus dem Jahr 1997 (deutsch „Wer hat denn den gedreht“, 2000), eine Sammlung von Gesprächen mit Regisseuren wie Robert Aldrich, George Cukor, Allan Dawn, Frank Tashlin, Edgar G. Ulmer und Raoul Walsh, ragt heraus als eins der besten Bücher über Hollywood in seiner längst untergegangenen goldenen Ära überhaupt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er war Hollywoods Wunderkind in den späten Sechzigern, ein Kritiker, der über die Großen des Studiosystems und seine Rebellen bereits geschrieben hatte, über Orson Welles, Howard Hawks und Alfred Hitchcock fürs Museum of Modern Art, über Fritz Lang und John Ford, bevor er selbst seinen ersten Film drehte: „Targets“ (Bewegliche Ziele) im Jahr 1967/68. Es ist ein Film mit einer der seltsamsten Produktionsgeschichten, die die Kinogeschichte, nicht arm an solcherlei, zu bieten hat.

          Aus purer Liebe zum Kino

          Bogdanovich profitierte davon, dass Boris Karloff, damals ein alter, trotz hünenhafter Größe zittriger Horrorfilmstar, Roger Corman noch zwei Drehtage schuldete, die dieser an Bogdanovich abtrat. Es war seine Bedingung, dass Bogdanovich Karloff und dazu ein paar Schnipsel des Thrillers „The Terror“, in dem Jack Nicholson und Karloff gemeinsam auftreten, benutzte und den Film zudem unter Budget fertigstellte. So sehen wir Karloff als alternden Horrorstar, der am Ende ausgerechnet in einem Autokino einem wild gewordenen Serienmörder gegenübersteht. Frieda Grafe schrieb zu diesem Film, als er 1974 in München gezeigt wurde: „Auch schon aus purer Liebe zum Kino entstanden, aber noch nicht so rettungslos in der Vergangenheit verkommen wie die späteren.“

          In den frühen siebziger Jahren drehte Bogdanovich drei Filme hintereinander: „Die letzte Vorstellung“, „Is' was, Doc?“, schließlich „Paper Moon“ - drei Hits in achtzehn Monaten. Er war auf der Höhe seines Ruhms, und er fiel tief, drehte einen Flop nach dem anderen, ging bankrott, und der Mord an seiner Freundin Dorothy Stratten erschütterte sein Leben. Die Achtziger waren ein verlorenes Jahrzehnt, und als er wiederkam, mit Filmen wie „Texasville“ oder „The Cat's Meow“, war klar, dass Leben und Arbeiten im Schatten von Giganten das Leitmotiv für ihn bleiben sollte. Mit Orson Welles verbindet ihn, was er immer fürchtete: dass seine besten Filme seine ersten waren.

          Im Herzen das Erbe des Vaters

          Jerry Lewis meinte einmal: „Peter nimmt den Sonnenuntergang persönlich.“ Das sagt alles über diesen Mann, der romantische Komödien drehen wollte wie Ernst Lubitsch und Screwball Comedies wie Howard Hawks. Im Herzen trägt er das serbische, tragische Erbe seines Vaters, mit dem er im Alter von sieben oder acht Jahren begann, in New York Stummfilme anzuschauen, in düsterem Schweigen. Sein Vater, der mit seiner jüdischen Frau kurz vor Peter Bogdanovichs Geburt 1939 von Jugoslawien nach New York emigriert war, war Maler. Als sein Sohn neun war, erlitt er einen Nervenzusammenbruch, nach dem er noch tiefer in Schweigen versank. „Targets“ hat er noch gesehen, und ein stummes Nicken, als die Vorstellung vorbei war, war das größte Kompliment, das er seinem Sohn je machte.

          Im Alter zwischen zwölf und dreißig hat Bogdanovich, der für jeden Film eine Karteikarte mit seinen Gedanken dazu anlegte, nach eigener Zählung 4984 Filme gesehen. Am 30. Juli wird er siebzig, er dürfte also inzwischen die Marke von fünfzehntausend hinter sich gelassen haben. Das ist ein riesiger Resonanzraum für alles, was er in weiteren Büchern vom Kino zu erzählen hat.

          Quelle: F.A.Z.

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