In seinen früheren Filmen, sagt Gus Van Sant, habe er am Schneidetisch dauernd nach dem nächsten Schnitt gesucht, um keine Zuschauer zu verlieren: „Immer eine neue Szene, um die Dinge in Bewegung zu halten. Man will den Rhythmus nicht verlieren, möchte die Zuschauer packen und für anderthalb Stunden in den Sitz fesseln. Meine letzten Filme handeln von dem Versuch, diesem Konzept zu entkommen.“
Die früheren Filme, das waren „Drugstore Cowboy“, „My Private Idaho“, „To Die For“ oder „Finding Forrester“, mit Ausnahme des letzten auch nicht gerade Mainstream. Seither wurde Van Sant immer radikaler, hat sich von jeglichem Erzählterror befreit und experimentiert Film um Film auf eine Weise mit dem Kino, wie das kein anderer Regisseur seines Ranges wagt. „Gerry“ war eine Art Beckett in der Wüste; „Elephant“ zerlegte das Massaker von Littleton in eine Reihe von langen Kamerafahrten; „Last Days“ machte sich einen Reim auf den Tod von Kurt Cobain; und „Paranoid Park“ erzählt nun von einem Skater-Boy und dem Ende der Jugend. Aber Van Sants Blicke zurück sind alles andere als nostalgisch, denn für alle seine Figuren gilt, was sein Held in „Last Days“ murmelt: „I lost something on my way to wherever I am today.“ Sie wissen weder, wo sie sind, noch wie sie dorthin kamen, aber sie spüren, dass sie etwas verloren haben - man könnte es Unschuld nennen.
Darsteller von MySpace
„Paranoid Park“, das ist der Name einer illegalen Skater-Anlage, die sich die Jungs in Portland gebaut haben und wo sie nachts abhängen, um auf ihren Brettern für Sekunden der Schwerkraft zu entfliehen. Aber anders als etwa Larry Clark ist Van Sant an den Ritualen, mit denen sich die Community ihrer selbst versichert, wenig interessiert. Er ist mehr auf Stimmungen, auf Gefühle und Impressionen aus. Sein Held Alex - dessen Darsteller Gabe Nevins er wie die meisten anderen auf MySpace gefunden hat - ist noch nicht einmal ein besonderer Könner; er skatet gerade gut genug, um nicht aufzufallen, bleibt im Paranoid Park aber nur am Rand sitzen, weil er sich nicht blamieren will. Einmal sieht man eine ganze Stafette von Skatern hintereinander über den Rand der Halfpipe fliegen, eine Flugformation, der die Zeitlupe jene kurzen Momente in der Luft verlängert, ehe die Erde sie wieder hat. Absprung und Landung zeigt Van Sant nicht in diesem Sehnsuchtsbild, das einen wie Alex immer wieder dorthin treibt, wo die Könner unterwegs sind.
Eines Nachts überredet ihn ein älterer Skater, auf dem nahen Bahngelände auf einen Güterzug zu springen. Als ein Gleisaufseher sie erwischt und mit der Taschenlampe nach ihnen schlägt, schlägt Alex mit seinem Board zurück. Der Mann fällt so unglücklich auf das Nebengleis, dass er von einem Gegenzug zerteilt wird. Alex weiß nicht, wohin mit seiner Schuld, er hat niemanden, mit dem er reden kann. Die Eltern lassen sich gerade scheiden, der kleine Bruder kommt auch nicht in Frage, die Freundin will nur möglichst schnell ihre Jungfräulichkeit verlieren, und die Cops, die unter den Skatern an der Schule nach Zeugen fahnden, können sich noch so verständnisvoll geben, sie sind keine Alternative. So hängt Alex in der Luft, in einem Nebel ungewisser Empfindungen gefangen.
Er umkreist das Unglück
Dem Film liegt ein Roman von Blake Nelson zugrunde, aber man darf sich den Film nicht so verstellen, dass er die Chronologie des Unglücks nacherzählt. Er umkreist den Vorfall eher, springt vor und zurück, so dass der tote Wachmann als Anlass von Alex' Entfremdung von der Welt eher in den Hintergrund tritt. Und Gus Van Sant lässt nichts aus, um für dieses Lebensgefühl immer wieder neue visuelle Entsprechungen zu finden.
Hinter der Kamera stand diesmal nicht Harry Savides, sondern der Wong-Kar-Wai-Mann Christopher Doyle, der zusammen mit der Kamerafrau Rain Kathy Li, die für die Super-8-Skater-Aufnahmen zuständig war, nach einer ganz anderen Beweglichkeit sucht. Oft verändert sich während der Einstellungen die Belichtung, so dass plötzlich der Hintergrund überstrahlt oder Figuren aus dem Dunkel auftauchen. Es gibt Kreisschwenks, die den Schuss-Gegenschuss ersetzen, und einen extremen Umgang mit Unschärfen im Bild, der seine Entsprechung im Ton findet, welcher ähnlich kühn mit unseren Vorstellungen von Realismus umspringt: Musikfetzen von Nino Rota und Beethoven, Songs von Elliott Smith und Ethan Rose; sogar eine Soundinstallation von Francis White kommt in einer grandiosen Duschsequenz zum Einsatz. Diesen Film muss man nicht nur gesehen, sondern vor allem auch gehört haben. Wenn es im Moment jemanden gibt, der das Kino als Kunst ernst nimmt, dann ist es Gus Van Sant.