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„Palmyra“ im Kino : Phantasma und Fluch der zerstörten Wüstenstadt

Der Andenkenverkäufer Mohamad vor den Ruinen, die sein Arbeitsplatz waren: Szene des Dokumentarfilms „Palmyra“ Bild: Zentralpark

Bildungsbürgerlich verklärt, vermarktet und für Propaganda missbraucht: Das Kino-Essay „Palmyra“ von Hans Puttnies ist das Werk eines gleichermaßen Liebenden und Verzweifelten.

          Dass die Weltpremiere eines Films gut besucht ist, dürfte erst einmal niemanden überraschen. Dass aber ein privat produzierter Dokumentarfilm ohne jede prominente Beteiligung und auch ohne Verleih im Rücken einen großen Kinosaal bis auf den letzten Platz füllt, ist ein Zeichen dafür, dass sein Thema fasziniert. „Palmyra“ heißt der anderthalbstündige Film, wie die antike Stadt in Syrien, deren Namen uns die Zerstörung der dortigen Kulturschätze durch den einmarschierten IS und bei dessen Bekämpfung durch die Truppen des Assad-Regimes eingebrannt hat. Wer aber wusste vorher von Palmyra? Und was wusste man? Diese Fragen stellt der Film.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          An seiner Herstellung waren nur drei Personen beteiligt: Hans Puttnies, der ihn fotografiert, geschrieben, geschnitten und kommentiert hat, seine Frau Sigrid, die ihn produziert hat, und Daniel Kirschbaum, der Puttnies beim Schnitt half sowie die Filmmusik komponiert und eingespielt hat. 2008 hielt sich Puttnies zwei Wochen lang in Palmyra auf, er begleitete eine bereits betagte Freundin, die archäologiebegeisterte Erika Kähler, an deren antike Lieblingsstätte. Da sie die Witwe des bekannten Archäologen Heinz Kähler war, öffneten sich auch für Puttnies alle Türen in Palmyra. Seine damaligen Aufnahmen des Ruinenfelds und von gelegentlichen Ausflügen in die nahe gelegene Stadt Tadmur halten heute verlorene Szenerien fest, Zeugnisse einer seitdem aufs Neue untergegangenen Welt. Aber darum geht es Puttnies nicht.

          Der Terror von beiden Seiten hält an

          Der Film beginnt mit meist einsamen Gängen durch die Ruinen und Reflexionen von Puttnies über das Bild, das sich der Westen von ihnen gemacht hat. Palmyra wird beschrieben als Konstrukt - geistig wie materiell -, an das Phantasmen herangetragen wurden, die unsere sind, nicht die der dort lebenden Nachfahren jener Menschen, die Palmyra erbauten. Deshalb hat Puttnies auch Syrer fotografiert, und ihnen gehört nicht nur dezidiert das Finale des Films, sondern auch eine der nur zwei Einstellungen, die mit Originalton versehen sind: die Geschichte des damals fünfzehnjährigen Andenkenverkäufers Mohamad. Ansonsten liegt unter der Stimme von Puttnies der aus vielerlei Quellen gewebte Klangteppich von Kirschbaum, der allerdings auch eher westlichen Orientphantasmen entspricht.

          „Palmyra“ ist das Werk eines gleichermaßen Liebenden und Verzweifelten, von einem „Essayfilm“ spricht Puttnies. Zwischen die eigenen wackligen Bilder von 2008 setzt er bisweilen Propagandavideos des IS aus Palmyra - gedreht in bester Qualität mit gespenstischen Szenen. Bevor es ganz schlimm wird, kommt der Schnitt. Die Würde der Ermordeten wird bewahrt, doch es wird an sie erinnert, denn den Tod von Menschen gewichtet Puttnies höher als den von Bauwerken.

          Nach dem Film erfährt das Premierenpublikum, dass dem mittlerweile erwachsenen Mohamad die Flucht nach Dänemark geglückt ist. Aber der Terror von beiden Seiten in Palmyra hält an. Um zu verstehen, was er mit uns anstellt, ist dieser Essayfilm wichtig. Puttnies will ihn nur so vorgeführt sehen, wie er erstmals gezeigt wurde: mit anschließendem Publikumsgespräch. Dank des Auftakterfolgs wird er zunächst weiter in Frankfurt zum Einsatz kommen: am morgigen Sonntag in einer Matinee. An den folgenden Sonntagen womöglich auch. Und hoffentlich dann noch woanders.

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