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„Palermo Shooting“ Jedermann ist blind

19.11.2008 ·  In „Palermo Shooting“ schickt Wim Wenders einen Fotografen, den der Sänger Campino verkörpert, nach Italien, wo er die Midlife-Krise des deutschen Mannes auslebt und Gevatter Tod begegnet. Wenders gelangt mit seinem Film an einen prekären Punkt.

Von Bert Rebhandl
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Im Lauf der Zeit kommen viele Menschen an einen Punkt, an dem sie ihr Leben grundsätzlich in Frage stellen. Sie suchen sich dann vielleicht einen neuen Partner oder gehen zu Fuß den Jakobsweg, mitunter reicht ein neues Auto, manchmal aber bedarf es eines radikalen Neubeginns. Der erfolgreiche Fotograf Finn, die Hauptfigur in Wim Wenders' neuem Film „Palermo Shooting“, fährt nach Italien. Auf einem Schiff sieht er den Namen der Stadt Palermo geschrieben. Er nimmt es als ein Zeichen, sich auf den Weg zu machen an einen unbekannten Ort, an dem er sich seinen Ängsten stellen und der Leere seines Daseins ins Auge blicken kann.

Palermo ist eine alte Stadt. Der Tod hat in diesen verwitterten Gemäuern eine andere Präsenz als in den Zweckbauten der Bundesrepublik. Das Sein zum Tode bekommt im Süden eine sinnliche Qualität, mit der Wim Wenders sich aber nicht begnügt. Er wagt sich in „Palermo Shooting“ weiter denn je in seiner Karriere auf allegorisches Terrain. Er erzählt eine neue Variation des „Jedermann“, dem Spiel vom Sterben des reichen Mannes. Nur geht es bei Wenders nicht um Reichtum und gute Werke und gerechtfertigte Ewigkeit, sondern um die Gefahr, das Leben dadurch zu verfehlen, dass es nie in seiner grundsätzlichen Dimension in den Blick kommt. Es geht um eine spezifische Form von Blindheit, die häufig mit dem Erfolg einhergeht.

Die Fotografie als Bann gegen den Tod

Finn, gespielt von Campino, dem Frontmann der Punkband „Die toten Hosen“, steht für alle künstlerischen Männer mittleren Alters. Sein Handwerk, die Fotografie, enthält nach dem Verständnis wichtiger Denker einen Bann gegen den Tod. Diese Qualität ist in der schalen Ablichtung von Models und Modekreationen verlorengegangen. Finn ist ein Star in einem Metier, in dem es um die Feier der Oberflächen und nicht mehr um die Verewigung der Substanz geht. Man kann das also durchaus so sehen, dass Finn auch seine ursprüngliche Berufung wiederentdecken muss - er muss ein Fotograf im angestammten Sinn werden. Er muss das Leben in seiner gefährdeten Zeitlichkeit begreifen und ertragen lernen.

„Palermo Shooting“ bezieht sich also zuerst einmal auf eine Form der Kontemplation. Ein Mann, der die italienische Sprache nicht versteht, geht durch eine Stadt, von der er Bilder „schießt“. Zugleich aber bildet er selbst ein Ziel. Denn ein geheimnisvoller Mann hat ihn im Visier, von Zeit zu Zeit schießt er einen Pfeil auf Finn ab, der dann kurz taumelt, aber keine sichtbare Wunde davonträgt. Seine Wanderungen durch Palermo werden so auch zu einer Suche nach diesem bedrohlichen Schatten. Finn bewegt sich auf einen Showdown zu.

Über die Tradition der Midlife-Crisis

Auf diesem Weg ist das Schiff, das ihn nach Palermo gewiesen hatte, nicht das einzige Zeichen. In einem großen Wandgemälde, das in einem der palermitanischen Altertümer gerade restauriert wird, findet Finn einen Hinweis auf die Identität des Schützen. Und in der Restauratorin Flavia (Giovanna Mezzogiorno) findet er eine keusche Gefährtin, die ihn mit den einfachen Dingen wieder vertraut macht - eine schöne Mütze Schlaf, ein kleiner Ausflug, ein Wort zur rechten Zeit.

Diese konsequente Hinordnung aller Dinge auf die Midlife-Krise eines deutschen Mannes hat natürlich eine reiche Tradition. Und es stecken eine Menge kultureller Klischees in der Art und Weise, wie Wim Wenders da einen Deutschen nach Italien zur Kur schickt. „Palermo Shooting“ setzt in vielfacher Hinsicht aber auch noch einmal dort an, wo schon die beiden randgängigen Männer Bruno und Robert in dem Wenders-Film „Im Lauf der Zeit“ nach Antworten gesucht hatten.

Die Last der Bedeutung macht blind

Schon damals ging es um die Kunst des Sehens, viel stärker war diese Reise aber noch auf unerwartete Erfahrungen aus. „Palermo Shooting“ hingegen wirkt bei aller Attraktivität der Schauplätze (und der zahlreichen Songs, die eine zweite Deutungsspur darstellen) wie ein Erfahrung, die schon vollständig verarbeitet ist und nun eben in jenem Stadium des Allegorischen noch einmal zu besichtigen ist, in dem es nicht mehr um individuelles Geschick, sondern um Allgemeingültigkeit geht.

Campino, der sich rechtschaffen, aber doch mit deutlich sichtbarem Überschuss an Bewusstheit durch die ereignisarmen Szenen bewegt, wird als Figur niemals richtig lebendig, weil er als Typus immer schon über sich hinausweist. Wim Wenders ist mit „Palermo Shooting“ an einem prekären Punkt angelangt: Er zeigt sich in einem Film, der wesentlich vom Sehen handelt, selbst blind für die Last der Bedeutung, mit der er den Blick verstellt.

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