Eine knappe Woche lange fünf- oder sechsmal am Tag ins Kino gehen, um alte Filme anzuschauen, während in unmittelbarer Nähe Weltpremieren zu sehen sind, warum sollte man das tun? Nur weil die Gelegenheit nicht beliebig wiederholbar ist? Das wäre Grund genug. Im Kino wie in allen anderen Lebenswelten verstehen wir besser, was ist, wenn wir wissen, was war – und was blieb. Aber in Retrospektiven, wie sie etwa das Filmfestival in Locarno, das am Samstagabend zu Ende ging, seit langem in hervorragender Weise zusammenstellt, liegt noch ein anderer Reiz. Er heißt nicht Nostalgie. Es ist vielmehr die Erfahrung von Vielfalt und Möglichkeiten des Mediums. Sehen, was vor Jahrzehnten gewagt wurde, was gelang, was scheiterte, was schließlich Geschichte machte, wenn nicht in diesem einen Film, in dem wir gerade sitzen, dann in anderen Filmen, denen er den Weg bereitete.
Alte Filme verjüngen den Blick. Sie fordern dazu auf, zurückzutreten aus der Unmittelbarkeit der aktuellen Produktion und aus dem Verwobensein kulturindustrieller Ware mit unserer Gegenwart, das ist der lehrreiche Teil. Sie bieten uns an, in eine Welt einzutauchen, von der wir nicht Teil sind und die doch jene heutige Welt, von der wir Teil sind, mitgeformt hat. Wir sind nicht allein, heißt das, wir haben Familie, mal sehen, was die entfernteren Verwandten uns zu sagen haben. Darin liegt das Vergnügen.
Meisterwerke aus vierundvierzig Jahren
In diesem Jahr war die Retrospektive in Locarno Otto Preminger gewidmet. Er wurde in den Vierzigern bekannt, war in den Fünfzigern berühmt und in den frühen Sechzigern ein Superstar, ein Mann, der zumindest in den Vereinigten Staaten überall so sicher erkannt wurde wie damals Alfred Hitchcock. Sein großer, kahler Schädel überragte meistens alle, die neben ihm standen, und sein oft zorniger Bariton und sein harter deutscher Akzent schienen die Geschichten zu bestätigen, die über ihn im Umlauf waren: dass er am Set ein Tyrann sei, dass er Leute, die für ihn arbeiteten, gern erniedrigte, um so lieber, wenn sie schwach waren. Möglicherweise war das eine Rolle, die er für die Öffentlichkeit spielte, vielleicht aber war er tatsächlich ein Biest. Am Anfang seiner Zeit in Amerika, bevor er selbst Regie führte, wurde er gern als Nazi besetzt. In seiner Komödie „Margin for Error“ (1943) besetzte Preminger sich dann selbst als Nazi und spielte sehr glaubwürdig den deutschen Konsul in New York, der von den Polizisten Finkelstein und Salomon vor Anschlägen beschützt werden soll – ein großer Witz für den Juden, der oft „teutonisch“ genannt wurde.
Er hat, zwischen 1935, als er aus Österreich nach Amerika emigrierte und bei der Twentieth Century Fox als Studioregisseur anfing, und 1979 achtunddreißig zum Teil immens erfolgreiche Filme gedreht. Einige galten, als sie herauskamen, als Meisterwerke, „Laura“ etwa, sein bis heute bekanntester Film aus dem Jahr 1944, ein Noir von hinterhältiger Komplexität, der von den Ermittlungen zu einem Mord erzählt, dessen Opfer plötzlich im Zimmer steht. Oder „Anatomy of a Murder“ (1959), ein Gerichtsdrama auf der Grundlage einer tatsächlichen Geschichte, vollständig am Ort des Geschehens gedreht und mit James Stewart in der Hauptrolle des Verteidigers besetzt, der die Jury von der Unschuld seines Klienten zu überzeugen versteht, für die wir, das Publikum, bis heute unsere Hand nicht ins Feuer legen würden.
Zensurblätter aus der Vergangenheit
Andere seiner Filme waren Meilensteine, allen voran das Musical „Carmen Jones“ von 1954, das als erster Film überhaupt eine ausschließlich schwarze Besetzung hatte, oder „The Moon is Blue“ ein Jahr zuvor, weil darin die Wörter Jungfrau (der ganze Satz heißt: „Männer langweilen sich meistens so sehr mit Jungfrauen!“), Verführung und schwanger vorkamen, die dem Production Code, der Selbstzensur Hollywoods, inakzeptabel schienen. Preminger, inzwischen von der Fox getrennt und sein eigener Produzent, brachte den Film dann ohne Zensurfreigabe selbst in die Kinos, und Filmhistoriker sind sich sicher, „The Moon is Blue“ sei ein Sargnagel für die industrielle Selbstzensur gewesen.
„Approved by the British board of censors“, manchmal mit dem Zusatz „for adult audiences“ – vielen der Filme, die in Locarno gezeigt wurden, sind solche Zensurblätter vorangestellt. In einem kurzen Augenblick geben sie einen Hinweis auf den Kontext der Aufführungspraxis zu der Zeit, als die Filme ins Kino kamen, was den Eindruck verstärkt, seit damals seien viele von ihnen nicht wieder in den Projektor gelegt worden. Heute ist es nicht leicht, vorzeigbare 35-mm-Kopien von Premingers Filmen aufzutreiben, die Restaurierungskosten sind hoch, und niemand will oder kann sie tragen. Deshalb musste sich das Festival, das Zugriff auf die Archive der Schweizer, der italienischen und der französischen Kinematheken hat, manchmal mit knarzigem Ton, ausgebleichten Farben oder kompletter Rottönung zufriedengeben.
Den Kontakt zur Stimmung seiner Zeit verloren?
Preminger, der Erfolgsregisseur, drehte auch manches, das beim Publikum durchfiel, und einige Kritiker seiner Zeit konnten gar nichts an ihm finden – seine Blockbuster seien geschmacklos und überladen, langweilige Industrieware, ein Verdikt, das „Bonjour Tristesse“ (1958) ebenso traf wie „Bunny Lake Is Missing“ (1965) oder „The Cardinal“ (1963). Und sein Spätwerk, in dem er zum Beispiel, ausgehend von eigenen Drogenerfahrungen, einen LSD-Trip nachinszenierte („Skidoo“, 1968) oder Liza Minnelli mit entstelltem Gesicht auftreten und mit anderen Außenseitern (einem Rollstuhlfahrer, einem Spastiker) eine Wohngemeinschaft aufmachen lässt („Tell Me That You Love Me, Junie Moon“ von 1970), galt als bestenfalls merkwürdig.
Er habe den Kontakt zu den Strömungen seiner Zeit verloren, hieß es meistens. Im Katalog zur Retrospektive in Locarno schreibt Louis Skorecki, fünfzig Jahre lang habe niemand etwas Gutes über Preminger zu sagen gehabt außer über seine Noirs mit Gene Tierney und die beiden Filme mit Robert Mitchum, „Angel Face“ und „River of No Return“.
Ein unerklärlicher Wiedererkennungswert
Filmemachen ist kein Wettkampfsport, auch wenn es auf Festivals manchmal so aussieht - nur die Retrospektiven, monographische wie diese zumal, sind frei von der Vorstellung, das Wesentliche, das es zu einem Film zu sagen gebe, sei, ob er besser ist als andere. Auch das gehört zur Lust an alten Filmen: zu sehen, ohne bewerten zu müssen. Niemand wird „The Moon is Blue“ für ein Meisterwerk halten, was auch niemand tat, als er zum ersten Mal ins Kino kam, selbst Preminger nicht. Niemand wird heute dem legendären amerikanischen Kritiker Manny Farber widersprechen, der damals schrieb, bei Preminger sei der Sex antiseptisch. Aber kommt es darauf an? Man spürt wirklich nie Leidenschaft bei Preminger, nie Hitze oder chaotisches Gefühl, und es gibt keine Liebesszene, die in Erinnerung bliebe. Wohl aber das Wort panties, das in „Anatomy of a Murder“ eine Rolle spielt - und unverhohlen zur Zensurbehörde hin gesprochen wird -, wohl aber Dorothy Dandridges Tanz als Carmen, mit dem sie nicht nur Harry Belafonte in die Untreue treibt, und auch die sehnsüchtigen Blicke von Kim Novak im „Man With the Golden Arm“, die Frank Sinatra lange nicht erwidert. Wir sehen keine Glut in Premingers Filmen, aber wir sehen heute: Film-Stills. Die Frau im Scheinwerferkegel auf der Straße zum Strand in seinem Seeschlachtfilm „In Harm’s Way“, ist das nicht Cindy Sherman?
Es ist Barbara Bouchét, die Frau des Leutnants Eddington, den Kirk Douglas spielt. Wir begegnen ihr in der ersten Szene, wie sie so aufreizend mit einem anderen Offizier tanzt, dass die ganze Gesellschaft weißuniformierter Soldaten zu ihr hinüberguckt, sie tanzt in einem wilden Ausbruch verzweifelter Lebenslust, angetrieben vom Alkohol und von einer Einsamkeit, von der wir gar nichts wissen, die wir aber erspüren und die uns später klarer wird, wenn wir ihren Mann sehen, den Kirk Douglas ebenfalls als Verlorenen spielt. Im Scheinwerferlicht des Autos eines fremden Mannes tänzelt Barbara Bouchét dann in den Tod. Der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor überrascht sie am Strand. Es ist nicht die einzige der langen Einstellungen Premingers, die wir wiedererkennen, obwohl wir sie nie zuvor gesehen haben.
Gesellschaftliche Spielregeln
Außer in der Science-Fiction hat Preminger in allen Genres gedreht, Musicals, Melodramen, Thriller, Komödien, Kriegsfilme, Gerichtsdramen. Wenn man mehr als zwanzig von ihnen in wenigen Tagen hintereinanderweg sieht, kann man den Produktionsrhythmus nachvollziehen, der für lange Zeit jedes Jahr einen oder zwei Filme hervorbrachte, in einem regelmäßigen Fluss, in dem für eine Weile auch immer wieder dieselben Gesichter auftauchen – in den verschiedenen Noirs in mehr oder weniger derselben Rolle, etwa Dana Andrews, der jeden an die Wand reden und auch dekorativ schweigen kann, vor allem, wenn er einen Hut trägt, und in seiner Nähe, so oder so, natürlich Gene Tierney; in unterschiedlichem Kostüm, als englische Aufsteigerin im siebzehnten oder als Tochter aus kleinen Verhältnissen im neunzehnten Jahrhundert oder als verführerische Serviererin in einer zeitgenössischen Bar die immer etwas schläfrig wirkende Linda Darnell; oder Tom Tryon, der im „Cardinal“ fünfzig Jahre altert und in der großen Seeschlacht in „In Harm’s Way“ John Wayne das Leben rettet.
In Serie gesehen, offenbart sich aber vor allem, was Preminger, der promovierter Jurist war, am meisten interessierte: Institutionen. Die Spielregeln von Gesellschaft. Er hat sie sich alle vorgeknöpft, die katholische Kirche im „Cardinal“, das Militär in „In Harm’s Way“; in „Anatomy of a Murder“ hat er das amerikanischen Justizsystem obduziert, in „Advise and Consent“ einen Untersuchungsausschuss des Senats zur Tauglichkeit eines neuen Außenministers in Washington, das Gesundheitswesen in „Such Good Friends“ – und immer wieder die Ehe. Er glaubte an die Ordnung der Dinge, aber er wusste auch genau, was sie gefährdete, wie die Regeln, sofern sie nicht totalitär sind, offen bleiben für Manipulation, Irrtümer, faule Tricks.
Ein Fremder in einer fremden Stadt
Und manchmal entdeckt der Blick zurück in einem alten Film den Vorschein eines neuen. „The Human Factor“, Preminger letztes Werk aus dem Jahr 1979, ohne großes Tamtam gedreht und sofort untergegangen, gehört in eine Reihe mit der im selben Jahr entstandenen BBC-Serie „Tinker Tailor Soldier Spy“, die als Kino-Remake erst kürzlich wiederauferstanden ist. Auch hier (wie in zahlreichen Preminger-Filmen) hat Saul Bass den Vorspann inszeniert, einer roten Telefonschnur folgend, an der schließlich im Leeren der Hörer baumelt – ein Bild, in dem das Ende dieser Geschichte um einen Doppelagenten, der Fahrrad fährt und eine schwarze Frau hat, was ihn damals erpressbar machte, bereits vorweggenommen ist.
Auf einer der ersten Seiten von Walker Percys großartigem Roman „The Moviegoer“ aus dem Jahr 1960 erinnert sich der Erzähler daran, wie er vom Tod seines Bruders erfuhr. Er war damals acht, und seine Tante sagte, als sie die traurige Nachricht überbrachte: „Ich weiß, du wirst dich wie ein Soldat benehmen.“ Das soll alles sein, fragt sich der Erzähler, und fährt fort: „Das erinnert mich an einen Film, den ich letzten Monat draußen am See Pontchartrain gesehen habe. ...In dem Film ging es um einen Mann, der bei einem Unfall sein Gedächtnis verloren hatte und daraufhin auch alles andere verlor: seine Familie, seine Freunde, sein Geld. Er fand sich als Fremder in einer fremden Stadt wieder.“ Auch darum schauen wir alte Filme - um nicht eines Tages als Fremde aufzuwachen in einer fremden Stadt.