23.02.2009 · Indien hatte gegen Danny Boyles Film „Slumdog Millionaire“ im Vorfeld protestiert. Doch zeichnet sich bereits ab, dass von dem Protest nur Stolz übrig geblieben ist. Leider wird auch die gezeigte Armut bleiben, der die Darsteller jetzt entrinnen sollen.
Von Martin Kämpchen, SantiniketanEin Weltpublikum sah die jungen Darsteller von „Slumdog Millionaire“ aus den Slums von Bombay, wie sie sich bei der Oscar-Verleihung freuten, wie sie sich die Tränen aus dem Gesicht wischten. Ihre Fotos werden in den nächsten Tagen die Zeitungen und Zeitschriften rund um die Welt illustrieren. Man wird ausrufen: „Süße Kinder“, und ihren Charme, ihre Unschuld, ihre Vitalität bestaunen und bewundern, über „den Reichtum der Armen“ philosophieren. Aber ihre smarten Anzüge mit vorgebundenen Fliegen, ihre fein gekämmten und geölten Haare, ihr blitzendes Lächeln spiegeln nichts von der Realität, die bisher ihr Leben bestimmt hat: die erbärmliche Von-der-Hand-in-den-Mund-Existenz in einem der größten Slums von Bombay, der Dharavi heißt und geprägt ist von Unterernährung, Krankheit, Analphabetismus, Alkoholismus und Drogensucht, von Ausbeutung und Familienzank.
Wer jedoch durch diese Slums mit ihren offenen Abwässergräben und aus Blech, Pappe und Lumpen zusammengeflickten Hütten geht, findet auf den Wegen selten Bedrückung und Kummer. Stattdessen fröhliche Gesichter und Szenen der Lebensbejahung. Schon Günter Grass hat über die „erschreckende Schönheit“ des Elends in Kalkutta und Bombay geklagt, über ein Bild der Armut, das so gar nicht zur Vorstellung des abendländischen Betrachters passt. Man erwartet Lethargie und Verzweiflung und entdeckt lachende Kinder und Lebensfreude.
Modernes Märchen in Slumwirklichkeit
Es ist eines der besonderen Verdienste des Films von Danny Boyle, dass er diese befremdende Fröhlichkeit der Armut nicht verleugnet. Der Film besitzt die rauhe Jugendlichkeit und Energie, die ein indischer Slum ausstrahlt. Intuitiv hat der Regisseur diese menschliche Qualität erfasst und eingefangen. Aber die Realität der Armut liegt unter der Oberfläche und ist komplexer, als sie ein Film der populären Art darstellen kann. Die Filmgeschichte von „Slumdog Millionaire“ thematisiert die Armut nicht, sondern erzählt eine romantische Fabel, die so unwahrscheinlich ist wie viele ähnliche Geschichten des Kinos. Die Handlung ist so unrealistisch, wie es nur indische Mythen und Bollywood-Storys sein können.
Und doch ist der Zuschauer bereit, diese Unglaubwürdigkeit der Geschichte zu ignorieren, weil die Elemente, die sie umgeben, aus der harten Wirklichkeit des indischen Lebens gegriffen sind. Die Brutalität der Polizei, die Ausbeutung und Verachtung der Armen, die Bandenkriege, die „Bettlerfabriken“, in denen Kinder zu Krüppeln gemacht oder geblendet werden, die Massaker zwischen Hindus und Muslimen, die Flucht armer Mädchen in die Prostitution – all das sind prägende Elemente im Leben indischer Großstädte. Der Geniestreich des Films ist, ein modernes Märchen mit der Slumwirklichkeit plausibel zu verbinden.
Unseliges Gerangel um fabelhafte Summen
In der Öffentlichkeit Indiens stehen kulturelle Belange noch in der Mitte des Lebens. Kultur dient nicht nur dem Vergnügen, der Entspannung und der Bildung, sondern sie definiert die Identität. Darum entfachen so viele kulturelle Erzeugnisse eine rege Diskussion, die bis zu sozialen Spannungen und Gewalt führen. Auch „Slumdog Millionaire“ ist in Indien heftig debattiert worden (siehe auch Slumdog Millionaire: Britisches Produkt, indisches Problem). Man hat den Film kritisiert, weil er die Armut der Slums offenlege und Indien damit wieder in ein schlechtes Licht rücke. Nachdem der Film nun den höchsten Segen der Filmwelt erhalten hat, wird in Indien nichts als Stolz übrig bleiben. So geschah es auch mit Günter Grass: Heftig wurde zunächst sein Kalkutta-Tagebuch „Zunge zeigen“ kritisiert und verdammt. Als er aber den Nobelpreis erhielt, bezeichnete eine Tageszeitung ihn verehrend als einen „halben Kalkuttaer“.
Die Geschichte von „Slumdog Millionaire“ endet, als Jamal, der Junge aus dem Slum, der als Teeverkäufer beginnt, seine Million gewinnt. Doch der eigentliche Kampf beginnt dann erst. Wie wird er das Geld anlegen? Viele Freunde werden ihn ausnutzen, andere hereinlegen, hintergehen, betrügen wollen. Er wird sich Feinde machen. Überall wird er angebettelt werden. Der Millionär aus den Slums wird einsam sein und es schwer haben, das rasch gewonnene Geld sinnvoll für sich und seine Familie zu nutzen.
Ebenso wird es jetzt den Kinderstars gehen, die nach dem ersten Oscar-Glückstaumel inzwischen wohl schon wieder auf dem Weg zurück nach Bombay sind: zurück in die Slums. Gewiss, Danny Boyle hat versprochen, die Zukunft dieser Kinder zu sichern. Er bezahlt ihre Erziehung, er kauft den Familien Wohnungen, er legt für sie Geld auf die Bank. Doch nach vielen Berichten zu urteilen, hat bereits ein unseliges Gerangel um die fabelhaften Summen begonnen, die der Film schon jetzt eingespielt hat. Ansprüche und Forderungen werden nach dem achtfachen Oscarsegen noch lauter zu vernehmen sein. Boyle wird jetzt erkennen, dass mehr als eine Million notwendig ist, um das Leben von armen Menschen zu verändern. Das ist die dunkle Seite des Kinderlächelns auf dem roten Teppich in Hollywood.
die dunkle seite des westlichen Wohlstandes
bettina jung-stalmann (jungbet)
- 23.02.2009, 23:27 Uhr
So bitter es auch ist...
David Johannson (davidjohannson)
- 24.02.2009, 12:00 Uhr