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Oscars Wer will noch mal, wer hat noch nicht?

24.02.2005 ·  Am Sonntag wird die begehrteste Trophäe im Filmgeschäft verliehen. Auch wenn das Spiel in gewissem Maße durchschaubar ist: So spannend war es schon lange nicht mehr. Ein wenig Oscar-Basiswissen und ein paar Gedankenspiele.

Von Michael Althen
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Was gegen Oscar spricht, liegt auf der Hand: Er ist auf mehr als einem Auge blind und sieht nur, was er sehen will. Für ihn spricht, daß gerade deswegen die Konkurrenz überschaubar bleibt und ihre Regeln in gewissem Maße durchschaubar sind.

Er bringt eine sportliche Komponente in ein ganz und gar unsportliches Geschäft. Und so finden sich auch hierzulande Jahr für Jahr mehr Leute, die auf den Ausgang der Oscar-Verleihung wetten, oder wie das offiziell heißt: "77th Annual Academy Awards Ceremony".

Oscar-Basiswissen

Als Basiswissen zur Einschätzung der Oscar-Chancen darf folgendes gelten: Die Mehrheit der 5800 Mitglieder der Academy sind Schauspieler, die erstens einen Heidenrespekt vor ihren englischen Kollegen haben, es zweitens gerne sehen, wenn ihresgleichen der Sprung hinter die Kamera gelingt, und drittens wider besseres Wissen nicht davon abzubringen sind, daß Behinderungen besonders schwer zu spielen seien.

Viertens sehen sie gerne ihre eigene Profession und Passion gespiegelt, was dann dazu führen kann, daß "Shakespeare in Love" gegen "Saving Private Ryan" gewinnt. Und fünftens sind sie mitunter ein gehässiges Pack, was sich im Ernstfall so äußert, daß sie Lauren Bacalls Verdienste ignorieren und ihr die eher unbekannte Französin Juliette Binoche vorziehen. Mehr muß man eigentlich nicht wissen.

Den Favoriten hinhergeworfen

Mehr wissen auch die Academy-Mitglieder meist nicht, von denen es heißt, sie hätten oft auch nicht gesehen, worüber sie abstimmen sollen. Und vor allem haben die meisten genausowenig eine Ahnung, was eigentlich Tonschnitt ist oder wie Kostüme zu beurteilen wären, so daß sie diese Oscars gerne jenen Filmen hinterherwerfen, die ohnehin als Favoriten gelten.

Oder wie wäre es sonst zu erklären, daß ein Film wie "Gandhi" für die besten Kostüme ausgezeichnet wurde, obwohl sich die Arbeit der Designer darauf beschränkte, Heerscharen von Komparsen in weiße Tücher zu stecken?

Nicht nur blind, sondern auch doof

Das ist ungefähr so unerklärlich wie die Tatsache, daß die Drehbuchautoren dieses Jahr Richard Linklater und seine Stars Julie Delpy und Ethan Hawke mit "Before Sunset" für die beste Drehbuch-Adaption nominiert haben.

Dabei basiert diese Fortsetzung von "Before Sunrise" auf keiner irgendwie gearteten Vorlage und hätte natürlich in der Kategorie fürs Original-Drehbuch ins Rennen gehen müssen. Manchmal ist Oscar eben nicht nur blind, sondern auch ein bißchen doof.

Das Rennen ist offen wie nie

All das Wissen um Regeln und Ausnahmen hilft jedoch ziemlich wenig, wenn Sonntag nacht im Kodak Theatre die Oscars vergeben werden, denn das Rennen ist offen wie nie. Nachdem es erst so aussah, als könne das kleine Weintrinker-Road-Movie "Sideways" triumphieren, weil es zum Jahresende fast alle Kritikerpreise abgeräumt hatte, wurde doch bald klar, daß die Branche selbst lieber eine Nummer größer denkt.

Martin Scorseses Howard-Hughes-Biopic "Aviator" schien genau das richtige Format zu haben. Einen Helden, in dem sich die Filmbranche selbst spiegelte, mit genügend Macken, die ihn als komplexen Charakter erscheinen lassen, große Sets, elegante Kostüme, schöne Frauen, rasante Action - und vor allem einen Regisseur, der von allen respektiert wird, aber noch nie gewonnen hat.

Die Herzen im Sturm erobert

Und gerade als man sich damit abgefunden hat, daß dieser sicher brillante, aber nicht wirklich emotionale Film Scorsese den lang erwarteten Oscar einbringen würde, kam Clint Eastwood mit seinem Boxerinnen-Drama "Million Dollar Baby" des Wegs. Vier Wochen später in den Vereinigten Staaten klein gestartet, aber dann die Herzen im Sturm erobert.

Schon bei den Golden Globes wurde Scorsese düpiert: "Aviator" wurde zwar als bester Film ausgezeichnet, aber den Regiepreis mußte er Eastwood überlassen. Dann kam die Regie-Gilde selbst, die mit ihren Entscheidungen 50 von 56 Mal richtig gelegen hatte: wieder Eastwood. Nun hat "Aviator" bei den Oscars mit elf Nominierungen die Nase vorn, "Million Dollar Baby" folgt mit sieben.

Kein rechter Trost

Man könnte sagen, daß auch Kubrick oder Hitchcock nie den Oscar gewonnen haben, aber das wird Scorsese kein rechter Trost sein. Er war 1981 für "Raging Bull" nominiert, den heute viele für den besten Film der Achtziger halten - und verlor gegen Robert Redford und "Ordinary People", an die sich heute kaum mehr jemand erinnert.

1989 verlor er mit "Die letzte Versuchung Christi" gegen Barry Levinsons "Rain Man", 1991 mit "Goodfellas" gegen Kevin Costners "Der mit dem Wolf tanzt". 2003 dachte jeder, jetzt sei Scorsese fällig, auch wenn "Gangs of New York" ein eher verkorkster Film war - überraschenderweise gewann Roman Polanski für "Der Pianist".

Grund zur Gelassenheit

Nun also Eastwood, schon wieder ein Schauspieler - und ausgerechnet für einen Film übers Boxen, als hätte Scorsese nicht in "Raging Bull" schon alles darüber gesagt. Eastwood selbst sagt, damals hätte Scorsese den Oscar verdient gehabt, diesmal sei die Konkurrenz jedoch härter.

Der Mann hat allen Grund zur Gelassenheit, denn er hat den Oscar schon - "Unforgiven" war 1993 für die beste Regie und als bester Film ausgezeichnet worden. Genau das ist Scorseses größte Chance - daß die Academy-Mitglieder genau deshalb diesmal Eastwood übergehen. Vielleicht führt aber das Kopf-an-Kopf-Rennen dazu, daß Alexander Payne der lachende Dritte ist.

Alles hängt mit allem zusammen

Ähnlich eng ist es bei den Hauptdarstellerinnen: Annette Bening und Hilary Swank standen sich bei den Oscars schon einmal gegenüber, damals mit "American Beauty" und "Boys Don't Cry", diesmal mit "Being Julia" und "Million Dollar Baby".

Und weil alles mit allem zusammenhängt, könnte eine Niederlage von Eastwood bei der Regie dazu führen, daß zum Ausgleich Swank Stimmen bekommt. Als lachende Dritte aber nicht auszuschließen: Imelda Staunton in "Vera Drake". Und die ist auch noch Engländerin.

Sicher ist nur soviel: An Jamie Foxx als "Ray" führt kaum ein Weg vorbei... andererseits, wenn Eastwood verliert... einen Oscar als Schauspieler hat er noch nicht gewonnen...

Quelle: F.A.Z., 24.02.2005, Nr. 46 / Seite 44
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