07.03.2010 · Routiniers behaupten, die Oscar-Gewinner seien noch nie so leicht vorauszusagen gewesen wie in diesem Jahr. Wenn sie sich da nicht täuscht: Das Auswahlverfahren ist durch eine Regeländerung komplizierter als jede Bundestagswahl geworden.
Von Peter KörteEr könne sich an kein Jahr erinnern, in dem die Preisträger leichter vorherzusagen gewesen seien, hat der altgediente Kritiker Roger „Two Thumbs Up“ Ebert behauptet - und eine insgesamt plausible Oscar-Prognose geliefert, in der „The Hurt Locker“ von Kathryn Bigelow knapp vor „Avatar“ liegt, dem Film ihres Ex-Ehemanns James Cameron. Diese hollywoodgemäße Konstellation ist in den Medien natürlich schon ordentlich ausgeweidet worden, genau wie die Möglichkeit, dass zum ersten Mal in der 81-jährigen Geschichte der Oscars eine Frau für die beste Regie ausgezeichnet wird (siehe auch: Die wichtigsten Oscar-Nominierungen in Filmausschnitten).
Viel mehr war im Vorfeld dann auch nicht los, sieht man mal davon ab, dass einer der Produzenten von „Hurt Locker“ wegen „unethischen Verhaltens“ von der Gala ausgeschlossen wurde. Er hatte in Mails an Academy-Mitglieder nicht nur für seinen Film geworben, sondern vor allem „Avatar“ verunglimpft. Schwer zu sagen, ob das nun schadet; oder ob nicht auch das bisschen Lärm nützt, den ein Offizier der Army erzeugte, als er jetzt den Autor und Mitproduzenten Mark Boal verklagte, weil die Hauptfigur von „Hurt Locker“ einerseits unübersehbar nach seinem Soldatenbilde geformt sei, andererseits als gestörte Persönlichkeit gezeigt werde.
Zweit-, Dritt- und Viertpräferenzen
Interessanter ist schon, was der Prophet Ebert großzügig übersieht. Durch eine Regeländerung sind die Oscars komplizierter als jede Bundestagswahl geworden. Bislang gewann in der Kategorie „Best Picture“ von den fünf nominierten Filmen der mit den meisten Stimmen. Bei jetzt zehn nominierten Filmen hieße das, dass zum Sieg theoretisch elf Prozent reichten, was dann doch ein bisschen ärmlich wäre. Deshalb müssen nun Zweit-, Dritt- und Viertpräferenzen benannt werden.
Routiniers behaupten, die Oscar-Gewinner seien noch nie so leicht vorauszusagen gewesen wie in diesem Jahr. Wenn sie sich da nicht täuscht: Das Auswahlverfahren ist durch eine Regeländerung komplizierter als jede Bundestagswahl geworden.
In der ersten Runde scheidet der Film aus, welcher die wenigsten Erststimmen erhielt. Dann werden die Zweitstimmen angerechnet, welche die Wähler des ausgeschiedenen Films vergeben haben - auch nach dieser Runde scheidet wieder der Film mit den wenigsten Stimmen aus. Dasselbe Spiel wiederholt sich mit Drittstimmen und womöglich noch mit Viertstimmen, bis einer der verbliebenen Filme 51 Prozent der Stimmen auf sich vereint hat.
Die deutschen Kofinanzierer kommen
Dieses Verfahren ist für die beiden Favoriten nicht unbedingt günstig; es erhöht die Chancen der anderen, von „Up in the Air“ zum Beispiel oder von „Inglourious Basterds“, so dass am Ende des Showdowns ein lachender Tarantino auf der Bühne stehen könnte. Denn das zentrale Duell ist auch der Kampf von Groß gegen Klein, von Super-Blockbuster gegen einen Film, der in Amerika kaum einen Verleih fand. Gewinnt „Avatar“, wäre er der Sieger mit dem höchsten, gewinnt „Hurt Locker“, wäre er der Sieger mit dem niedrigsten Einspielergebnis der Oscar-Geschichte.
Nur gute Nachrichten gibt es dagegen für Österreich, weil Christoph Waltz (nominiert als bester Nebendarsteller in „Inglourious Basterds“) und Michael Hanekes „Das weiße Band“ (bester fremdsprachiger Film) favorisiert sind - auch wenn jetzt die deutschen Kofinanzierer kommen und ihren Anteil am Erfolg reklamieren, als gäbe es bei den Oscars eine Nationenwertung, die es erlaubte, noch die Nominierungen von „Ajami“ und Tarantino (wegen der Dreharbeiten in Babelsberg) für die deutsche Filmwirtschaft zu verbuchen. Gut, dass Jacques Audiards ebenfalls nominierter Film „Un prophète“ nichts als französisch ist. Aber man kann es natürlich auch mit dem oscarlosen Harrison Ford halten, der als Academy-Mitglied „aus Prinzip“ nicht abstimmt, weil er sportähnlichen Wettkampf in den Künsten für unsinnig hält (siehe Harrison Ford im Gespräch: Star und Zimmermann).
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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