25.02.2008 · Die achtzigste Oscar-Verleihung war die uninspirierteste, witzloseste und sprödeste Show seit Jahren. Die Entscheidungen der Academy trafen in diesem Jahr allerdings so ins Schwarze, dass man ihnen einen besseren Rahmen gewünscht hätte.
Von Michael AlthenMonatelang haben die Drehbuchautoren gestreikt, und als die Golden Globes darum zur bloßen Pressekonferenz reduziert wurden, begann man, um die Oscars zu fürchten. Aber der Produzent der Oscar-Show versicherte immer wieder, man müsse keine Sorge haben, es gebe einen Plan B für den Fall, dass die Autoren immer noch streiken. Mal abgesehen davon, dass er damit kaum weit gekommen wäre, wenn die Stars aus Solidarität mit den Streikenden abgesagt hätten, muss man sagen, dass sich die Show (siehe auch: Bildergalerie: Die Oscars 2008), obwohl der Streik rechtzeitig beendet wurde und die Autoren ans Werk gehen konnten, von Anfang bis Ende exakt so anfühlte, als hätte man auf Plan B zurückgegriffen.
Die achtzigste Oscar-Verleihung war die uninspirierteste, witzloseste und sprödeste Show seit Jahren. Auch egal, könnte man denken, denn schließlich bleiben ja noch die Zusammenschnitte von großen Momenten der Filmgeschichte oder der Preisverleihung selbst. Aber selbst die wirkten diesmal so, als hätten auch die Cutter gestreikt und ihre Arbeit erst kurz vor Showbeginn aufgenommen. Nicht nur waren diese Collagen lustlos zusammengeschnipselt, sondern sie schafften es tatsächlich, die Verbeugung vor den Toten des letzten Jahres so ohne jedes Gefühl für den Moment zu inszenieren, dass sich auch im Saal kaum eine Hand rührte. Dies war immerhin die Rückschau auf ein Jahr, in dem nicht nur Michelangelo Antonioni und Ingmar Bergman, Deborah Kerr und Jane Wyman gestorben waren, sondern auch noch Heath Ledger, einer jener Hoffnungsträger, über dessen unzeitigen Tod jeder gern Tränen vergossen hätte. Nichts von alledem. Stattdessen ein, zwei Bildchen, Musik darüber, fertig. Kaum zu glauben, dass die Hollywood-Fernsehprofis von der durch den Streik verkürzten Vorbereitungszeit dermaßen überfordert sein könnten.
Vermutlich war es einfach nur ihre Art von verschrobenem Humor
Jon Stewart, der den Abend zum zweiten Mal moderierte, blieb entsprechend blass. Kaum einer seiner Gags zündete, der über die schwangeren Nominierten war sogar geschmacklich fragwürdig, aber immerhin blieb ihm auf diese Weise in der zweiten Hälfte noch Luft nach oben. Und fast versöhnte er das Publikum noch, weil er tatsächlich nach einer Werbepause die Tschechin Marketa Irglova, die an der Seite ihres Sangespartners Glen Hansard bei der Dankesrede nicht zu Wort gekommen war, noch mal auf die Bühne holte, damit auch sie sich bedanken konnte. Das hat es noch nicht gegeben, dass jemand im Diktat der begrenzten Redezeit eine zweite Chance bekommt, und so wurde daraus ein wirklich gelungener, improvisierter Moment, einer jener Augenblicke, für die man die Oscars liebt.
Die Show ist natürlich immer nur die eine Hälfte – die andere besteht aus den Entscheidungen (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Oscar-Verleihung 2008). Und die trafen in diesem Jahr so ins Schwarze, dass man ihnen einen besseren Rahmen gewünscht hätte. Von den beiden Favoriten zog zwar „There Will Be Blood“, den man in seiner amerikanischen Geschichtspanoramahaftigkeit eher für oscartauglich hätte halten können, den Kürzeren, aber „No Country for Old Men“ von Joel und Ethan Coen ist einer der besten Oscar-Sieger seit Jahren, so dass die vier Hauptpreise für Film, Regie, Drehbuch und den Nebendarsteller Javier Bardem völlig in Ordnung gehen. Joel Coen schien der Spröde der Veranstaltung die Krone aufzusetzen, indem er bei beiden Dankesreden jeweils nur „Thank you“ sagte, aber vermutlich war es einfach nur jene Art von verschrobenem Humor, der von jeher auch die Filme der Coens auszeichnet.
Der zweite deutschsprachige Oscar in Folge: Das ist ja auch schon was
Dass von vier Darstellerpreisen kein einziger an Amerikaner ging, das gab es noch nie. Daniel Day-Lewis ging auf der Bühne erst einmal vor Helen Mirren in die Knie und sagte, näher werde er einem Ritterschlag in seinem Leben wohl kaum mehr kommen. Die unvergleichliche Tilda Swinton, deren zurückgekämmtes rotes Haar locker die beste Frisur des Abends war, verglich den Hintern ihrer Statuette mit dem ihres amerikanischen Agenten. Die Französin Marion Cotillard (siehe auch: Oscar-Preisträgerin Cotillard: Ein Riesenstar macht sich klein), die für ihre Darstellung der Piaf der Favoritin Julie Christie vorgezogen wurde, sah in ihrem Sieg den Beweis, dass Los Angeles tatsächlich die Stadt der Engel sei. Und der Spanier Javier Bardem, der faszinierendste Killer seit Hannibal Lecter, bedankte sich erst artig auf Englisch und gab dann in der Manier aller fremdsprachigen Preisträger seinem Überschwang auf Spanisch Ausdruck.
Bei den fremdsprachigen Filmen gewann tatsächlich Stefan Ruzowitzky für das KZ-Drama „Die Fälscher“, und auch wenn man Österreich diesen ersten Oscar nicht streitig machen will, so darf man sich doch mit den deutschen Koproduzenten und Schauspielern freuen, die daran beteiligt sind. Wenn man will, kann man sagen, dies sei der zweite deutschsprachige Oscar in Folge. Das ist ja auch schon was.
Ich kann nicht folgen
Claus Bitten (bitten)
- 25.02.2008, 21:30 Uhr