07.03.2010 · Ajami heißt ein Viertel in Jaffa - wie der preisgekrönte jüdisch-arabische Film, den zwei junge Regisseure dort gedreht haben. Der Film ist für den Auslands-Oscar nominiert worden, doch die Macher haben andere Ziele als den Sieg in Los Angeles. Ein Besuch.
Von Julia Encke„Ich würde vorschlagen“, sagt Scandar Copti, als er an diesem windig-warmen Morgen in Tel Aviv nahe der Strandpromenade hält, das Autoradio herunterdreht und von innen die Beifahrertür aufhält, „wir fahren gleich nach Ajami und gehen erst mal in das Café meines Onkels.“ Wir fahren an der Küste entlang, am Steuer, in Trainingsjacke und mit einem beeindruckenden schwarzen Ziegenbart, der bestimmt zehn Zentimeter von seinem Kinn absteht, der junge Regisseur; vor uns, in der Sonne, das alte Jaffa. „Kommt Yaron Shani auch dahin?“ - „Leider nein“, sagt Scandar, „er muss sich heute Vormittag um sein Kind kümmern, heute Abend fliegen wir ja beide nach Los Angeles wegen der Oscars.“ Wir halten vor einem Café, das zugleich ein Buchladen ist, politische Bücher stehen hier, in arabischer und in hebräischer Sprache. Handschlag, Küsse, Umarmungen - jeder kennt hier Scandar Copti. Er ist in Ajami zu Hause.
Zusammen mit seinem jüdischen Freund, Yaron Shani, den er seit acht Jahren kennt, hat der 34-jährige palästinensische Israeli einen Film gedreht, der in Israel inzwischen schon so bekannt ist, dass, wer am Ben-Gurion-Flughafen einreist und angibt, die Regisseure treffen zu wollen, gut gelaunt durchgewunken wird (bei der Ausreise dann allerdings nicht mehr). „Ajami“ hat überall Preise gewonnen, auf den Festivals in Cannes, Jerusalem, London, Montpellier, Valencia und Thessaloniki.
Und dass er, als bester fremdsprachiger Film, jetzt auch noch für die Oscars nominiert ist, ist vor allem deshalb so unglaublich, weil es der erste große Film der beiden ist, an den lange Jahre niemand so recht glauben wollte, nicht einmal die Produzenten. „Wir hatten in der Vorbereitungszeit überhaupt kein Geld, sind beide wieder zu unseren Eltern gezogen, damit wir wenigstens die Miete sparen“, erzählt Scandar, steht kurz auf, holt sich zur Beruhigung einen Kräutertee, hört dabei aber nicht auf zu reden; ein rastloser, sympathisch-entschlossener Typ mit ganz offensichtlichen Energieüberschüssen. „Ich habe in dem Restaurant gearbeitet, das auch im Film vorkommt, Yaron hat als Mathelehrer Privatstunden gegeben. Und wir haben eine Menge Schulden gemacht bei unseren Eltern und unseren Brüdern.“
Das ist ja ziemlich manipulativ
„Ajami“ ist ein Film über das Leben als Ausnahmezustand im gleichnamigen Viertel von Jaffa, in dem die arabische Mehrheit, Muslime und Christen, mit Juden Tür an Tür wohnt, Drogengangs die Straßen beherrschen und Polizeisirenen zum Alltag gehören. Allein während der letzten zwei Jahre kamen in Ajami 42 Menschen ums Leben, jeder, der hier wohnt, kennt irgendeine Familie, die einen Angehörigen verloren hat. Aber vor allem ist dieser Film auch ein außergewöhnliches Experiment: „Die Wirklichkeit ist mächtiger als jede Imagination“, behaupteten die Regisseure und beschlossen, nur mit Laiendarstellern aus dem Viertel zu drehen. Monatelang veranstalteten sie Workshops, in denen sie zweihundert Interessierte, die in Frage kamen, anleiteten und für Rollen auswählten. Bedingung für ein unmittelbares Reaktionsvermögen bei den Dreharbeiten war, dass die Darsteller das Drehbuch nicht kannten, dass es ihnen bis zum Schluss nicht gezeigt wurde.
„Sie kannten das Drehbuch nicht? Das ist ja ziemlich manipulativ. Dann wusste niemand so recht, worauf er sich einließ?“ - „Sicher war das auch eine Manipulation“, sagt Scandar Copti. „Aber sie fand unter bestimmten Voraussetzungen statt. Immerhin kennt man mich in Ajami, ich gehörte hier jahrelang zu den Aktivisten, habe mit 15-Jährigen gearbeitet, meine Mutter ist Leiterin der arabisch-demokratischen Schule in Jaffa. Sie wussten, wer ich bin, was nicht heißt, dass wir ihr Vertrauen damit schon gewonnen hatten. Das war ein allmählicher Prozess. Auf der anderen Seite hätten die jüdischen Israelis, die im Film mitspielen, mit mir als Regisseur ohne weiteres gar nicht gedreht, ohne Yaron, der zunächst allein mit ihnen gearbeitet hat, wäre das gar nicht gegangen. Und wir haben, abgesehen von unseren Freunden und Verwandten, im Film selbst beide eine Rolle übernommen, so dass sie uns als zwei von ihnen und nicht immerzu als übergeordnet wahrnehmen konnten.“
Der Film beginnt mit einem Mord an einem Jungen auf offener Straße - einer Verwechslungstat. Gemeint ist nicht das Opfer, sondern der junge Omar, der, aufgrund eines Verbrechens seines Onkels, in den Racheakt eines Beduinenclans hineingezogen wird. Omar wendet sich an Abu Elias, einen arabischen Christen und vernetzten Geschäftsmann des Viertels, der vor einem islamischen Gericht in einem Beduinendorf eine Entschädigungssumme aushandelt, die Omars Familie unmöglich bezahlen kann. Und weil er keinen anderen Ausweg weiß, versucht Omar, zusammen mit einem Freund, der aus den Palästinensergebieten illegal zum Arbeiten nach Ajami kommt, mit Drogen zu dealen - und läuft dabei einem jüdischen Polizisten ins Netz, dessen Bruder gerade von islamischen Extremisten umgebracht wurde, wofür es Anzeichen, aber zunächst keine Beweise gibt. Wochenlang bangt die Familie um den vermissten Angehörigen und israelischen Soldaten.
Immerzu blökten die Schafe
Es ist eine als Puzzle erzählte Geschichte: mit Zeitsprüngen, Auslassungen und Wiederaufnahmen. „Ein bisschen so wie im Film ,Babel' des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu“, sagt Scandar, „nur dass man bei ,Babel' trotz allem den Überblick hat, als Zuschauer sozusagen Gott spielt, was bei uns nicht der Fall ist. Wir beginnen die Geschichte anhand einer Figur, mit der man sich identifizieren kann. Ab einem bestimmten Punkt springen wir dann zu einer anderen Figur über, bauen wieder ein Identifizierungspotential auf und springen wieder weiter.“ Der überwältigende Effekt dieser Erzählstrategie ist nicht nur der, dass „Ajami“ der Komplexität der Verhältnisse Rechnung trägt. Er liegt auch darin, dass durch die Vielzahl der Perspektiven den Zuschauern kein Urteil nahegelegt wird, über niemanden; dass man hier vielmehr übt, etwas nachzuvollziehen, immer von neuem. „Ajami“ ist ein oft heiterer und trotzdem in jeder Hinsicht harter Film. Für wirklich jeden.
Ein sehr alter Araber kommt in einem Rollstuhl auf unseren Cafétisch zu, in der Hand eine Plastikflasche, in der er irgendein heiliges Wasser mit sich herumführt, das er dem Regisseur zur Begrüßung auf die Hände kippt und ihn segnet. Scandar Copti, der aus einer christlichen Familie kommt, aber gar nicht gläubig ist, lacht und umarmt ihn. Wir verlassen das Café und laufen, vorbei an der griechisch-orthodoxen Schule und dem sicherheitstraktartig eingezäunten jüdischen Apartmentkomplex daneben, von Drehort zu Drehort. Zu jeder Straße gibt es eine Geschichte, eine vom Set und eine aus der Wirklichkeit, manchmal scheinen sie sich zu vermischen. „Dort unten habe ich als Kind surfen gelernt.“ Scandar zeigt auf den Strand. Und die Anlage hier an der Küste, eine hübsche grüne Freizeitlandschaft, in der Jogger herumlaufen, die sei neu. Ganze Häuserzeilen habe man abgerissen, den Schutt ins Meer gekippt, darauf den Park angelegt und davor teure Häuser errichtet, in die reiche Juden aus Tel Aviv gezogen seien. Das sei die Gentrifizierung von Ajami, mit der die arabische Bevölkerung immer mehr in den Osten gedrängt werde, weil sie sich die Mieten nicht leisten könne.
Wie schnell diese unmittelbare Nachbarschaft eskalieren kann, jedenfalls im schlimmsten Fall, das erzählt der Film anhand einer Episode, in der ein jüdischer Anwohner sich nebenan bei den Arabern beschwert, er könne nicht schlafen, weil immerzu deren Schafe blökten. Sie seien gar nicht berechtigt, hier Schafe zu halten. Binnen Minuten schlägt das anfangs noch freundliche Gespräch um in einen Schlagabtausch, wer hier denn berechtigt sei, die Regeln vorzugeben. Einer der arabischen Jungen gerät außer Kontrolle, klappt das Messer auf, sticht zu.
Mehr wert als jeder Filmpreis
Ein paar Kilometer weiter, an der „Bali Burekas“-Bäckerei seiner Eltern, am Jerusalem Boulevard in Jaffa, wartet Shahir Kabaha auf uns, der im Film den jungen Omar spielt. Er hat gerade eine Arbeitsschicht hinter sich, hat jetzt aber auch eine Agentin und gehört zu den Darstellern aus „Ajami“, die inzwischen Schauspielunterricht nehmen. Shahir, hübsch unterm Kapuzenpulli, der wie eigentlich alle arabischen Jugendlichen hier perfekt Hebräisch kann, erzählt, wie er sich vor ein paar Jahren noch einen jüdischen Vornamen gegeben habe, wenn er abends in Tel Aviv ausgegangen sei: „Das machen hier viele so. Wenn ich in einer Disko ein jüdisches Mädchen kennenlerne, das ich toll finde, und wenn ich dann sage, Shalom, ich heiße Shahir, dann ist das Mädchen sofort weg. Das geht einfach nicht.“ Also spielt man mit den Identitäten, will so sein „wie sie“ - und wird im Gegenzug von den Palästinensern ohne israelischen Pass als Verräter verachtet, als Verräter an der „palästinensischen Sache“. „Siehst du da oben auf dem Dach die Arbeiter? Das sind Illegale, nehme ich an. Die Polizei weiß das, aber sie lässt sie in Ruhe. Nur wenn die Polizisten sich sehr langweilen, bringen sie sie aufs Revier, es ist total willkürlich, eine Sache der Laune. Das Ausfüllen der Papiere und all das dauert ihnen oft einfach zu lange, deshalb machen sie dann nichts. Es ist ein ständiges Leben in Angst.“
Wenn man in Israel jemanden kennenlernt, sagt Shahir, sei die erste Frage grundsätzlich: „Welche Religion hast du?“, die zweite: „Woher kommst du?“, und erst die dritte: „Wie heißt du?“ Er hasse das. Zuerst müsse man doch fragen, wie man heiße und wer man sei. Scandar Copti erzählt es anders. Nach seiner Erfahrung lautet die erste Frage: „Wo hast du in der Armee gedient?“ Schließlich sei das Militär in Israel das Wichtigste, alle Chefs der großen Unternehmen seien beim Militär gewesen und auch die führenden Politiker: Rabin, Barak, Scharon.
So erzählt jeder seine Geschichte. Das tut auch „Ajami“. Darin liegt die beeindruckende Komplexität dieses Films, der jede Figur mit ihrer Geschichte zu ihrem Recht kommen lässt. „Am Ende ist allein die Tatsache, dass sich ein Polizist im Kino in einen Jungen aus den Palästinensergebieten hineinversetzt oder dass ein Araber aus Jaffa an der jüdischen Familie Anteil nimmt, die ihren Sohn verloren hat, für mich viel mehr wert als jeder Filmpreis“, sagt Scandar Copti. „Obwohl“, er streicht sich durch seinen lustigen Bart, „so ein Oscar wäre schon gigantisch.“