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Donnerstag, 20. Juni 2013
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„Zero Dark Thirty“ im Kino Wie nützlich ist die Wahrheit?

 ·  „Zero Dark Thirty“, Kathryn Bigelows sensationeller Film über die Jagd auf Usama Bin Ladin, entfacht abermals die Debatte, ob Amerika foltert und ob es das darf und sollte.

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Ob „Zero Dark Thirty“ gut oder schlecht ist? Das war lange gar nicht die Frage. Bevor der Film am Mittwoch in die New Yorker Kinos kam und ab 11. Januar in die des Landes kommt, wurde aber schon heftig darüber gestritten, ob er richtig oder falsch ist. Die Kritik beschränkte sich erst einmal auf einen Vergleich mit tatsächlichen, aktuellen Geschehnissen. Was nicht ganz abwegig ist, da Kathryn Bigelow, die Regisseurin, und Mark Boal, der Drehbuchautor, von einem „journalistischen Ansatz“ sprechen. Obendrein warnen sie uns aber davor, den Film als Dokumentation zu begreifen. Sie sagen, sie wollen vor allem eine spannende Geschichte erzählen, nämlich die von der zehnjährigen Jagd auf Usama Bin Ladin. Wie die ausgeht, ist bekannt. Warum sie so ausgegangen ist, darüber gibt es jetzt Streit.

Dieser Streit ist älter als „Zero Dark Thirty“. Er begann mit den Enthüllungen von „enhanced interrogation techniques“, die der damalige Präsident Bush nicht Folter nennen mochte, und steigerte sich zum grellen Hit der Nachrichtenkanäle, bis er unentschieden verebbte. In neuer Frische setzte er sich nach der Tötung Bin Ladins fort, als Präsident Obamas Fürsprecher bekundeten, Folter habe dabei keine Rolle gespielt, und seine Gegner naturgemäß das Gegenteil behaupteten. Auch ein Bericht des Geheimdienstausschusses des Senats, der zu dem Ergebnis kam, Folter sei kein „zentraler Bestandteil“ der erfolgreichen Suche nach Bin Ladin gewesen, brachte vergangene Woche keine Einigung. Die republikanischen Senatoren erkannten im Gegensatz zu ihren Kollegen von der demokratischen Partei den Befund nicht an, und so wird die Akte in ihrer ganzen, sechstausend Seiten umfassenden Ausführlichkeit zunächst geheim bleiben. Auch und gerade die Wahrheit ist in Washington bloß nach einem politischen Nützlichkeitstest zu haben - oder nicht.

Die Rolle der Folter

Kein Wunder daher, dass „Zero Dark Thirty“, ein Film, der nach einem bilderlosen Stimmenpräludium von den Terroranschlägen des 11. September mit zwei infernalischen, von etwas Bürokratie unterbrochenen Folterszenen beginnt und mit dem blutigen Ende von Bin Ladin endet, nicht den Filmkritikern überlassen wird. Republikaner waren aufs Schlimmste gefasst. Kathryn Bigelow und Boal, die in „The Hurt Locker“ den Irak-Krieg in all seiner Brutalität der Leinwand fast eingebrannt und dafür sechs Oscars kassiert hatten, waren ihnen als vermeintliche Prototypen des linksliberalen Hollywood von vornherein verdächtig. Was anderes würden sie liefern als eine Verklärung des Oberbefehlshabers Obama, der den Oberterroristen zur Strecke brachte? Und dann dies: „Ich wette, dass Dick Cheney den neuen Film ,Zero Dark Thirty’ lieben wird“, sagte Frank Bruni, Kolumnist der „New York Times“, in seiner politischen Betrachtung des Streitobjekts voraus.

Bruni war nicht der Einzige, der sich fragte, ob der Film eine Rehabilitierung der Folter sei, eingekleidet in den spannungsgeladenen Beweis, dass den Navy Seals der Coup in der pakistanischen Nacht nur gelang, weil ihm über die Jahre ein paar zielsichere Körperverletzungen vorausgegangen waren. Im Internetmagazin „Salon“ erklärte Emily Bazelon, „Zero Dark Thirty“ lege den Daumen auf die Waage zugunsten der Folter. Kathryn Bigelows und Boals beispiellos enge und vertrauliche Zusammenarbeit mit der CIA könnte sich, wie Bazelon doch fürchtet, in einer allzu gefälligen Übernahme der Erzählungen ihrer Informanten niedergeschlagen haben. Selbst der Geheimdienstexperte Peter Bergen, der als Berater die Dreharbeiten begleitete, wirft jetzt dem Film vor, er hinterlasse den Eindruck, Folter habe den Weg zu Bin Ladin gewiesen.

Wo der Film die Spur beginnen lässt

Nichts davon wollen Regisseurin und Drehbuchautor wahrhaben. Im „New Yorker“ versichert Bigelow, der Film enthalte sich jedes Urteils. Das Filmportal „The Wrap“ zitiert Boal mit dem Rat, den Film als Film zu sehen und eben nicht als Abschussrampe für eine politische Erklärung. Aber geht das überhaupt? Ist nicht schon die Weigerung, eine klare Position zu beziehen, ein halbes Ja zur Folter? Im Film wird das Fernsehinterview, in dem Obama beteuert, Amerika foltere nicht, von den folternden CIA-Leuten ohne jede lesbare Regung aufgenommen. Sofort danach setzen sie ihre taktischen Beratungen fort, als hätten sie nichts gehört. Heißt das auch, wir sollen entscheiden? Heißt das, die Regisseurin und der Drehbuchautor drücken sich um ein moralisches Urteil? Heißt das, Folter muss sein, ob mit oder ohne Zustimmung der Nation, ob mit oder ohne Wissen des Präsidenten?

In einer gut besuchten Nachmittagsvorführung am New Yorker Premierentag sind die Reaktionen des vorwiegend männlichen Publikums nur schwer zu entschlüsseln. Der Saal bleibt ruhig bei den Folterszenen. Die Leute gehen stumm aus dem Kino, auf ihren Gesichtern sind weder Triumph noch Scham auszumachen. Sie haben nicht nur gesehen, wie ein Mann gefoltert wird, sie waren dabei. Ammar, der übel zugerichtete Gefangene, der trotz Wasserfolter nichts verrät, fängt schließlich zu sprechen an, als er an einem üppig gedeckten Tisch sitzt und von seinem nun jovialen Peiniger eine Zigarette bekommt. Seine Hinweise sind dürftig und sogar fehlerhaft, aber sie bringen Maya, die aufsässige CIA-Agentin, die vor keinem Vorgesetzten kuscht und als ungeahnte Heldin den Film zusammenhält, endlich auf die heiße Spur.

Das Finale als filmischer Bavourakt

Wer will, kann daraus schließen, die Folter habe nichts genützt. Wer glaubt, dass die Folter erst den entscheidenden Suchmechanismus in Gang gesetzt hat, liegt nicht weniger richtig und wird darin von einigen kürzeren Folterepisoden noch bestärkt. Aber das sind Drehbuchdetails. „Zero Dark Thirty“ ist eine virtuos angefertigte Gefühlsbombe, und wenn sie explodiert, muss alles kühle Nachdenken vergebens sein. Folter ist kein Thema mehr in der letzten halben Stunde, die aus einem einzigen filmischen Bravourakt besteht. Nach dem langen, akribisch nachgezeichneten Umherirren der Geheimdienstbürokratie wird der Überraschungsangriff auf das Versteck Bin Ladins in einer auf Überwältigung abzielenden Filmsprache erzählt. Moral löst sich da in atemberaubender Action auf, aber ohne triumphalistischen Beigeschmack.

So mag uns der Film durchaus erlauben, selbst die Entscheidung über die Folter zu treffen. Seine emotionale Wucht reißt uns jedoch mit in eine Gefahrenzone, in der wir die Folter als letztes Mittel zumindest in Betracht ziehen. „Zero Dark Thirty“, so weit herrscht inzwischen Übereinstimmung, ist ein Rorschachtest. Jeder sieht in ihm, was er sehen will und muss. Gut und falsch wird der Film genannt oder auch gut und richtig, nie aber falsch und schlecht. „Grenzwertig faschistisch“ sei er in seiner Moral, aber „phänomenal fesselnd - ein unheiliges Meisterwerk“, stöhnt David Edelstein im Stadtmagazin „New York“. Diese Unheiligkeit, die eher eine Unbestimmbarkeit ist, garantiert, dass er als Spielball der Politik längst noch nicht ausgedient hat.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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