Die Show war mit gut drei Stunden kurz, vieles bei den Preisen ungerecht, Meryl Streep bei der Annahme ihres erwartbaren Oscars für die „Iron Lady“ erstaunlich gefühlig und Angelina Jolie umwerfend, was nicht nur am schönsten Kleid des Abends lag. Ansonsten war neu vor allem eines: Die Männer trugen Bart. Morgan Freeman, Michel Hazanavicius, Brad Pitt, Christian Bale, Robert Downey Jr., Gary Oldman und viele andere, sie alle schauten nicht unrasiert, sondern mit gepflegtem Gesichtshaar in die Kamera. Eine Mode von gestern.
Seit „The Artist“ als Favorit in den wichtigen Kategorien schon im Ziel zu stehen schien, während alle anderen nur im Rennen waren, gab der schwarzweiße französische Stummfilm das Thema des Abends vor: Sehnsucht nach gestern und Glamour wie einst. Da störte offenbar nicht, dass rund um das ordinäre Einkaufszentrum Hollywood & Highland Center, das nach der Kodak-Pleite dem ehemaligen Kodak Theatre seit gerade mal drei Tagen seinen Namen leiht, nichts daran erinnert, wie es einmal gewesen sein mag. Außer den Wachsfiguren bei Madame Tussaud gleich nebenan.
Ein Abend voller Alterswitze
Nun ist die Oscar-Verleihung an sich eine nostalgische Veranstaltung, das ist schon mindestens so lange so, wie Hollywood seine wichtigsten Geschäfte nicht mehr im Kino, sondern in neueren Medien und mit Zweit- und Drittverwertungen macht. Doch schon seit einigen Jahren wird gerade bei den Oscars das Kinoerlebnis beschworen, als sähen wir alle nicht längst Filme auch ganz woanders. Jahr für Jahr taucht der Glanz vergangener goldener Zeitalter die Stadt für diesen einen Abend noch einmal in ein warmes Licht, in dem niemand Schatten wirft - die Gewinner nicht und die, die leer ausgehen, auch nicht. Wenn die Lampen auf der letzten Party der Oscarnacht ausgeschaltet werden, wird es sein, als wäre nichts gewesen.
Alle wissen das, aber mit diesem Wissen steht niemand den Abend durch. Geschweige die Zeit davor. Wer hingeht, wer gewinnen könnte, für wen - wie Wim Wenders und seine Leute - der Abend schon um halb drei in der langen Schlange der Limousinen vor dem roten Teppich beginnt, wer das mit Würde durchstehen will, für den gilt erstens: Bringen wir es hinter uns. Und auch, zumindest am Anfang des Abends: Besser wird es nicht.
Billy Crystal, der die Oscarverleihung schon zum neunten Mal moderierte, spielte perfekt auf der Klaviatur dieses Gefühls, es könne für einen Abend noch einmal so sein, wie es nie war. Er rauschte nicht nur auf einem Filmstreifen auf die Bühne, sondern stellte auch Gäste und Filme in einem Medley aus Filmsongs vor, die alle einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Alterswitze durchzogen den Abend. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass die „L. A. Times“ vor einigen Tagen eine Studie zur demographischen Zusammensetzung der Academy veröffentlicht hatte. Alt, weiß, männlich, so sieht es da aus.
Vier deutsche Nominierungen
Dass „The Artist“ mit fünf Oscars, darunter den wichtigsten für Regie, den besten Hauptdarsteller und besten Film, am Ende als Gewinner dastand, obwohl auch Martin Scorseses „Hugo“ fünf Oscars bekam, darunter allerdings in den weniger wichtigen Kategorien Effekte, Tonschnitt und Tonmischung, passt da ins Bild. Den Übergang zum Tonfilm, von dem „The Artist“ erzählt, dürften nicht wenige Academy-Mitglieder noch erlebt haben. Scorseses „Hugo“ dagegen bringt mit elaborierten 3D-Effekten sein filmhistorisches Thema durchaus heutig auf die Leinwand. „The Artist“ ist eine leichtfüßige Liebeserklärung an Hollywood - die Jean Dujardin in seiner Dankesrede für den Oscar als bester Hauptdarsteller bekräftigte: „Thank you, Douglas Fairbanks!“ „Hugo“ aber ist eine Liebeserklärung ans Kino, das seine Wurzeln anderswo hat, nämlich in Frankreich. Was man hier vielleicht nicht so gern hört.
Am Nachmittag vor der Verleihung feierten die deutschen Nominierten - es waren immerhin vier, neben Wenders für „Pina“ noch Max Zähle für seinen Kurzfilm „Raju“, die deutschen Koproduzenten Schmidtz Katze Filmkollektiv für Agnieszka Hollands „In Darkness“ in der Kategorie „Bester nicht englischsprachiger Film“ und Lisy Christl für die Kostüme in Roland Emmerichs „Anonymous“ - hoch über dem Pazifik in der Villa Aurora die traditionelle Vor-Oscar-Party. Der Blick von der Villa in den Pacific Palisades ist unschlagbar, das Haus verliert seinen musealen Charme auch nicht im Ansturm von (laut Veranstalter) fünfhundert Leuten, aber ob der Geist längst toter Giganten, die hier wohnten, von Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger, noch durch die verwinkelten Flure weht, wer wollte das entscheiden? Marta allerdings, Marta Feuchtwanger, ist in Büsten und Bildern aus jedem Lebensalter immer noch eine formidable Präsenz.
Von der einen Praty zur nächsten
Ob Thomas Mann jemals bei einer Oscarverleihung war? Unwahrscheinlich. Feuchtwanger sicher auch nicht. Doch statt unter dem stechenden Blick von dessen legendärer Frau nach Spuren toter Männer zu suchen, wer besingt die Helden des Samstags? Den, wer auch immer es war, der in die hohe, schmale Kapellenvase vor dem Sicherungskasten die gelbe Gerbera mit den weißen Hyazinthen und einem hochstehenden hellgrünen Kraut gesteckt hat? Die Frauen, die in der Küche lange Spieße durch Obststückchen aus Plastikbehältern stachen oder auch durch kleine Mozzarellakugeln und noch kleinere Tomaten? Die Zeit fanden, zwischendurch heißes Wasser für Wenders zu kochen, der zum ersten Mal Erschöpfungserscheinungen zeigte und bibberte, obwohl es nicht sehr kalt war? Die Männer von der Sicherheit, die unbewegt vor den Zimmern der Stipendiaten der Villa Wache hielten?
Niemand tut so, als seien die Deutschen besonders wichtig in Hollywood. Sie spielen sich nicht auf, jedenfalls die nicht, auf die es ankommt. Und Stars, na ja, auf Jürgen Prochnow ist Verlass. Auch was die Garderobe anging, war der Glamourpegel niedrig, es wurde einiges getrunken, und allgemein heißt es, die Party sei wieder einmal ein voller Erfolg gewesen. Und wer Glück hatte, hatte die Einladung zur nächsten schon in der Tasche: die „Pina“-Viewing-Party am Oscar-Abend.
„Viewing Parties“ sind für die, die nicht bei den Oscars dabei sind. Die fernsehen. Das ist ja eine wenig glanzbehaftete Angelegenheit, deshalb sind die Partys exklusiv und die Einladungen begehrt. Die „Pi-na“-Party, die auch den anderen deutschen Nominierten gilt, findet in dem Hotel statt, in dem Wenders wohnt, einem der schönsten in der Gegend des Sunset Boulevard, weil es etwas versteckt liegt, weiträumig zwischen zwei Pools und vielen Beeten und Bäumen angelegt ist, mit versteckten Villen, zu denen schmale Wege führen. Weit mehr als zweihundert Gäste sind geladen. Die Garderobenfrage wird ausführlich diskutiert. Party-Crasher sind zu erwarten.
Nicht gegen den verlieren!
Und dann hat keiner der Deutschen gewonnen. Dass „In Darkness“ gegen „Nader und Simin - Eine Trennung“ von Asgar Farhadi keine Chance haben würde, wusste jeder. Bei den Kurzfilmen wusste es niemand, bei den Kostümen war die Konkurrenz von „The Artist“ und auch „Hugo“ zu stark (“The Artist“ gewann).
Und „Pina“? Es war wohl doch die Macht der Weinsteins, die diesen Sieg verhindert hat. Denn „Undefeated“, den die mächtigen Brüder in den letzten Wochen noch heftig beworben hatten und der den Oscar holte, ist ein ziemlich schlechter Film, der mit Rockmusik, heftigem Gezoome und einem wilden Schnitt Dynamik nur vortäuscht. Dass die Geschichte vom weißen Football-Trainer, der in einer Schule in Memphis eine bisher immer miserable, undisziplinierte Mannschaft aus schwarzen Jugendlichen zu einigem Erfolg führt, in ihrer Blindheit für Ursachen und ihrem penetranten Mantra des charakterbildenden Effekts von Niederlagen und dem Erfolg, der jedem winkt, der wieder aufsteht, im Kern reaktionär ist, scheint hier niemanden zu stören. Good old America, in dem jeder was werden kann, wenn er sich anstrengt. Fürchterlich.
Wenders kam gegen zehn Uhr zu seiner Party. Er wurde mit Applaus empfangen und umarmte sein ganzes Team. Dann hielt er eine kurze Rede: „Leute“, sagte er, „wir haben heute alle eine unschätzbare charakterbildende Erfahrung gemacht. Lasst uns dankbar sein.“ Man spürte seine Verachtung für den Siegerfilm. „Es ist der einzige“, meinte er später, „gegen den ich nicht verlieren wollte.“
Auf dem Heimweg von der Party stauten sich auf dem Sunset Boulevard die Stretchlimousinen. Im Nachbarhotel feiern die Weinsteins ihren Erfolg, für „The Artist“ und auch für „Undefeated“. Die Musik, die durchs Fenster hinüberschallt, kommt aus den achtziger Jahren. Nach diesem Abend, der sich im Feiern des Gestrigen gefiel, klingt das fast schon zeitgenössisch.