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Die Tricks der kleinen Männer Der große Hobbit geht aufs Ganze

 ·  Die Kinotechnik ist im Umbruch. Digitale Geräte ermöglichen nie gekannte 3D-Erlebnisse. Deren Risiken stellt sich Peter Jackson in seiner neuen Tolkien-Adaption nun als Erster.

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© Warner Auch bei der Technik kann Peter Jackson (rechts neben „Bilbo“-Darsteller Martin Freeman) aus dem Vollen schöpfen. Jede seiner 48 High-End-Digitalkameras kostet (ohne Objektiv) knapp 40.000 Dollar

Wie soll das gehen? Das dürften sich viele Leser J.R.R. Tolkiens gefragt haben, als bekannt wurde, dass der Regisseur Peter Jackson nach seinen drei „Herr der Ringe“-Filmen (insgesamt 17 Oscars!), Tolkiens „Hobbit“ ebenfalls als Dreiteiler in die Kinos bringt. Ist das nicht etwas viel für ein schmales Kinderbuch?

Wie immer das ausgeht, Filmgeschichte wird Jackson damit so oder so schreiben. Seine Kameraleute haben keinen Negativfilm mehr belichtet. Stattdessen wurde die Bildinformation direkt digitalisiert. Erstmalig wurden dabei aber nicht nur 24 Einzelbilder pro Sekunde erfasst, sondern 48. Die Bildmenge verdoppelt sich nochmals, da immer zwei Kameras synchron arbeiten, Jackson filmt schließlich in 3D. Obendrein kamen allerneueste High-Density-(HD-)Kameras zum Einsatz. Statt 2048 Pixel (die sogenannte „2K“-Auflösung), wie sie bei digitalen Produktionen bisher üblich sind, drängen sich dort 5120 Pixel auf eine Zeile, und die Zeilenzahl ist auch vertikal mehr als verdoppelt. Insgesamt müssen pro Sekunde also satte 24-mal so viel Daten aufgezeichnet werden wie bei einer herkömmlichen Produktion. Wozu der Aufwand?

Immer mehr Kinos werden auf digitale Projektion umgestellt

Es geht um weit mehr als nur um den „Hobbit“. Die größte Sorge der Filmindustrie bei der Umstellung auf digitale Projektion war, die Wirkung des Filmbildes beizubehalten, an die das Publikum gewöhnt ist. Man wollte nicht, dass die Zuschauer wegbleiben, weil das Digitalkino ihnen irgendein unerklärliches Faszinosum vorenthielt. Deshalb wurde ein System festgelegt, das sogar die Schwächen der analogen Projektion kopiert, zum Beispiel die Bildfrequenz von 24 Bildern pro Sekunde (fps für „frames per second“). Bis 1930 war mit unterschiedlichen Bildfrequenzen gefilmt und vorgeführt worden.

Die letzten Stummfilmproduktionen näherten sich 30 fps, doch als bei der Einführung des Tonfilms die Bildrate von Tonkopien festgelegt werden musste, einigte man sich auf einen Kompromiss zwischen besserer Bewegungsauflösung und Materialverbrauch: die 24 fps. Damit zementierte man Effekte, die während der folgenden 80 Jahre bestehen sollten. So muss bei der Vorführung jedes Bild mindestens zweimal gezeigt werden, um die Flimmerfrequenz des Projektors von 24 auf zumindest 48 Hertz anzuheben. Damit ergaben sich jedoch „verbotene“ Kamerabewegungen, die bei der Projektion im Kino zu störenden Doppelkonturen und Zittereffekten (“jitter“) geführt hätten. Das etablierte einen bestimmten Stil der Kameraführung, der auch bei computergesteuerten Sequenzen beibehalten wurde.

Gegenwärtig werden immer mehr Kinos auf digitale Projektion umgestellt. Das heißt aber nicht, dass digital gedreht wurde. Meist wird ein analoges Kameranegativ erst nach der Entwicklung für die Postproduktion digitalisiert, und zwar in so hoher Auflösung, dass alle darin enthaltenen Bildinformationen erfasst werden. Am Ende wird dann alles für die Kinoprojektoren auf 2K heruntergerechnet.

Peter Jackson folgt dem Weg der Erhöhung der Bildauflösung

Wenn aber gleich mit Digitalkameras in 2K aufgenommen wird, so kann infolge des festen Rasters der Sensoren die reale Welt mit ihren kleinsten Strukturen nicht fehlerfrei erfasst werden. Details wie Haare, Baumblätter oder die Ziegel auf den Dächern einer Stadt in der Totale zeigen plötzlich Muster oder ein Flirren. Wenn es schlimm kommt, sieht das aus wie ein projiziertes Video, und das will man im Kino eigentlich nicht sehen. Mit analogem Filmmaterial kann das zwar nicht passieren. Dennoch geht das Analogzeitalter auch bei Kinoproduktionen zu Ende. Treibende Kraft ist der Trend zum dreidimensionalen Filmerlebnis.

Früher waren 3D-Filme lediglich modische Attraktionen. Jede 3D-Welle dauerte jeweils so lange, bis eine neue Generation sich daran sattgesehen hatte, keine Brillen mehr aufsetzen oder nicht mehr mit Kopfweh nach Hause gehen wollte. Letzteres war eine Folge von Unzulänglichkeiten in der Produktionskette für die beiden analogen Filmstreifen, die für jedes Auge getrennt aufgenommen werden mussten. Hinzu kam der verdoppelte Materialaufwand. Doch die technische Entwicklung der vergangenen 30 Jahre hatte 3D nahezu überflüssig gemacht: Zum Beispiel lassen sich Szenen mit computergesteuerten Kamerakränen umkreisen. Die fortgesetzte gleichmäßige Seitwärtsbewegung versorgt dann das Sehzentrum des Zuschauers mit allen Informationen für eine Tiefenstaffelung der Objekte, fast wie bei echtem 3D mit Doppelprojektion.

Mit der Umstellung auf digitale Projektion vereinfacht sich die 3D-Kinotechnik jedoch erheblich. Es wird kein zweiter Projektor benötigt, entsprechend ausgerüstete Digitalprojektoren bewältigen die Darstellung der Bilder für beide Augen, da sie in der Lage sind, etwa 200-mal pro Sekunde ihre Bildinformation auszutauschen. Dies wurde umgehend bei Animationsfilmen wie „Ice Age 3“ genutzt. Digitalkameras ermöglichen es nun, auch Realfilme ohne die bisherige Materialschlacht in 3D zu drehen. Doch ohne den analogen Negativfilm in der Produktionskette drohen die erwähnten Bildartefakte - und die sind speziell bei 3D verheerend, da die Tiefeninformation auch in winzigen Unterschieden zwischen den zwei Bildern für beide Augen enthalten ist. Die einzige Abhilfe bei der digitalen Aufnahme ist eine signifikante Erhöhung der Bildauflösung. Dieser Weg wird inzwischen zunehmend beschritten. Und Peter Jackson folgt ihm selbstverständlich auch.

Die Bilder verursachen keine Übelkeit

Der nächste logische Schritt besteht dann darin, das hochaufgelöste, digitale Bild nicht für eine 2K-Projektion zu verkleinern, sondern mit der neuen Generation von Digitalprojektoren volle 4K auf die Bildwand zu zaubern. Es entstehen Bilder, die den Effekt der gestochen scharfen Resultate von Aufnahmeverfahren wie Todd-AO oder IMAX erreichen und vielleicht sogar übertreffen.

Aber dadurch entsteht ein weiteres Problem: Die extreme Erhöhung der örtlichen Auflösung, also der Bildschärfe, erfordert eine ebensolche Erhöhung der zeitlichen Auflösung, also der Bildrate. Ansonsten machen sich Jittereffekte bereits viel früher bemerkbar, das System ist dann extrem empfindlich gegenüber allen schnellen Bewegungen. Bei Todd-AO begann man deshalb mit 30 fps zu filmen, was bei IMAX aus physikalischen Gründen nicht möglich ist: Man war glücklich, überhaupt die 24 fps zu erreichen. Deshalb sind Kamerabewegungen von originalen IMAX-Filmen immer sehr bedächtig, was zu dem oft dokumentarischen Charakter dieser Filme gut passt. Gut auch für das Publikum, dass sich diese das Blickfeld völlig ausfüllenden Bilder nicht hektisch bewegen und damit keine Übelkeit verursachen. Doch Peter Jackson wollte sich mit seinen HD-Kameras nicht mehr in dieses Korsett zwängen und nutzte die neue digitale Möglichkeit, um die Welt der 24 fps zu verlassen.

Den Kern von Jacksons Kamerasystem bilden die neuesten 2D-Kameras der RED Digital Camera Company, die „Epic“ mit 5K Pixel pro Zeile. Davon hat Peter Jackson 48 Stück zur Verfügung. Jeweils zwei davon sind auf einem sogenannten Rig zu einer 3D-Aufnahmeeinheit zusammenmontiert. Für ein Nebeneinander ist die „Epic“ allerdings zu groß. Deshalb verwendet man ein Spiegelsystem, so dass nur eine Kamera die waagerechte Achse nutzt, die andere senkrecht über einem schräg gestellten, halbdurchlässigen Spiegel ihren Platz hat. Damit lässt sich der Augenabstand der beiden Objektive beliebig verstellen und sogar die Verkippung gegeneinander. Beides war bei den analogen 3D-Systemen noch nicht möglich.

Für analog arbeitende Häuser wird es eng

Für den „Hobbit“ sind 17 solcher Rigs im Einsatz, jedes hat seine Spezialaufgabe, beispielsweise als bewegliche Schulterkamera oder an unterschiedlichen Kränen bis hin zu Spezialaufhängungen für engste Tunnel und Öffnungen. Dank dieses Konzepts spart man viel Zeit am Set, die nun dafür verwendet wird, die 3D-Wirkung der Aufnahmen vor Ort zu kontrollieren und mit den Verstellmöglichkeiten des Systems zu spielen. 3D-spezifische Bildstörungen können sofort erkannt und gleich beim Dreh vermieden werden.

Damit ist Jackson nun in der Lage, Bilder von nie gesehenem Realismus zu erzeugen - und in der Versuchung, allzu schnelle Kamerabewegungen einzusetzen, was auf großen Bildwänden dann negative Effekte bis hin zur Übelkeit haben kann. Dabei sind es gerade langsame Kamerabewegungen, die zu einem Gefühl der Großartigkeit führen. Man darf gespannt sein, wie Jackson dieses System nutzt. Von den Publikumsreaktionen wird wohl auch die nähere Zukunft der Technik abhängen.

Vorerst wird diese allerdings nur von einigen ausgesuchten Kinos unterstützt. Die Projektionsanlagen müssen für 3D mit 48 fps gerüstet sein. Wo das nicht geht, soll der Film ganz klassisch mit 24 fps präsentiert werden, in 3D und auch in 2D ohne Brille. Der Zuschauer muss sich also vorab informieren, was das Kino vor Ort vermag. Und für analog arbeitende Häuser wird es eng.

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