Es ist ein halbes Jahrhundert her, dass ein märchenhaft gut aussehender junger Mann in David Leans unzerstörbarem Filmepos „Lawrence von Arabien“ die Rolle des Scheich Sherif Ali spielte, ganz eigentlich verkörperte, als dunkle Verlockung für seinen blond-blauäugigen Gegenentwurf Peter O’Toole in der Titelrolle. Unter dem nom de guerre Omar Sharif machte der 1932 in Alexandria in Ägypten als Maechel Shalhoub geborene Schauspieler syrisch-libanesischer Abstammung eine Weltkarriere.
Sie wurde ein fliegender Anstieg auf das Plateau seines Erfolgs, der gerade gut ein Jahrzehnt währte. Dessen Gegenhang erwies sich als ebenso steil. In den Jahrzehnten seither betätigte sich Omar Sharif als ein Zocker von wenig Gnaden und als ein Spieler von hohen Graden, der 1973 mit seiner Mannschaft Weltmeister im Bridge wurde, also gewiss wendig im Geist ist. Im Jahr 2010 machte er von sich reden, weil er, der seit Jahren in Hotels in Paris und Kairo lebt, sich bei der Revolte am Tahrirplatz auf die Seite der Gegner Mubaraks schlug, wenngleich zuvor unbehelligt vom Regime - und zuletzt, weil er eine junge Frau ohrfeigte, die sich beim Filmfestival in Qatar mit ihm fotografieren lassen wollte. Was dann, das kurze Video steht im Internet, zwar doch geschah; aber solches Gebaren bleibt Zeugnis eines unbeherrschten Temperaments.
Schillernder Verführer
Eine Ahnung davon, vor allem aber dessen Kehrseite hat Omar Sharif in seinen Filmen vorgezeigt, romantisierend melancholisch stilisiert, in seinen berühmten Figuren. Noch einmal kam er 2003 auf die Leinwand zurück, in der Versöhnung zwischen Arabern und Juden ersehnenden Schmonzette „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“: Dafür gab ihm das Filmfestival in Venedig den Publikumspreis als bester Hauptdarsteller, Paris verlieh ihm 2004 seinen Filmpreis „César“.
Doch es ist schon so: Omar Sharif ist im Gedächtnis festgehalten in jener Handvoll seiner frühen Rollen, zu denen 1965 unauslöschlich die des Jurij Andrejwitsch Schiwago in David Leans Verfilmung von Pasternaks Roman gehört; seine Präsenz auf der Leinwand versöhnt selbst diejenigen, die Pasternaks Roman gelesen haben. Tatsächlich hält er starken Darstellerinnen stand, in „Schiwago“ sind das Julie Christie und Geraldine Chaplin. Das gilt übrigens auch noch einmal, als 1974 Blake Edwards den wenig bekannten Thriller „Die Frucht des Tropenbaumes“ dreht und in der Liebesgeschichte aus dem Kalten Krieg nur Augen für seine Frau Julie Andrews zu haben scheint. Nonchalant kann Sharif da seine ganze Kunst ausspielen, als schillernder Verführer.
Omar Sharif ist einer der letzten Stars des klassischen Kinos: ein Fixstern, stillgestellt, der Träume bindet und Sehnsüchte schürt, zeitlos. An diesem Dienstag wird er achtzig Jahre alt.
Islamist?
Richard Löwe (RichardL)
- 10.04.2012, 08:41 Uhr