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Olympia-Berichterstattung Wer siegt, ist der Verlierer

21.08.2004 ·  Halbzeit bei Olympia: Aus Kommentatorensicht eine Reihe von Pleiten, Pech und Pannen, weil hiesige Schwimmer, Fechter, Radfahrer hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Daß andere sie übertreffen, interessiert die Berufskritiker nicht.

Von Andreas Platthaus
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Am Samstag geht eine Seifenoper zu Ende, die acht Tage lang mit viel Wasser eine Schaumschlägerei ohnegleichen veranstaltet hat. Die olympischen Schwimmdisziplinen erleben ihr Finale mit vier Entscheidungen, bei denen die deutschen Berichterstatter am Becken in Athen immerhin noch zweimal - bei den Lagenstaffeln - Medaillenhoffnungen beschwören können, die dann aller Voraussicht nach in tiefe Enttäuschung münden. Daran haben wir uns gewöhnt; außer den Reportern erwartet bei diesen Spielen niemand mehr etwas von den deutschen Schwimmern.

Das ist natürlich der Job eines Reporters: Spannung erzeugen. Sonst schaltet im freien Wettbewerb des Sendeangebots das Publikum zur Konkurrenz um. So zumindest die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Wohin sollten wir denn schalten? Alle Sender fahren seit vorletztem Freitag Sparprogramme, weil sie es mit Olympia gar nicht erst aufnehmen wollen. Also könnte man die Berichterstattung gefahrlos im Ton mäßigen, den nationalen Notstand wiederaufheben, sich an dem erfreuen, was die deutschen Athleten bislang an Erfolgen errungen haben - und die sind, nach einer Statistik des ZDF vom Mittwoch, gar nicht geringer gewesen als bei denselben Disziplinen in Sidney, Atlanta und Barcelona -, und an dem, was die Sportler anderer Staaten uns an Leistungen zu bieten haben.

Gedankt wird ihnen der Erfolg nicht

Aber alles wird auf die Deutschen fixiert, zumindest in ARD und ZDF. Haben wir dort ein einziges Judofinale sehen können außer dem, das Yvonne Bönisch gewann? Dafür gab es zahlreiche Kämpfe um Bronze, denn da waren die deutschen Sportler öfter im Einsatz. Dieser germanozentrische Blick entwertet den Reiz der Olympischen Spiele. Wenn man bisweilen während einer Disziplin zur Parallelübertragung von Eurosport wechselt, sieht man prompt andere Großaufnahmen statt der meist enttäuschten Mienen unserer Sportler: die lächelnden Sieger aus anderen Ländern. Da bekommt Olympia ein freundlicheres Gesicht.

Die deutsche Ausbeute der ersten Olympiawoche war nicht überragend, aber dieses Ergebnis steht in bester Tradition. Daß diesmal die gesamte Mission in Frage gestellt wurde, hat seinen Grund in einer Medienoffensive, die die Athleten behandelt wie die Darsteller einer billigen Vorabendserie: Es darf kein Ende - gut oder schlecht - mehr geben, denn morgen ist ein neuer Tag, an dem wir die alten Vertrauten auf dem Bildschirm wiedersehen wollen. Kein Wunder, daß diejenigen beiden Protagonisten der Olympischen Spiele, die als besondere Enttäuschungen abgetan wurden, Sportler sind, die seit vielen Jahren Spitzenleistungen und damit die Aussicht auf unbegrenzte Fortsetzungen im Fernsehen und in der Boulevardpresse abgeliefert haben: Franziska van Almsick und Jan Ullrich. Es sind zugleich zwei Persönlichkeiten, die in ihren Disziplinen mehr geleistet haben als jemals ein Deutscher zuvor. Gedankt wird ihnen dieser Erfolg nicht.

Der Ärger mit den Athleten

Das ist das interessanteste Phänomen: Wehe dem, der Großes leistet. Man wird ihn kleinkriegen, weil irgendwann ein Einbruch kommt. Athleten, die ohne Unterbrechung Erfolg an Erfolg reihen und damit der Kritik entgehen, sind selten. Michael Schumacher zählt zu ihnen, leider in einer nichtolympischen Sportart, oder der australische Schwimmer Ian Thorpe. Doch man mag sich gar nicht ausmalen, wie in Deutschland ein Fehlstart wie der von Thorpe bei den australischen Olympiaausscheidungen kommentiert worden wäre, als der vielfache Goldmedaillengewinner von Sidney einfach ins Wasser plumpste. Doch Australien spottete nicht, es sorgte sich um seinen Star. Und als der qualifizierte Teamkollege Craig Stevens zugunsten Thorpes auf seinen Start in Athen verzichtete, feierte ihn die Nation dafür. Als vor zehn Jahren bei den Schwimmweltmeisterschaften von Rom Dagmar Hase das gleiche für die eigentlich im Vorlauf ausgeschiedene Franziska van Almsick tat, wollten etliche deutsche Kommentatoren Wettbewerbsverzerrung erkennen.

So rächen sich Erfolge, weil sie sofort fortgeschrieben werden: als Wechsel auf die Zukunft. Und sollten sie dann nicht eingelöst werden, sehen sich nicht etwa die Aussteller in Erklärungspflicht genommen, sondern sie verlangen ein Schuldanerkenntnis von den Athleten, die doch erst in das Dilemma hineingeredet wurden. Demgegenüber lebt das sportliche Mittelmaß in Deutschland hervorragend, was sich alle vier Jahre in der gewaltigen Teilnehmerzahl hiesiger Sportler an den Olympischen Spielen zeigt. Das liegt nicht nur an der starken deutschen Präsenz in den personalaufwendigen Mannschaftssportarten, sondern auch daran, daß man zahlreiche Mitläufer meldet, die von Beginn an nur das haben, was man gerne mit dem Euphemismus "Endkampfchance" bezeichnet. Mit Medaillen rechnet man da gar nicht erst, und die Sportler kann man ja auch nur dazu anhalten, sich ja nicht durch Erfolg zu exponieren. Sonst widerführe ihnen spätestens in vier Jahren, was den prominenten Kollegen jetzt schon geschehen ist.

Athleten, die nicht siegen mögen

Olympische Spiele sind leider keine Art Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Wir sollen uns vielmehr nach Kommentatorenmeinung fortwährend ärgern über die Dreistigkeit von hochgeförderten Athleten, die nicht siegen mögen. Die Mutter von Franziska van Almsick hat unmittelbar nach dem fünften Platz ihrer Tochter im heißerwarteten Zweihundert-Meter-Freistilfinale einem der aufdringlichen ARD-Reporter, die weder Athleten noch deren Angehörigen nach dem Wettkampf eine Pause gönnen, erklärt, daß sie überglücklich sei - weil nun endlich alles vorbei sei. Mit der Karriere endet der Druck, aber vorher wurde noch einmal kräftig nachgetreten. Franz Josef Wagner, Kolumnist der "Bild"-Zeitung, bezeichnete Franziska van Almsick, der er schon vor vier Jahren den Schimpfnamen "Franzi von Speck" angehängt hatte, diesmal als häßliches Entlein.

Wie beim Schwimmen Stimmung gemacht wurde, grenzte an eine Hexenjagd. Sehr schnell schon wollten die deutschen Fernsehkommentatoren erkannt haben, daß das Training für die unbefriedigenden Ergebnisse verantwortlich sein mußte. Es kann in einem technikgläubigen Land ja gar nicht sein, daß so obskure Kriterien wie Tagesform oder allgemeines Wohlbefinden zur Erklärung herangezogen werden. Nicht was der Wille des Athleten selbst erstrebt, erreicht er, sondern was andere ihn wollen lassen wollen. Heraus kommt in dieser Betrachtungsweise das Bild eines Maschinensportlers, den man nur ordentlich warten muß, damit er Höchstleistungen gemäß Gebrauchsanweisung vollbringt. Doch mit Erstaunen mußte registriert werden, daß die Technik im entscheidenden Moment immer versagte.

Der Startschuß zum Abschuß

Sobald man dann die dafür Schuldigen identifiziert zu haben glaubte, wurden sie zum Abschuß freigegeben. Unmittelbar vor dem Zweihundert-Meter-Freistilfinale der Frauen hatte man in der ARD den deutschen Schwimm-Teamchef Ralf Beckmann vor dem Mikrophon und wollte von ihm wissen, was denn in der Vorbereitung schiefgegangen sei. Erwünscht war offenbar harsche Trainerschelte. Selten aber sah man einen so zu Recht entrüsteten Gesprächspartner wie Beckmann, der, mühsam beherrscht, darum bat, doch vielleicht noch das Rennen abzuwarten, bevor man mit der Analyse beginne. Genutzt hat dieser Appell an die Vernunft wenig, denn sofort nach dem Anschlag wollte man am Beckenrand von Franziska van Almsick wissen, was denn sie am Training zu kritisieren habe.

Zeitlicher Abstand vom Ereignis verbessert die Qualität der Analyse allerdings nicht merklich: "Neunzehnter Platz im Straßenrennen, siebter im Zeitfahren. Was ist da passiert? Keine Lust?" fragte Reinhold Beckmann in seiner Talkshow "Olympia-Nacht" vorgestern den tapfer erschienenen Jan Ullrich. "Ich bin nicht stolz drauf", entgegnete der, aber Lust habe er durchaus gehabt. Was hatte die Frage auch bezwecken wollen? Ein Geständnis, daß die Sache lustlos angegangen worden war, hätte Ullrich doch nur weiter in Mißkredit gebracht. Als diese Masche nicht verfing, brachte Beckmann die Rede auf die Fotos des weißbiertrinkenden Ullrich, die die "Bild"-Zeitung mit dem Ausdruck größter Empörung ob solcher Genußsucht nach zuvor verpatztem Rennen abgedruckt hatte. So spielen sich Boulevard und Fernsehen gegenseitig in die Hände. Aber im Mannschaftssport waren die Deutschen schon immer stärker als im Wettkampf Mann gegen Mann.

Glückliches Gegluckere

Kommen aber Gewinner in die Sendungen, ist kein Halten mehr. Das agonale Prinzip der Antike, die Verherrlichung allein des Siegers, feiert fröhliche Urständ. Als Kerner in seinen "Olympia Highlights" am Mittwoch nach Mitternacht endlich die Doppelolympiasiegerin Bettina Hoy begrüßen durfte, die zu ihrem Glück erst kurz vor Ende der Sendung eintraf, da war aus dem Moderator kein vernünftiges Wort mehr herauszubringen. Tiefschürfende Erkenntnisse wie, daß das doch ein "irrsinnig anstrengender Tag" für Frau Hoy gewesen sein müsse, eine "außergewöhnliche Belastung", machen das Gros aller Siegesgespräche aus.

Wenn es dann einmal wirklich etwas zu erklären gäbe wie das Hickhack um die Zurückstufung der deutschen Military-Equipe, versagt das vertraute Instrumentarium. Gleich dreimal gratulierte Kerner, "auch im Namen meines Teams", statt dessen zum doppelten Gold. Beim zweiten Mal kleidete er die Phrase immerhin in eine Frage: "Habe ich eigentlich schon meine Glückwünsche formuliert?" Schön, daß Bettina Hoy die Contenance wahrte und kühl replizierte: "Ich glaube schon." Aber selbstverständlich glaubte Kerner ihr das nicht und schob einen weiteren Glückwunsch nach. Wo käme man dahin, wenn plötzlich die Athleten das Gespräch bestimmten?

Hatte der Kommentator keine Lust?

Auch wir sind ungläubig angesichts dessen, was in dieser ersten Olympiawoche geschehen ist. Oder zumindest angesichts dessen, was uns da als erste Olympiawoche im deutschen Fernsehen präsentiert wurde: eine Aneinanderreihung von Pleiten, Pech und Pannen, obwohl nicht mehr passiert war, als daß hiesige Schwimmer, Fechter, Radfahrer und anfangs auch die Schützen hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, während unsere Judoka und Reiter sie übertroffen haben - und mit der Bronzemedaille von Nadine Kleinert im Kugelstoßen gilt das auch schon für die deutschen Leichtathleten.

Just die im Kugelstoßen inszenierte "Heimkehr" der Olympischen Spiele ins antike Zeus-Heiligtum auf der Peloponnes war ein emotionaler Höhepunkt, für den das ZDF aber nicht einmal einen eigenen Reporter abstellen mochte. Wolf-Dieter Poschmann saß mit einigen Kollegen aus anderen Ländern lieber im gähnend leeren Olympiastadion von Athen und kommentierte das Geschehen von der zweihundert Kilometer entfernten Pressetribüne aus. Darf man wohl fragen, ob er keine Lust gehabt hat, seinen Beruf ordentlich zu versehen? Oder würde uns diese Frage als unfair ausgelegt?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2004, Nr. 194 / Seite 33
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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