17.10.2008 · Oliver Stone hakt in seiner filmischen Biographie „W.“ allzu brav die Geschichte des George W. Bush ab: Kein politischer Zündstoff, keine wütende Kritik, keine verheerenden Anklagen. Und bebildert nur, was keinem halbwegs wachen Zeitgenossen verborgen geblieben sein dürfte.
Von Jordan Mejias, New YorkWar es so? Da hält der Präsident also Kriegsrat und versinkt, die Lesebrille auf der Nasenspitze, immer tiefer in seinen Ledersessel. Mit ihm schweigt sich auch Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice ausführlich aus, während Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit seinen verquasten Einwürfen sogar die Kollegen am Konferenztisch nervt. George Tenet, Direktor der CIA, sagt: „It’s a slam dunk“ – und will damit dem Präsidenten versichern, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt. Tenets forsche, falsche Analyse behagt Vizepräsident Dick Cheney enorm, der sich vor einer Weltkarte aufbaut, um ein für alle Mal zu erklären, warum ein amerikanischer Einmarsch im Irak nicht zu vermeiden ist.
Der Einzige, der sich Cheneys gnadenloser Machtstrategie widersetzt und im geradezu qualvollen Kampf mit sich selbst die Gegenargumente hervorbringt, ist Außenminister Colin Powell. In der kriegerischen Runde eine einsame, empörte, schließlich doch verstummende Stimme der Vernunft. War es tatsächlich so? Nein, antwortet darauf ausgerechnet der Mann, der den Film gedreht hat, in dem diese nie dokumentierte, zugleich seltsam vertraute Schlüsselszene zu sehen ist.
Keine Bush-Karikatur
Powell, räumt Oliver Stone in einem New Yorker Gespräch ein, komme wohl viel zu gut weg. Aber aus dramatischen Gründen habe seine Position einfach zugespitzt werden müssen. Stones zahlreiche Feinde, die ihm seit „Nixon“ und „JFK“ vorwerfen, mit der historischen Wahrheit locker bis verantwortungslos umzugehen, werden solch neue Munition gern entgegennehmen. Er gibt sich gelassen. Details mögen erfunden oder umgearbeitet sein, aber der Kern sei hart und wahr. „W.“, sein Biopic über den noch amtierenden Präsidenten, soll auch und nicht zuletzt in der Hinzu- und Drumherumdichtung die Wahrheit offenbaren.
Wer nun bei Stone mit einer Wahrheit rechnet, wie sie von einem mit den Demokraten unverhohlen sympathisierenden Regisseur zu erwarten ist, dürfte von dem Film nicht weniger enttäuscht werden als die von Umfrage zu Umfrage schwindende Schar der Bush-Fans. Stone bringt keine scharf umrissene Bush-Karikatur auf die Leinwand. Er bemüht sich zumindest darum, den Präsidenten und seine Beweggründe zu verstehen. Dabei ist allerdings nicht viel Neues herausgekommen. „W.“ bebildert noch einmal, was inzwischen keinem halbwegs wachen Zeitgenossen verborgen geblieben sein dürfte.
Anekdoten ohne Ende
Werden 9/11 und Hurrikan „Katrina“ aus unersichtlichen Gründen ausgespart, so wird der Weg ins irakische Abenteuer umso eindringlicher beleuchtet. Stone rollt ein zunächst wild bewegtes, dann heiß umstrittenes Leben auf. Der Zuschauer kann bequem die vertraute Liste mit Bushs wichtigsten Lebensstationen abhaken, zwischen denen der Film, chronologisch unbesorgt, hin und her pendelt: Yale und der alkoholumnebelte Initiationsritus für „Skull and Bones“, den nicht wirklich geheimen Geheimbund.
Die erste Begegnung des Bier trinkenden, Hamburger mampfenden Cowboys mit der Bibliothekarin Laura, die ihn trotzdem nicht unbeeindruckt als Teufel mit weißem Hut bezeichnet. Sein Kampf mit dem Alkohol. Seine religiöse Erweckung. Sein breit ausgemalter Psychokrieg mit dem Vater, dessen Gunst er erringen und Fehler er beheben will. Seine Begegnung mit einer Salzbrezel, an der er zu ersticken droht. Sein Fitness-Tick, mit dem er in der texanischen Hitze die gesamte Entourage ins Schwitzen bringt – Anekdoten ohne Ende.
Boulevardeske Vereinfachung
Entgegen Stones Voraussagen schleicht sich im Laufe von zwei Stunden wenig Sympathie für einen Mann ein, der am Anfang triumphal einen Baseball fängt und am Ende ratlos dasteht, weil kein Ball mehr auf ihn zufliegen will. In Josh Brolin hat dieser John Wayne, den es seltsamerweise nach Washington verschlagen hat und der dort jede Konferenz mit einem Gebet beschließt, einen einfühlsamen, akustisch vollendeten Doppelgänger mit etwas kantigeren Gesichtszügen gefunden.
Aber auf die Geschichte vom ungeratenen Sohn, der auch seine prominente Familie damit überrascht, dass er doch irgendwie bis ins Oval Office vordringt, kann sich auch Stone keinen rechten Reim machen. Vielleicht erzählt er sie darum ohne viele Schnörkel. Selbst der Verfremdungseffekt, der sich aus unserer Vertrautheit mit Protagonisten ergibt, denen plötzlich Hollywood seine Gesichter leiht, hält nicht lange vor. „W.“ ist ein Biopic, das vor keiner boulevardesken Vereinfachung zurückschreckt und überm aufgeregten Gehopse der Kamera vergisst, klare Akzente zu setzen. Politischen Zündstoff, wütende Kritik, verheerende Anklagen, das alles enthält der Film gewiss nicht. Dass Stone keine amerikanischen Geldgeber finden konnte, ja dass, wie er angab, fünfundfünfzig Prozent der Gelder aus China kamen, ist auf kein hochexplosives Drehbuch zurückzuführen. Zum Tragen kommen da eher schon Ängste und Empfindlichkeiten, wie sie die Ära Bush in so vielen Bereichen des Lebens der Nation hervorgerufen hat.
Ein Handicap: Bush ist nicht mehr wichtig
Ein Regisseur, der seinen Film drei Wochen vor der Präsidentenwahl in die Kinos bringt, spekuliert offensichtlich auf eine Wirkung, die sich im Idealfall bis an die Wahlmaschinen erstreckt. Das Dumme ist, dass der Präsident seit Monaten praktisch abhandengekommen ist. In der Wirtschaftskrise taucht er bisweilen als Schatten im Hintergrund auf, meist zu spät, und die Schlachtfelder des Wahlkampfs muss er meiden, allein um seinen Parteigenossen nicht zu schaden. Amerikaner haben noch nie einen noch amtierenden Präsidenten so schnell vergessen. Oder aus ihrem Bewusstsein verdrängt.
Für Stone und seinen Film ist das ein schweres Handicap. Ihn könnte das Schicksal eines Michael Moore ereilen, der in „Slacker Uprising“, seinem im Internet laufenden Dokumentarfilm, noch einmal das Jahr 2004 beschwört und seine vergeblichen Bemühungen, Bush eine zweite Amtszeit zu verwehren, nach bekannter Fasson aufbereitet. Moores Internetpolemik spielt keine Rolle im gegenwärtigen Wahlkampf. Stone könnte es mit „W.“ genauso ergehen. Hätte er dagegen jetzt „Wall Street II“ vorgestellt, wäre ihm die gesammelte Aufmerksamkeit Amerikas sicher gewesen. Und welche Aufregung er verursacht hätte, wenn er statt Bush vorauseilend und -ahnend Sarah Palin porträtiert hätte, ist gar nicht auszumalen.