03.05.2010 · Seine Auslieferung an die Vereinigten Staaten wird immer wahrscheinlicher. Nun hat sich Regisseur Roman Polanski nach langem Schweigen erstmals zur Wehr gesetzt. In einen offenen Brief verpackt er ein geschicktes Plädoyer.
Von Jürg AltweggIn der Auseinandersetzung um Roman Polanskis Verhaftung im vergangenen September in Zürich, wo er für sein Lebenswerk geehrt werden sollte, hat zumindest einer vernünftig und vornehm reagiert: er selbst. Polanski, der vor mehr als dreißig Jahren in Amerika wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen verurteilt worden war, schwieg. Umso lauter äußerten seine Freunde ihre Empörung.
Die französischen Intellektuellen von Bernard-Henri Lévy bis Alain Finkielkraut fielen in seltener Einmütigkeit über die Schweiz her. In seinem Pamphlet „Ich hasse die Meute, die Affäre Polanski“ bezeichnete der Schriftsteller Yann Moix das Land als Hure, die sich gegen Geld jedem hingebe. Das sei schon im Zweiten Weltkrieg so gewesen und mit dem Bankgeheimnis nicht anders geworden. Auch Frankreichs Kulturminister Frédéric Mitterrand kritisierte die Verhaftung - und musste sich selbst für seinen Umgang mit Strichjungen in den Entwicklungsländern vor der Meute der Fernsehzuschauer rechtfertigen. Dafür wiederum hatte Marine Le Pen gesorgt.
Die undifferenzierte kollektive Solidarisierung der Intellektuellen mit Polanski erwies sich als wenig hilfreich. Dessen Auslieferung wird immer wahrscheinlicher und Polanski ganz offensichtlich immer verzweifelter. Am Sonntag hat er auf dem Internetportal von Bernard-Henri Lévys Zeitschrift „La règle du Jeu“ einen offenen Brief veröffentlicht, dessen Übernahme am Montag durch zahlreiche große Zeitungen der Welt im Voraus organisiert worden war. Die Kampagne wird über „The New York Times“, „La Repubblica“, „El Paìs“ und weitere renommierte Blätter geführt. „Libération“ widmete dem Schreiben des Filmemachers an die Weltöffentlichkeit drei Seiten. Die Pariser Intellektuellen ziehen im Hintergrund die Fäden und schweigen - zumindest vorübergehend.
Hausarrest und Trennung von der Familie
Roman Polanskis Erklärung in eigener Sache ist tatsächlich überzeugender. Kein Wort des Vorwurfs an die Schweiz, von der er nur sagt, dass er sie seit dreißig Jahren regelmäßig besuche. Den Film „The Ghostwriter“ hat er in Deutschland gedreht, weil er in England den Zugriff der Justiz fürchtete. Er habe sich damals in Los Angeles vor Gericht schuldig erklärt und seine Strafe abgesessen, „keineswegs in einem VIP-Gefängnis“. Doch die amerikanische Justiz habe sich nicht an die Abmachung zum Urteil gehalten, die Anwälte sprechen von „Verrat“.
Aus Angst vor einer langen Gefängnisstrafe flüchtete Polanski aus Amerika, wo er seither nie wieder war. Nicht einmal seinen Oscar konnte er selbst in Empfang nehmen. „Ich kann nicht mehr schweigen“: Mit diesem Leitmotiv beginnt jeder zweite Abschnitt seines offenen Briefs. Für die Freilassung aus dem Schweizer Gefängnis musste Polanski eine Kaution bezahlen und dafür eine Hypothek auf seine Pariser Wohnung aufnehmen. Seit Monaten dauert der Hausarrest in seinem Chalet in Gstaad. Polanski kann nicht mehr arbeiten und lebt von seiner Familie getrennt.
Geschicktestes Plädoyer im Fall Polanski
Weniger diplomatisch sind seine Äußerungen über die Vereinigten Staaten. Man wolle ihn „den Medien zum Fraß“ vorwerfen, schreibt er. Der Staatsanwalt, der seine Auslieferung verlangt, stehe in einem Wahlkampf. Nur wegen eines Dokumentarfilms über ihn sei die Justiz nach dreißig Jahren wieder aktiv geworden.
Der offene Brief ist das bisher geschickteste Plädoyer zu Polanskis Verteidigung. Es gibt gute Gründe, ihn in Ruhe zu lassen. Dieser Mann hat für sein Vergehen bezahlt; mehrfach. Das aber müsste man den amerikanischen Behörden deutlich machen. Der überkorrekten Schweizer Justiz, die auch vor der Verhaftung von Gaddafis Sohn nicht zurückschreckte, sind die Hände gebunden.
Man fragt sich...
Closed via SSO (Dopestos)
- 03.05.2010, 22:25 Uhr
Ich finde es bezeichnend...
Ullrich Schnappe (JohnBrown)
- 03.05.2010, 23:32 Uhr
Nein. Polanski hat noch nicht gezahlt.
Moritz Mantei (moritzmantei)
- 03.05.2010, 23:32 Uhr
Der erste Film, den Polanski
Christian Köhler (Advokaat30)
- 04.05.2010, 00:02 Uhr
Zuviel Bla
Dirk Arlt (mjhp)
- 04.05.2010, 00:11 Uhr