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Nur das Gute ist sterblich

 ·  Zu wenig kommt uns spanisch vor: Jose Pozo inszeniert mit dem Trickfilm "El Cid" ein Heldenepos ohne eigene Handschrift.

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Ein paar Minuten lang meint man, nun werde das Genre neu erfunden. Oder zumindest neu veraltet. Da ziehen Ritter in statischen Reihen über die Leinwand, und Schlösser, Berge und Straßen lassen sich räumlich kaum zueinander in Beziehung setzen.

Der Anführer der kriegerischen Mauren wie sein Gegenpart, der König von Kastilien, überragen ihre Mannen in einem Maße, der ihrer herausgehobenen Position auch körperlich Ausdruck verschafft. Kurz: Es ist, als versetzte der spanische Regisseur Jose Pozo für seinen Zeichentrickfilm "El Cid" die Illuminationen mittelalterlicher Handschriften in Bewegung.

Das elfte Jahrhundert, als die Mauren des bösen Ben Yussuf die braven Spanier (und auch einige friedliebende Muselmanen auf iberischem Boden) zu überrennen suchten, wird lebendig im illustrativen Stil der Zeit. Meisterhafte Idee.

Dramaturgie siegt über Ästhetik

Aber wird sie über achtzig Minuten tragen? Keine Sorge, der Film versucht es gar nicht erst. Der paradoxe Triumph der Zweidimensionalität im Zeitalter des computergenerierten Trickfilms ist nach drei, vier Minuten vergessen, wenn die Rahmenerzählung abbricht und wir von den weltgeschichtlichen Höhen hinabstoßen in den Innenhof eines Schlosses, wo sich der Thronfolger Sancho und der junge Ritter Rodrigo zum Spaß duellieren.

Dabei bringen sie kurzerhand die ganze Hofhaltung in Unordnung, was nicht unbedingt den Beifall der anderen Edlen findet. So werden in wenigen Szenen alle Sympathien und Antipathien am kastilischen Hof angedeutet, die die folgende Geschichte bestimmen werden - dramaturgisch geschickt, ästhetisch enttäuschend.

Keine eigene Handschrift

Dabei ist es nicht so, daß Pozo mit seinem Film, der in Spanien mit einem Goya, dem höchsten spanischen Filmpreis, ausgezeichnet wurde, weit unter das Niveau des internationalen Animationsmarktes gesunken wäre. Vielmehr ahmt er nach dem vielversprechenden Anfang zu sehr die gegenwärtig international herrschende Ästhetik des Trickfilms nach.

Allein der erstaunliche Umfang, den die Unterarme seiner Helden annehmen (und der ihr Hirnvolumen wohl gut um das Vierfache übertrifft), bringt noch so etwas wie eine eigene graphische Handschrift in die Figuren, die dann aber bei den rank-wohlgeformten Körpern der spärlich vertretenen wie später auch spärlich bekleideten Damen ganz im Schönheitsideal des Film-Mainstreams untergeht.

Ein spanisches Heldenepos

Immerhin ist die Handlung strikt nationalindividuell: Die Saga um den "Cid" ist das größte spanische Heldenepos, denn Roland wurde ja auf dem Weg über die Pyrenäen erschlagen und kommt somit als Konkurrenz nicht in Frage. Don Rodrigo Diaz de Vivar alias El Cid betrieb die Reconquista quasi als Privatvergnügen, wie wir vor allem aus Anthony Manns 1961 gedrehtem Monumentalschinken mit Charlton Heston in der Titelrolle wissen dürften.

Dem Hollywood-Vorbild fügt die spanische Trickversion nicht viel hinzu - wie sollte sie es auch bei nicht einmal halber Laufzeit? Immerhin gibt es einen Dachs, der auf den Namen Firlefanz getauft wird und für die animationstypischen witzigen Elemente verantwortlich zeichnet, für die man seit Walt Disneys Zeiten immer wieder gerne auf possierliche Tierchen zurückgreift. Ansonsten ist es die übliche Achterbahnfahrt der Gefühle und Feldzüge, die in "El Cid" erzählt wird. Überrascht wird man deshalb selten.

Selbst das Sterben ist kindgerecht

Doch ein Detail gibt es, das nähere Aufmerksamkeit lohnt: das Sterben. Es ist auffällig, daß die Schergen des wie aus Disneys "Mulan" entnommenen Ben Yussuf selbst im größten Schlachtgetümmel unverletzt bleiben, höchstens einmal einen kräftigen Nasenstüber oder eine Kopfnuß erhalten.

Dagegen fährt der Tod unter den Gefährten des Cid reiche Ernte ein: Zunächst stirbt der alte König von Kastilien, dann wird sein Erbe Sancho gemeuchelt, und auch etliche Kampfgefährten erliegen dem Pfeilhagel der Mauren. Es ist ein wundersames Ding mit dem kindgerechten Trickfilm. Wie edel sollen Helden wohl wirken, die selbst Mord nur mit Hausarrest ahnden?

Quelle: F.A.Z., 28.04.2005, Nr. 98 / Seite 37
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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