25.06.2004 · Die Schauspielerin Nina Hoss pflegt keine Starallüren, weiß aber genau, was sie will - und was nicht. In Christian Petzolds „Wolfsburg“, heute abend bei Arte, demonstriert sie wieder einmal die Kunst der Reduktion.
Von Hans-Dieter SeidelMit dem Deutschen Filmpreis also ist es nichts geworden. Gegen die Wand war nicht anzurennen, hinter der sich die Preiskommission wie in einem kollektiven Rausch verschanzt hat. Doch die Schauspielerin Nina Hoss braucht die Entscheidung für die Konkurrentin nicht zu irritieren.
Der Programmwillen des Kultursenders Arte hat es gefügt, daß nun genau eine Woche nach der Berliner Preisverleihung Christian Petzolds Film "Wolfsburg", für den Nina Hoss als beste Hauptdarstellerin nominiert war, ausgestrahlt wird - zum unbedingt sehenswerten Exempel, wie der Wucht einer nach außen gerichteten Spielweise, die das Kino bevorzugt pflegt und die dann auch eine Jury überwältigt, die Kunst der Reduktion entgegengesetzt werden kann, bei der die Empfindungen gleichsam nach innen bersten.
Finsterste Rachegedanken
Schon die scheinbar arglose, irgendwie verstörte junge Frau namens Leyla im Fernsehfilm "Toter Mann", der ersten Zusammenarbeit von Nina Hoss mit dem Regisseur Petzold, war solch ein Mensch, der die längste Zeit tarnen kann, daß ihn die finstersten Rachegedanken umtreiben. Bei Laura in "Wolfsburg" ist dieses Widerspiel von Vergelten und Vergeben fühlbar noch mehr verdichtet.
Daß sie den Jungen, dessen Tod sie nun beklagen und verkraften muß, ursprünglich nie gewollt hat, nistet als Schuldgefühl in Lauras Unterbewußtsein. Um so heftiger wütet in ihrem Sinnen und Trachten das Verlangen, den Schuldigen am Tod des Kindes zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Frau, wie Nina Hoss sie vorstellt, hat sich ganz auf sich selbst zurückgezogen. Sie lebt wie hinter einer Folie und nimmt die Wirklichkeit nur so weit wahr, wie es deren Transparenz zuläßt.
Eine einfache Geschichte
Im Grunde erzählt der Film eine höchst einfache Geschichte. Aus Unachtsamkeit verursacht ein als Autoverkäufer durchaus versierter Fahrer einen Unfall, bei dem ein Junge verletzt wird. Statt sich des Kindes anzunehmen, begeht Philipp, nach einer schier unendlich sich dehnenden Sekunde Bedenkzeit, Fahrerflucht. Das schlechte Gewissen treibt ihn in die Flure des Krankenhauses, doch der verletzte Junge auf der Intensivstation scheint außer Lebensgefahr. Gleichwohl stirbt das Kind nach ein paar Wochen, und Laura, die Mutter, ist fortan allein von dem Gedanken beseelt, den Täter aufzuspüren.
Der Zufall, dem Philipp nur wenig nachhelfen mußte, hat ihn längst in Verbindung mit Laura gebracht, und nun setzt der mit sich selbst verzweifelt Hadernde alles daran, die flüchtigen Kontakte zu verstärken und auf ungreifbare Weise wiedergutzumachen, was er verschuldet hat. Daß Laura zwar zögerlich, aber doch unabweisbar bei dem Mann Halt sucht, von dessen Schuld sie nichts ahnt, daß sie sich schließlich in ihn verliebt, erscheint bei dieser Art moralischem Exempel als selbstverständlich.
Implodieren einer Beziehung
Aber wie komplex ist das Geflecht von Verstörungen, das Petzold, Autor und Regisseur in Personalunion, in das Geschehen eingezogen hat, wie fein sind die Schwingungen austariert, denen der Film nachspürt, wie tief lotet die Reflexion von Verkennen und Erkennen, von Verschulden und Sühnen, von Flüchtenwollen und Standhalten. Denn nebenbei, aber keineswegs beiläufig, erzählt "Wolfsburg" auch vom Implodieren einer heillosen Beziehung.
Wie Philipp, der eher schlicht strukturierte Mensch (Benno Führmann), und seine Verlobte, der Egoismus und die neureiche Kälte in Person (Antje Westermann), auf verletzende, den anderen gewollt versehrende Weise gegeneinander anleben, das ist mehr als zum Fürchten. Szene für Szene wird der Film so auch zum Lehrstück, was darstellerische Konzentration vermag.
Idealer Partner
Sie schätze, sagt Nina Hoss, an einem Regisseur ungemein, wenn er nicht nur für den Zuschauer, sondern während der Arbeit auch für sie selbst ihr Tun widerzuspiegeln vermöge. In Petzold hat eine Schauspielerin da den idealen Partner gefunden, die sich in ihrem Auftreten stets offenzuhalten sucht für die spezifische Situation, aus der die Rolle ihre Überzeugungskraft gewinnt. "Wenn die Situation nicht klar ist, kann ich nicht spielen": Auf einen so knappen Nenner bringt Nina Hoss ihre künstlerische Maxime.
Fuchtelnde Gebärden, eine exzessive Körpersprache sieht sie bei anderen nicht gerne und sucht solch vorgeblichen Nachdruck bei sich selbst entschieden zu vermeiden. Das heißt aber nicht, daß sie ihren Figuren keine Emotion erlaubte: "Man muß emotional sein, um spielen zu können, wie man die Emotionen wegdrückt."
Herb und abweisend
Ihre Laura ist für diese Erkenntnis ein hervorragendes Beispiel. Fast ungeschminkt, mit dunklem Haar, was die dem Zuschauer bisher vertraute - blonde - Nina Hoss noch ein wenig fremder macht, geht sie durch das Geschehen: herb, abweisend, geradezu starr auf ihr Ziel fixiert. Welch ein erlösender Moment aber, wenn sie sich gegen die Liebe zu Philipp nicht länger wehrt, wenn das zuvor so strenge Gesicht unversehens ganz weich wird, wie in ein inneres Aufleuchten getaucht.
Und welch ein Rückschlag ins andere Extrem, wenn die Eingebung Laura plötzlich überfällt, wer der Mann, den sie vor Stunden noch im Arm hielt, in Wahrheit ist. Diese Szenen am Strand sind von einer staunenswert leisen Dramatik aufgeladen, die in solcher Nuancierung nur im Film zu haben ist, wo der Abstand zum Zuschauer einzig eine Frage der Regie bleibt.
Eher zufällig zum Film
Nina Hoss, 1975 in Stuttgart geboren, ist von ihrer Mutter, der Schauspielerin und späteren Theaterintendantin Heidemarie Rohweder, nicht systematisch in deren Fußtapfen gedrängt worden. Eher zufällig noch vor dem Abitur von Joseph Vilsmaier für dessen Film "Und keiner weint mir nach" als pubertäre rothaarige Versuchung verpflichtet und danach, in der Titelrolle von Bernd Eichingers "Mädchen Rosemarie", die Entdeckung des Jahres 1996, hat sie es klug verstanden, nach ihrem Triumph nicht abzuheben zum Höhenflug des Jungstars über Nacht, sondern der soliden Ausbildung an der Ernst-Busch-Schauspielschule treu zu bleiben, der dieser Tage der im Kino gezeigte Dokumentarfilm "Die Spielwütigen" von Andres Veiel kein schmeichelhaftes Zeugnis ausstellt.
Nina Hoss bekennt gegenteilige Erfahrungen: Ohne die drei Lehrjahre intensiven Lernens hätte sie das entscheidende Fundament ihres Tuns nicht gefunden, wie man es nämlich von Schillers "Maria Stuart" bis jetzt zur Laura begrifflich und begreifbar anstellt, Texte "zu seinem Eigenen" zu machen.
Schule des Selbstwertgefühls
Vielleicht darf man es auch eine Schule des Selbstwertgefühls nennen, das Nina Hoss im Gespräch so unangestrengt aufscheinen läßt. Noch bleibt sie von Trivialangeboten aus der Serien- und Pilcherecke weitgehend verschont, wohl im Bewußtsein der Produzenten, daß sie solche Rollen ohnehin nie annähme. Noch ist es ihr stets gelungen, die Balance zu halten zwischen ihrer Bühnenarbeit - Nina Hoss spielt als Gast regelmäßig im Deutschen Theater und beim Berliner Ensemble - und den Rollen vor der Kamera.
Sie pflegt keine Starallüren, ist aber genügend selbstbewußt, sich zu wehren, wenn Theater ihre Ensembles am liebsten als Leibeigene hielten. "Schauspieler gehören euch nicht", hält sie solchen Bestrebungen standhaft entgegen. Nina Hoss, sozusagen, gehört allein sich selbst - und das ist bisher sehr gut so.