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Nina Hoss Die Unnahbare

18.05.2004 ·  Egal welche Rolle sie spielt, der äußere Anschein ist immer nur die halbe Wahrheit: Die Schauspielerin Nina Hoss zählt zu denen, die am Sonntag den neuen Bundespräsidenten wählen werden.

Von Hans-Dieter Seidel
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Eigentlich hätte am vergangenen Freitag abends im Kulturkanal Arte Christian Petzolds jüngster Film "Wolfsburg" zu sehen sein sollen. Es wäre aufs neue eine wunderbare Gelegenheit gewesen, die Darstellungskunst der Schauspielerin Nina Hoss zu studieren.

Doch weil "Wolfsburg" gleich dreifach für den demnächst zu vergebenden Deutschen Filmpreis nominiert ist (als bester Film, für die beste Regie und die beste Schauspielerin) und weil, so offenbar das krause Denken der Verantwortlichen, lieber etwas ausgezeichnet wird, was kaum jemand zuvor hat sehen können, als etwas besser Bekanntes und weithin Geschätztes, wurde der Film aus dem Programm genommen, durch irische "Sünderinnen" ersetzt und auf später verschoben. Dabei ist "Wolfsburg" eine reine Fernsehproduktion, mit wenigen Kopien ins Kino, wo der Film vielleicht zehntausend Zuschauer fand, nur durch eine Sondergenehmigung des ZDF gekommen.

Der Wirbel der Medien

Derlei Irrungen und Wirrungen können Nina Hoss, 1975 geboren, nichts anhaben. Die Mutter, Heidemarie Rohweder, war Schauspielerin am Stuttgarter Staatstheater und später Intendantin der Württembergischen Landesbühne Esslingen, der Vater, Willy Hoss, Betriebsratsvorsitzender "beim Daimler", wie sie in Stuttgart sagen, und Bundestagsabgeordneter der Grünen. Diese Konstellation scheint eine gute Schule fürs Leben.

Seit ihrem "Mädchen Rosemarie" von 1996 in Bernd Eichingers Fernsehregie ist Nina Hoss den Wirbel der neugierigen Medien gewohnt, der sich mit der Filmpreisnominierung noch steigerte und jetzt davon gekrönt wird, daß Nina Hoss der Bundesversammlung angehört, die am kommenden Sonntag den Bundespräsidenten zu wählen hat - so man den politischen Vorgang denn eine Wahl nennen will. Und Erwartungen ihr gegenüber unterläuft die Schauspielerin mit Bravour. Nach ihrem Triumph als Rosemarie hätte sie abheben können zum Höhenflug des Jungstars über Nacht, zog es aber vor, solide ihre Ausbildung an der Ernst-Busch-Schauspielschule abzuschließen. Statt sich auf Filmrollen auszuruhen, die sich schillernd allein mit ihrer Schönheit begnügen mochten, probierte sie sich lieber im Theater aus.

Nur die halbe Wahrheit

Wer sie dort erlebt hat, rühmt das Hochgespannte ihres Auftretens: Stets komme da eine Unnahbare ins Spiel, die jeden Augenblick durchscheinen lasse, wie es sein könnte, wenn sie sich nahbar gäbe. Ihre Gräfin Orsina etwa in Lessings "Emilia Galotti", im Herbst 2001 auf der Bühne des Berliner Deutschen Theaters, war solch ein Exempel einer "gefährlichen Möglichkeit", wie es in unserer Theaterkritik hieß: "Und so, tödlich scharf und kalt, spielt sie Nina Hoss."

Der Eindruck deckt sich vollkommen mit ihren Film- und Fernsehrollen, zuletzt vor nicht einmal Monatsfrist in dem psychologischen Vexierspiel kranker Seelen "Schwestern" aus der "Bloch"-Reihe. Oder die scheinbar arglose, nur irgendwie verstörte junge Frau namens Leyla in Christian Petzolds "Toter Mann", die sich als finster entschlossene Rächerin entpuppt; oder eine aus dem Sextett von Doris Dörries "Nackt", die am entschiedensten aus der ihr zugedachten Rolle des gefügigen Weibchens ausbricht - immer ist der erste und äußerliche Anschein nicht einmal die halbe Wahrheit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2004, Nr. 115 / Seite 42
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