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Veröffentlicht: 13.01.2017, 20:57 Uhr

Neuer Film von Chris Kraus Was Tragödie nicht sein soll, endet als Farce

Ganz nach dem Böhmermann-Rezept? Chris Kraus versucht sich mit „Die Blumen von gestern“ an einer Komödie vor dem Hintergrund der Schoa – und scheitert kläglich.

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© Four Minutes Filmproduktion Französisch-deutsche Historikerbegegnung: Zazie (Adèle Haenel) zu Bett mit Totila (Lars Eidinger)

„Vier Minuten“ ist lange her, zehn Jahre mittlerweile. Das extravagante Kinodrama mit einer furiosen und damals noch weitgehend unbekannten Hannah Herzsprung in der Hauptrolle machte auch den Regisseur Chris Kraus berühmt, obwohl der mit „Scherbentanz“ schon 2001 einen eigenen Roman eindrucksvoll und vor allem schauspielerintensiv verfilmt hatte.

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Dass er aus seinen Akteuren mehr herauskitzelt, als sie sich sonst selbst zutrauen, gehörte von dann an zum Ruf von Kraus, der allerdings seit „Vier Minuten“ keinen rechten Erfolg mehr hatte. Sein dritter Spielfilm „Poll“ wurde vielfach ausgezeichnet, aber vom Publikum ignoriert, und die Ausflüge von Kraus in Opernregie und Dokumentarfilm spielten sich in Nischen ab. Da war es Zeit für etwas Aufsehenerregendes, womöglich Unerwartetes. Chris Kraus entschloss sich, eine Komödie zu drehen.

Auf dass sich Zähne und Knochen wieder richten mögen

Da ist sie nun: „Die Blumen von gestern“, und wer in zwei, drei Sätzen hört, um was es geht, dürfte nicht auf den Gedanken kommen, es könnte dabei auf der Leinwand komödiantisch zugehen. Eine französische Historikerin, deren Großmutter in der Schoa gestorben ist, stößt zwecks Vorbereitung eines Auschwitz-Kongresses zu einem deutschen Organisationsteam, in dem der Enkel einer jener Nazigrößen sitzt, die für die Ermordung der Großmutter verantwortlich gewesen sind, obwohl beide in den dreißiger Jahren als Kinder in derselben Klasse saßen. Da der Spiritus Rector des Kongresses, ein hochangesehener Historiker, gerade verstorben ist, muss sich das Team neu organisieren und nun ohne den Sympathiebonus des Toten die Referenten bei der Stange halten. Über dieser Aufgabe und durch Attraktivität und Sprunghaftigkeit der jungen Französin zerbricht der ganze Plan.

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So weit, so scheinbar ernst. Doch schon der Herztod des väterlichen Institutschefs ganz zu Beginn tritt nur deshalb ein, weil die beiden miteinander konkurrierenden engsten Mitarbeiter sich vor seinen Augen im Büro prügeln. Wie Lars Eidinger und Jan Josef Liefers das tun, ist eher Slapstick als Schlägerei, so überzogen ist der Gewaltausbruch Eidingers, der den wissenschaftlich brillanten, aber durch die familiäre Vorbelastung nervlich höchst labilen Totila Blumen spielt (dem Familiennamen verdankt sich der präziöse Titel des Films). Kraus setzt von Beginn an das Zeichen dafür, dass in seinem Film nichts ernst zu nehmen ist. Und da der verprügelte Liefers als fortan für die Kongressorganisation Verantwortlicher in ein Stützgestell gezwungen ist – auf dass sich Zähne und Knochen wieder richten mögen –, bekommt er die klassische Anmutung eines mad scientist, der er aber gar nicht ist. Er ist, was für die Rollen aller Institutsangehörigen gilt, nur ein armes Würstchen. Aber wenigstens muss man auf der Leitungsebene nicht auch noch schwäbeln wie bei den Subalternen.

„Holocaustforscher ohne Humor sind wie ein Popo ohne Loch“

Nun mag man es komisch finden, interne Rangeleien und Anbiederungen in der akademischen Welt vor der Folie einer historischen Katastrophe präsentiert zu bekommen. Zumal mit der von Adèle Haenel gespielten Zazie – der Name der Historikerin beschwört cineastisch einiges herauf, was aber leider völlig folgenlos für diese beklagenswert alberne Figur bleibt – eine amouröse Verlockung ins Spiel kommt, die einerseits niedergedrückt vom Schicksal ihrer Vorfahren zu sein scheint, andererseits aber munter mit den deutschen Holocausthistorikern ins Bett steigt. Haenel hat erst jüngst in „Das unbekannte Mädchen“, dem neuen Spielfilm der Dardenne-Brüder, mit kontrolliertem Spiel überzeugt; bei Kraus aber gibt sie ein Hascherl, dessen heftige Gemütsschwankungen schon nach den ersten fünf Minuten ihres Auftritts als bekannt gelten dürfen. Die bewusst angestrebte Frivolität der Konstellation Holocaust und Komik ist eine zu große Herausforderung für ein von Kraus selbst geschriebenes Drehbuch, das es nie zu solch radikalen Diskrepanzen bringt, wie sie etwa Roberto Benignis hochumstrittener Spielfilm „Das Leben ist schön“ von 1998 gewagt hat. Der war zur Hälfte eine Komödie im Zeichen der Schoa, die zweite Hälfte aber war ein Melodram. „Die Blumen von gestern“ ist weder das eine noch das andere, sondern eine Farce.

© Piffl Medien Kinotrailer: „Die Blumen von gestern“

Dadurch wird der Film nicht nur unangenehm, sondern peinlich. Daran kann auch Hannah Herzsprung nichts ändern, die als nymphoman-sensible Ehefrau von Totila Blumen nicht mehr darzustellen hat als ein weiters Ab- oder besser Ausziehbild. Und spätestens, wenn in Person einer prominenten Schoa-Überlebenden (die Burgschauspielerin Sigrid Marquardt in der letzten Rolle vor ihrem Tod) auch noch eine zynische Kommentatorin des ganzen Kongress-Buhlens auftaucht, ist jeder ironische Anspruch fahrengelassen.

Es ist, als folgte der Film in seinem Humorverständnis dem Böhmermann-Rezept: Schaut nur, wie satirisch ich bin, also darf ich an jedes Tabu rühren. Wer so argumentiert, schafft aber keine Satire, sondern eben eine Farce. Und die bewegt sich hier auf einem intellektuellen Niveau, das die unerträglich naiv charakterisierte Zazie mit einem wiederholt eingesetzten Bonmot beweist: „Holocaustforscher ohne Humor sind wie ein Popo ohne Loch.“ Angewendet auf „Die Blumen von gestern“, hätte das eine Filmflatulenz verhindert.

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