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Veröffentlicht: 16.03.2016, 14:16 Uhr

Videofilmkritik „Raum“ Und wenn die Welt die Hölle wäre?

Lenny Abrahamsons Spielfilm „Raum“ zeigt das Leben einer Frau und eines Kindes nach jahrelanger Gefangenschaft. Ein atemberaubendes und meisterhaft gespieltes Psychodrama, für das die Hauptdarstellerin den Oscar bekam.

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© F.A.Z., Universal Pictures Video-Filmkritik: „Raum“ von Lenny Abrahamson

Jack hat ein animistisches Verhältnis zur Welt: Die Dinge sind ihm Freunde, herzlich grüßt er Spülbecken, Stuhl eins und Stuhl zwei, Toilette, Kleiderschrank und all das andere Inventar in Raum, jenem engen Zimmer, das gleichfalls von ihm geduzt und stets ohne bestimmten Artikel angesprochen wird, denn es gibt in Jacks Leben eben nur dieses eine Zimmer. Die Grenzen seiner Sprache bezeichnen die Grenzen seiner Welt. Genau sechs Jahre lebt er in Raum, als der Film ansetzt: mit der Geburtstagsfeier, die seine Mutter Joy ihm ausrichtet. Dabei lernt er erstmals Kuchen kennen.

Andreas Platthaus Folgen:

Nicht, dass Jack Kuchen als abstrakte Größe nicht gekannt hätte; es gibt einen Fernseher in Raum, und so weiß der kleine Junge genau zwischen wirklichen und fiktiven Objekten und auch zwischen wirklichen und fiktiven Menschen zu unterscheiden. Nur ist für Jack alles fiktiv, was nicht in Raum enthalten ist, denn es gibt dort auch kein Fenster nach draußen außer einer Oberlichtluke, die aber nichts als Himmel sehen lässt. Als einmal ein Blatt darauf liegen bleibt, ist das eine Sensation im Leben des Sechsjährigen.

Was der irische Regisseur Lenny Abrahamson in seinem neuen Film „Raum“, für den die kanadische Schriftstellerin Emma Donaghue ihren gleichnamigen Roman zum Drehbuch umgearbeitet hat, veranstaltet, müsste man statt Kammerspiel Zellenspiel nennen. Denn Jack und seine Mutter sind eingesperrt in Raum, Joy noch ein Jahr länger als ihr Sohn, denn sie wurde als Siebzehnjährige von einem Mann verschleppt, der sie seitdem im kleinen Schuppen hinter seinem Haus versteckt hält. Wann immer dem Kerkermeister danach ist, bedient er sich der jungen Frau zur Triebabfuhr, und nur bei diesen Gelegenheiten bringt er Lebensmittel und andere unbedingt notwendige Güter mit in Raum. Nach den Vergewaltigungen verschwindet er wieder und lässt Joy und Jack hinter der durch ein Zahlenschloss verbarrikadierten Tür zurück; die technische Durchführung der Einkerkerung gleicht dem Modell, das Karen Duve gerade erst in ihrem Roman „Macht“ entfaltet hat.

„Raum“ nimmt radikal die Perspektive der Opfer ein, und trotzdem haben Abrahamson und Donaghue im Gegensatz zu Duve keinerlei politische Agenda. Es geht ihnen um ein Psychodrama, das seinen Höhepunkt schockierenderweise nicht im Zellenraum findet, sondern nach der Befreiung. Denn nun warten draußen nicht nur Joys Eltern (deren Ehe seit dem Verschwinden der totgeglaubten Tochter zerbrochen ist) und die naturgemäß höchst interessierte Öffentlichkeit, sondern es wartet dort auch all das, was Jack zuvor nur aus dem Fernseher kannte. Wie sich der Junge ins Leben einer fremden Welt hineintastet, ist der eigentliche Gegenstand von „Raum“.

Normalität im Ausnahmezustand

Und seine Meisterleistung besteht darin, dass wir als Zuschauer uns auf genau dieselbe Weise ins Leben von Jack hineinfinden müssen, von dem wir zu Beginn nicht einmal sicher sagen könnten, ob er ein Junge ist, denn mit Haareschneiden hat sich Joy nicht aufgehalten. Zudem ist der unglaubliche Jacob Tremblay, der bei den Dreharbeiten acht Jahre alt und zuvor nur im zweiten Teil des Trick- und Realfilmgemischs „Die Schlümpfe“ aufgetreten war, der jungen Brie Larson, die seine Mutter spielt, wie aus dem Gesicht geschnitten. Sein Jack ist auch genauso stark wie Joy, die in den sieben Jahren ihres Leidensweges alles dafür getan hat, ihrem Sohn Normalität zu ermöglichen.

Das hat sie nur geschafft, indem sie den Ausnahmezustand der Kerkerexistenz zum Normalfall erklärte, und deshalb lässt sie bei jedem Besuch ihres Peinigers den Jungen im Schrank verschwinden. Dadurch erspart uns Abrahamson im Bündnis mit Danny Cohens ganz auf Jack fixierter Kamera jede voyeuristische Szene, steigert aber noch die Beklemmung der Konstellation, die dann nach der Befreiung sichtbar wird, als es Joys Vater – William H. Macy leistet in bestenfalls fünf Leinwandminuten eine schauspielerische Tour de force – nicht möglich ist, seinen Enkel, dieses aus einer Vergewaltigung entstandene Kind, auch nur anzusehen. Erst da wird das ganze Dilemma dieses neuen Lebens deutlich, und als Joy in ihrem ersten Fernsehinterview gefragt wird, warum sie ihren Entführer nicht gebeten habe, Jack noch als Baby freizusetzen, versteht sie erst nicht einmal die Überlegung, die dahinter steht, denn ihr Sohn war doch das Einzige, was ihr die Haft erträglich gemacht hat.

Lebenswerte Hölle

Mit jeder Minute seiner zwei Stunden steigert „Raum“ die Spannung, weil wir mit Jack dessen neue Welt finden müssen und dabei so vieles mit ihm lernen: dass etwa ein sechsjähriges Kind noch keine Treppen laufen kann, auch wenn es sie aus dem Fernsehen kennt. Und dass für ein Kind auch die Hölle lebenswert sein kann, solange ihm das Wissen um die Teuflischkeit ihrer Konstruktion erspart bleibt. Das ermöglicht zu haben ist Joys große Tat, und Brie Larson macht glaubhaft, dass es gelingen kann. Nicht nur, weil Jodie Foster in „Panic Room“ die vergleichsweise intensive Darstellung räumlicher Beeinträchtigung gelungen ist, erinnert die sechsundzwanzigjährige Larson extrem an sie. Den Oscar als beste Schauspielerin hat sie nun – verdientermaßen – auch schon.

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„Raum“, diese vordergründige Variation auf Kaspar Hauser und Natascha Kampusch, ist hintergründig eine Sensation, auf die man nicht einmal durch Abrahamsons grandiosen Vorgängerfilm „Frank“ vorbereitet war, in dem ein Sänger sich nur durch eine groteske Maske geschützt der Welt stellen konnte. Jack steht ihr nun so ungeschützt gegenüber, wie man es sich nur denken kann. Doch Joys Liebe zu ihm war eine Bastion. Nach dem Verlassen von Raum wird sie notgedrungen geschleift. Deshalb muss nun Jack das führen, was wir Leben nennen. Dass es dafür Raum braucht, ist die böse Doppeldeutigkeit dieses Films.

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