http://www.faz.net/-gqz-136e8

Neuer Chabrol-Film : Nah an der filmischen Altersgrenze

Schwerfälliger Ermittler: Gérard Depardieu (l.) nähert sich körperlich langsam der Tonnage des späten Marlon Brando an Bild: ddp

Unbeeindruckt von seinem Alter dreht Claude Chabrol alle zwei Jahre einen neuen Film. Kurz vor seinem 80. Geburtstag schickt er nun Gérard Depardieu als saturierten „Kommissar Bellamy“ auf Tätersuche. Kündigt sich mit diesem autobiographischen Wiederholungswerk der Ruhestand an?

          Onkel Claude nimmt einen langen Abschied. Nach achtundfünfzig Spiel- und diversen Fernsehfilmen könnte er sich getrost zur Ruhe setzen, ohne als Faulpelz zu gelten, aber er bringt noch immer alle ein, zwei Jahre eine bürgerliche Krimigeschichte ins Kino, so als fühlte er sich auf seinen Sets inzwischen heimischer als zu Hause. Und tatsächlich laufen die biographischen und die kinematographischen Fäden bei Chabrol immer enger zusammen, schon deshalb, weil ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner Familie an seinen Filmen mitarbeitet - etwa sein zweiter Sohn Thomas, der fast jedes Mal eine kleine oder größere Rolle bekommt, oder sein erster Sohn Mathieu, der Komponist, der auch für „Kommissar Bellamy“ wieder die Musik geschrieben hat.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber auch die Bilder und Stoffe, die in der Filmfabrik Chabrol produziert werden, entwickeln sich immer deutlicher in Richtung Familienporträt, vom Provinzidyll der „Blume des Bösen“ über die Pariser Nachttische der „Geheimen Staatsaffären“ bis zu den Schmortöpfen und Küchenherden von Nîmes, vor denen Bellamy (Gérard Depardieu) seine Frau (Marie Bunel) mit Genießermiene um die Taille fasst. „Bellamy“, hat Chabrol erklärt, sei eine Hommage sowohl an Depardieu als auch an Simenon, aber vor allem ist es eine Vision jenes Rentnerdaseins, für das sich Chabrol mit seinen bald achtzig Jahren immer noch zu jung fühlt: der berühmte Mann aus Paris, der in der südfranzösischen Provinz seinen Bauch spazieren führt, sich von seiner Gattin kulinarisch und erotisch verköstigen lässt und sich heimlich fragt, ob er nicht langsam seine Memoiren schreiben sollte - bis auf einmal ein Mordverdächtiger in seinem Vorgarten sitzt.

          Zwei Geschichten ohne Klammer

          Dass der Fall, um den es in „Kommissar Bellamy“ geht, etwas Konstruiertes und Künstliches, im gastronomischen Sinn Angerichtetes hat, ist bei Chabrol nicht neu; das Privileg, dem Meister beim Einfädeln seiner komplizierten Plots zuschauen zu dürfen, gehört von jeher zum Erlebnis von Chabrolfilmen. Neu und ungewohnt ist, wie wenig die eigentliche Kriminalstory mit den Tagen und Taten des wackeren Bellamy verwoben ist. Ein Mann hat einen tödlichen Unfall vorgetäuscht, um sich von seinen Schulden zu befreien und mit seiner Geliebten leben zu können: Das ist die eine Geschichte. Bellamy bekommt Besuch von seinem missratenen Bruder, der sich in seinem Haus breitmacht, seinen Weinkeller leersäuft und seine Ehefrau betatscht: Das ist die andere Geschichte. Zwischen beiden schiebt Gérard Depardieu seine imponierenden Pfunde - mittlerweile erreicht er beinahe die Tonnage des späten Marlon Brando - hin und her, als könnte er damit eine dramaturgische Klammer setzen. Aber es verklammert sich nichts. Gut, es gibt ein Autowrack am Anfang und einen Crash (den man nicht sieht) am Schluss, aber dazwischen bewegt sich der Film reichlich fußgängerisch von einer Station zur nächsten, wie ein Ruheständler, der seine täglichen Einkäufe erledigt.

          Detektivisches Verwirrspiel: Bellamy (r.) recherchiert im Gefängnis

          Selbstverliebte Umständlichkeit

          Einige schöne Vignetten lockern den Gang der Erzählung auf: der Verdächtige (Jacques Gamblin), der den Kommissar nachts in einem Motel empfängt; seine Geliebte (Vahina Giocante), die sich den örtlichen Ermittlern entzieht, indem sie den Oberpolizisten in ihr Bett holt; eine Angestellte im Baumarkt, die Bellamy nicht nur bei seinen Ermittlungen, sondern auch beim Regalbau hilft. Auch auf die Kamera von Eduardo Serra, der für Chabrol schon ein halbes Dutzend Filme kadriert hat, ist wieder Verlass: Sie breitet das Licht des Südens über den Figuren aus, ohne es allzu auffällig zu betonen.

          Aber das alles wiegt die selbstverliebte Umständlichkeit nicht auf, mit der sich Chabrol durch die vertrauten Höllen seiner Provinzbourgeoisie bewegt. Vielleicht ist der Ruhestand doch eine Option. Zwar ist ein Nachfolger nicht in Sicht, aber es gibt ja das Werk, den Kontinent Chabrol. Fünfzig Jahre Kino, das macht ihm in Europa keiner nach.

          Weitere Themen

          Komplize des Kinos

          Filmkomponist Ennio Morricone : Komplize des Kinos

          Er hat Neue Musik studiert und Free Jazz gespielt. Er hat gezeigt, dass alles Musik sein kann, was Geräusche macht. Dem Italo-Western gab er seinen Klang. Zum neunzigsten Geburtstag von Ennio Morricone.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Warum Italien stur bleibt : Vier Gründe für den Trotz

          Rom bleibt stur und will, dass der Haushaltsentwurf bleibt, wie er ist. Für die trotzige Haltung gibt es vier Gründe. Doch auch die EU hat wenig Anlass, ihre Position zu ändern.

          Personalkrise im Weißen Haus : Feuert Trump die nächste Ministerin?

          Donald Trump hat gerade erst Justizminister Sessions rausgeworfen. Nun soll angeblich auch Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen gehen. Das könnte jedoch zu einem Showdown im Weißen Haus führen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.