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Sexuelle Übergriffe : Wedel-Skandal bringt ARD in Erklärungsnot

Sieht sich selbst als Opfer einer Verleumdungskampagne: Regisseur Dieter Wedel. Bild: dpa

Die neuen Vorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel zeigen: Auch in Deutschland sind Übergriffe in der Unterhaltungsbranche Alltag. Das setzt nun auch die ARD unter Druck.

          Nächtlicher Telefonterror, Zermürbungskampagnen, Körperverletzung, versuchte und vollzogene Vergewaltigung, Demütigungen vor versammeltem Team bei Dreharbeiten, die weit über ein offenbar übliches Herrschergebaren von Regisseuren am Set hinausgingen – nach dem Bericht des „Zeit“-Magazins vor drei Wochen haben nun in einem Dossier derselben Wochenzeitung weitere Frauen massive Vorwürfe gegen Dieter Wedel erhoben.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wedel, inzwischen als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurückgetreten, sieht sich weiterhin als Opfer einer Verleumdungskampagne. Angesichts der Aussagen der Schauspielerinnen, untermauert von unabhängigen Zeugenaussagen und Schriftstücken aus der Zeit der geschilderten Vorfälle in den achtziger und neunziger Jahren, fällt es allerdings schwer, ein Gleichgewicht von „She says/He says“ aufrechtzuerhalten. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft München die Ermittlungen gegen Wedel aufgenommen, weil eine der Vergewaltigungen, deren Wedel in dem früheren Artikel bezichtigt wurde, doch noch nicht verjährt ist.

          Betroffene fanden kein Gehör

          Die Fragen, die sich an Berichte betroffener Frauen knüpfen, sind in den Monaten seit den ersten Aussagen gegen den amerikanischen Filmmogul Harvey Weinstein im vergangenen Oktober immer dieselben: Warum nicht früher? Warum hat niemand, der jetzt die Vorfälle bestätigt, damals geredet, gehandelt? Warum ließ sich das Schweigekartell nicht brechen, und warum wurde den Männern, die jetzt sexueller Übergriffe und sexueller Gewalt beschuldigt sind, nicht früher das Handwerk gelegt?

          Opfer sprechen, wenn sie sprechen können. Das ist eine Antwort auf die erste Frage und gilt auch hier. Die MeToo-Debatte, die Time’s-Up-Bewegung haben ein Klima geschaffen, in dem es betroffenen Frauen – die (wie auch in dem neuerlichen Artikel in der „Zeit“ nachzulesen ist) zur Zeit der Vorfälle kein Gehör, keine Unterstützung fanden oder aber den Rat bekamen, den Mund zu halten – möglich geworden ist, ihre Geschichten zu erzählen. Wir haben durch die inzwischen zahllosen Berichte von Frauen ein einigermaßen erschreckendes Bild davon, wie die Arbeitsbedingungen für Schauspielerinnen in der Unterhaltungsindustrie aussehen (was nicht heißen soll, es gebe nicht auch sexuelle Gewalt gegen Männer dort, wie der Fall Kevin Spacey nahelegt). Aber was uns heute erschreckt, war bis gestern offenbar normal und nicht der Rede wert. Das ist die andere Antwort auf die Frage nach dem Schweigen der Frauen und aller, die um sie herum waren und wussten, was vor sich ging.

          Opfer suchen oft Schuld bei sich

          Gleichzeitig hört und liest man immer wieder: „Es war mir unangenehm, und ich schämte mich.“ Mit diesem Satz wird in der aktuellen „Zeit“ auch die Schauspielerin Esther Gemsch zitiert, die davon berichtet, wie sie in den achtziger Jahren von Wedel mit Gewalt bedrängt wurde. Damals hatte sie eine Rolle in dem Achtteiler „Bretter, die die Welt bedeuten“, der von einer Tochtergesellschaft des Saarländischen Rundfunks produziert wurde.

          Gestützt auf weitere Zeugenaussagen, die bestätigen, was sie erzählt, sowie abgesichert durch ein ärztliches Attest von damals sowie Anwaltsschreiben an die Produktionsfirma, die offenbar folgenlos blieben, erzählt sie von der versuchten Vergewaltigung, Körperverletzung und den folgenden Demütigungen: Sie hätte „damals zur Polizei gehen müssen“, wird Gemsch zitiert, aber in diesem Moment habe sie das nicht gekonnt. Stattdessen habe sie sich selbst die Schuld gegeben, sich gefragt, ob sie Wedel irgendwie zu seinen Handlungen eingeladen haben könnte. Und sie fürchtete die Fragen und Kommentare der anderen: Kann das tatsächlich stimmen? So schlimm kann es doch nicht gewesen sein!

          Aufklärung von Seiten der ARD notwendig

          Dass auch in Deutschland sexuelle Übergriffe institutionell gedeckt wurden, wie es nun scheint, wenn man liest, der Saarländische Rundfunk (SR) habe an Wedel als Regisseur trotz massiver Vorwürfe gegen ihn festgehalten, gibt den Anschuldigungen nun auch bei uns eine systemische Dimension. Die ARD wird einige Aufklärungsarbeit zu leisten haben. Alle, so steht es in dem „Zeit“-Dossier, wussten Bescheid, auch davon, dass Frau Gemschs Nachfolgerin in der Rolle, Ute Christensen, ganz ähnliche Erfahrungen mit Wedel machte. Alle hielten den Mund – die einen, weil sie weiterarbeiten wollten; die anderen, weil es um ihr Geld ging; alle, weil sie offenbar der Meinung waren, Schweinereien gehörten dazu, wenn Männer beruflich Frauen etwas zu sagen haben. „Der Streit ist zunächst eine persönliche Angelegenheit zwischen Herrn Wedel und Frau Christensen“ – so liest sich das in einem Schreiben des SR.

          Beim Women’s March in Los Angeles vor einigen Tagen haben zahlreiche Frauen, unter ihnen die Schauspielerin Scarlett Johansson, genau diese Kultur, die auch bei uns herrscht, noch einmal beschrieben: eine Kultur der selbstverständlichen Übergriffigkeit von Männern, der normalen Nötigung durch Männer, der Selbstvorwürfe, der Erniedrigung, der Schuldgefühle, der Depression und des sinkenden Selbstvertrauens auf Seiten der Frauen. All das hätte nie geschehen dürfen. Unfassbar, dass es immer noch geschieht.

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