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Neue F.A.Z.-Edition Filme am Sonntag

06.02.2010 ·  Wenn es eine deutsche Kinotradition überhaupt gibt, dann ist es die Tradition, kaum eine Tradition zu haben. In einer sonntäglichen Artikelserie wird die Kinoredaktion der F.A.Z. dennoch den Versuch unternehmen, am Beispiel von zehn Filmen nachzuweisen, wie zukunftsträchtig das deutsche Kino sein kann.

Von Claudius Seidl
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Wenn der deutsche Film überhaupt eine Geschichte hat, dann ist es eine Geschichte des Vergessens und der Folgenlosigkeit - es gibt, wenn man sich die Filme aus den vergangenen hundertfünfzehn Jahren noch einmal zu vergegenwärtigen versucht, sehr häufig den Zauber eines Anfangs. Aber die Konsequenz und Härte des Weitermachens, die gibt es nur sehr selten. Wer, als Regisseur und Autor, überhaupt etwas wollte, der wollte eigentlich immer alles anders machen und nichts zu tun haben mit jener Vergangenheit, in der er doch selber ein Kinogänger war und den Kopf voll hatte von deutschen Kinobildern: So kam es, dass das deutsche Kino sich selber immer fremd geblieben ist - es suchte und fand immer wieder seine Vorbilder in Frankreich, Italien, Amerika; und wenn es eine deutsche Kinotradition überhaupt gibt, dann ist es die Tradition, kaum eine Tradition zu haben.

Das hat schon in den Dreißigern begonnen, als alle, die jüdisch waren oder links oder sich nicht vom Doktor Goebbels herumkommandieren lassen wollten, vor den Nazis flohen, die meisten nach Amerika. Und die, die blieben, mussten den Stil der Weimarer Republik verleugnen und vergessen. Das ging weiter in der Nachkriegszeit, als jene, die unter oder trotz Goebbels schöne und inspirierte Filme gemacht hatten, entweder tot waren (wie der zu Unrecht vergessene Werner Hochbaum) oder moralisch erledigt (wie das böse Genie Veit Harlan); oder sie passten sich (wie Helmut Käutner, der seine besten Filme unter dem Nazi-Regime drehte) dem Stil der Zeit an. Und das hieß: Die Studiotüren des Fünfziger-Jahre-Films blieben fest verschlossen, damit weder die frische Luft der Wirklichkeit hereinkomme noch gar jemand, der den Helden jener Zeit womöglich die Frage stellte, wo sie denn waren und was sie getan hatten, zehn, fünfzehn Jahre zuvor.

Und als, in den sechziger Jahren, der sogenannte Junge deutsche Film sich abwandte von „Opas Kino“ (wie es damals hieß) und einen neuen Stil, neue Blicke auf eine neue Wirklichkeit suchte, da lernten die Filmer lieber bei John Ford oder Alain Resnais, als dass sie die Rebellen, die Dissidenten oder einfach nur die Könner der Vätergeneration (Regisseure also wie Georg Tressler oder Hans H. König, Victor Vicas oder Robert Siodmak) zur Kenntnis genommen hätten. Und die, die heute Filme machen in diesem Land, schauen auch so lange nach Amerika, bis von dort endlich Quentin Tarantino kommt und seine deutschen Schauspieler und das deutsche Publikum damit überrascht, dass er sich unglaublich gut auskennt in der deutschen Filmgeschichte.

„Momente des deutschen Films“ haben wir unsere Artikelserie genannt; wir wollen, am Beispiel von zehn Filmen, Tiefenbohrungen versuchen, hinein in die Geschichte des deutschen Films. Wir hoffen, dort einerseits das Vergessene und Verdrängte, das Fremdgewordene und nicht mehr ganz Verständliche auszugraben, was ja einen ganz enormen ästhetischen und sozialen Reiz haben kann. Und andererseits haben wir vor allem solche Filme ausgesucht, die weit hineinragen in eine Zukunft, die unsere Gegenwart ist (oder sein könnte, in einer besseren Welt, einem besseren Kino). Das fängt an mit Fritz Langs „Frau im Mond“, einem Science-Fiction-Film, der, obgleich manches darin märchenhaft ist, in vielen Szenen schon vorauszuahnen scheint, was dann wirklich gebaut und gezündet wurde in Cape Canaveral (und dessen Schönheit natürlich nichts mit seiner prognostischen Genauigkeit zu tun hat). Das geht weiter mit „Menschen am Sonntag“, einem kleinen, stummen Film über den Berliner Sommer vor 81 Jahren, einer wunderbaren Improvisation mit Laien, denen man auch im Berliner Sommer von 2010 ganz gern begegnen möchte, so modern sind sie und ihre Haltungen. Und es setzt sich fort mit „Unter den Brücken“, Helmut Käutners seltsam aus der Zeit gefallenem Melodram, dessen schönste Liebesszenen schon die Spiele der Nouvelle Vague vorwegzunehmen scheinen. Na, und so weiter.

Es geht uns nicht darum, die ganze deutsche Filmgeschichte zu erzählen. Es wäre schon schön, wenn sich herumspräche, wie reich an Neuigkeiten und Überraschungen diese Geschichte ist.

Die F.A.Z.-Filmedition „Momente des deutschen Films“, einzeln oder im Schuber (mit Michael Althens und Hans-Helmut Prinzlers „Auge in Auge“), ist jetzt im Handel. Mehr Informationen unter: www.faz.net/filmedition.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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