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Neu im Kino Die wahre Geschichte der rumänischen Finsternis

22.11.2007 ·  Mit der Nüchternheit des Hasses erzählt Cristian Mungius in „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ eine düstere Abtreibungsgeschichte im kommunistischen Rumänien - und gewann die Goldene Palme in Cannes. Völlig zu Recht, findet Andreas Kilb.

Von Andreas Kilb
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Ein Schlüssel zu diesem Film ist sein Untertitel: „Geschichten des goldenen Zeitalters“. Cristian Mungiu, der Regisseur, plant einen Kinozyklus. Dies ist die erste Episode: die Geschichte des Mädchens Gabita, das abtreiben will, und seiner Freundin Otilia, die ihm dabei hilft. Koste es, was es wolle. Und es kostet viel.

Einige Kritiker haben den Untertitel als Ausdruck von Ironie gelesen. Das kann sein. Aber im „goldenen Zeitalter“ schwingt noch etwas anderes, weniger Versöhnliches mit: Bitterkeit. Die Zeit, in der Otilia und Gabita leben, die Zeit ihrer Jugend, ist für immer vorbei, und auch der Film bringt sie nicht wieder. Dass alles besser wurde nach dem Tod des Diktators Ceausescu und dem Sturz seines Regimes, ist für jene kein Trost, die ihre besten Jahre im „goldenen Zeitalter“ verloren haben. Deshalb erlaubt Mungiu sich und uns auch keinen Augenblick der Entspannung, der Situationskomik, selbst da nicht, wo er, etwa bei einer Familienfeier, leicht zu haben gewesen wäre. Er filmt, wie ein Tacitus erzählt, mit der Klarsicht und der Nüchternheit des Hasses, ruhig, mit unbarmherziger Geduld.

Ohne Gefuchtel und Geschwenke

Ein Studentenwohnheim in einer rumänischen Großstadt, Winter 1987. Gabita (Laura Vasiliu) packt ihre Reisetasche, ihre Freundin Otilia (Anamaria Marinca) kauft noch rasch bei einem Schwarzhändler Zigaretten und Seife. Das Hotelzimmer ist gebucht, der Engelmacher verständigt, das Geld liegt bereit, eigentlich müsste alles glattgehen. Aber die Unruhe der Bilder spricht eine andere Sprache. Gabita, die Jüngere, schwankt zwischen Angst und Apathie, sie hat, wie sich später herausstellt, ihre Umgebung über das Stadium ihrer Schwangerschaft belogen. Otilia erfährt am Hotelschalter, dass keine Reservierung vorliege. Als der Abtreibungsarzt, der auf den sinistren Namen Bebe hört (Vlad Ivanov), feststellt, dass Gabita schon im fünften Monat schwanger ist, verlangt er einen Aufpreis auf den vereinbarten Betrag: Die Mädchen sollen mit ihm schlafen. Schließlich findet der Eingriff statt. Ein Plastikschlauch wird auf dem staubigen Hoteltisch aufgerollt, eine Spritze aufgezogen; sie solle erst aufstehen, sagt der Arzt zu der fröstelnden Gabita, wenn mit dem Fötus auch die Nachgeburt gekommen sei. Dann geht er.

Und noch immer weigert sich der Film, sentimental zu werden. Ohne Gefuchtel und Geschwenke, mit beweglicher, aber niemals zitternder Kamera hält er den Opfergang der beiden Studentinnen fest, die Demütigung des erpressten Beischlafs, die Panik im Gesicht der Schwangeren, die hektische Betriebsamkeit ihrer Freundin. Hätte Mungiu die madonnenhafte Gabita zur Hauptfigur seiner Geschichte gemacht, wäre aus „4 Monate, drei Wochen und 2 Tage“ vermutlich eines jener Rührstücke geworden, deren Pathos immer ein wenig nach Backmischung riecht. Aber er hat sich für Otilia entschieden, die Ältere, Reifere der beiden, die Zeugin und Mittäterin. Im Rumänien Ceausescus wäre sie wegen Beihilfe zur Abtreibung ins Gefängnis gekommen, und dieses Wissen sieht man ihr den ganzen Film über an. Auf der Geburtstagsfeier der Mutter ihres Freundes, die den unaufhaltsamen Ablauf dieses Höllentages unterbricht, sitzt sie zwischen den harmlos plappernden Gästen wie ein Gespenst. Die Spannung zwischen der starren Kameraperspektive und Otilias Nervosität scheint das Bild fast zu zerreißen. Aber hier wie überall hält der Film dem Druck stand, den seine Geschichte erzeugt, so wie er auch den Blick aushält, den Otilia am Ende auf den toten Fötus wirft, einen langen, zwischen Entsetzen und Erleichterung schwankenden Blick.

Lebendige Farben und Klänge

Viel Mühe haben Mungiu und sein Kameramann Oleg Mutu auf die Erzeugung des Dunkels verwandt - jener grauen Düsternis, die den Alltag unter Ceausescu prägte und die im heutigen Rumänien kaum mehr zu finden ist. So ist sein Film auch ein Versuch über die Ästhetik der kommunistischen Welt geworden, ähnlich wie Florian Henckel von Donnersmarcks „Leben der anderen“, der ein Ost-Berlin rekonstruierte, das es schon lange nicht mehr gab. In den „Geschichten des goldenen Zeitalters“ werden jene Farben und Klänge lebendig, von denen die akademische Geschichtsschreibung schweigt.

Als „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ im Mai in Cannes die Goldene Palme gewann, beschworen viele den Wiederaufstieg der Kinonation Rumänien. Wie weit diese neue Filmwelle trägt, wird sich zeigen. Immerhin gibt es zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einen großen rumänischen Regisseur. Er heißt Cristian Mungiu.

Quelle: F.A.Z., 21.11.2007, Nr. 271 / Seite 35
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