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Neu im Kino: „Barfuß auf Nacktschnecken“ Das tödliche Gift der Poesie

Es gibt Dinge, die kann man nur mit seiner Schwester zusammen essen. In „Barfuß auf Nacktschnecken“ erschöpft sich Ludivine Sagniers Lolita-Masche und Diane Kruger braucht endliche einen ordentlichen Regisseur.

© Alamode Filmverleih Vergrößern Am Ende führt kein Weg ins bürgerliche Leben zurück: Irgendwann ergreift Lilys (Sagnier) sanfter Wahnsinn von Clara (Krüger) Besitz

Diane Krüger, in Hollywood auch Diane Kruger genannt, ist eine international erfolgreiche deutsche Schauspielerin. Ludivine Sagnier, die mit Chabrol, François Ozon und Claude Miller gedreht hat, ist ein bekanntes Gesicht des europäischen Films. Und Fabienne Berthaud, die vor sechs Jahren mit „Frankie“ debütierte, hat zumindest in Frankreich als Regisseurin und Romanautorin einen Namen. In „Barfuß auf Nacktschnecken“, Berthauds zweitem Spielfilm, bilden die drei eine überraschende Konstellation. Die Regie aber tut alles, um sie als zwanglos und banal erscheinen zu lassen. Daran vor allem scheitert dieser ehrgeizige Film.

Durch den plötzlichen Tod ihrer Mutter wird Lily (Sagnier) zur Waise. Was ihr genau fehlt, bleibt unklar, aber Lily zieht kleinen Tieren das Fell ab und näht daraus Taschen, Schlüsselanhänger und Unterwäsche, hebt vor der Dorfjugend den Rock und kann nicht für sich selbst sorgen. Deshalb zieht ihre Schwester Clara (Krüger), die einen Anwalt geheiratet hat und in seiner Kanzlei im Vorzimmer sitzt, aus der Stadt zu ihr in das große, leere Elternhaus am Waldrand.

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Zuerst gehen sich die beiden mächtig auf die Nerven. Ein Besuch von Claras Schwiegereltern gerät zum Desaster. In einem Tagtraum sieht sich Clara ihre Schwester in der Badewanne ertränken. Bei einem Streit stößt sie Lily von der Treppe. Doch dann ergreift Lilys sanfter Wahnsinn von Clara Besitz. Die Ankunft dreier Lebenskünstler in einem Lkw, die Lily auf der Landstraße aufgegabelt haben, bringt die Wende. Am Ende führt kein Weg ins bürgerliche Leben zurück.

Barfuß auf Nacktschnecken 1 © Alamode Filmverleih Vergrößern Es gibt Dinge, die kann man nur mit seiner Schwester zusammen essen: Ludivine Sagnier und Diane Krüger in „Barfuß auf Nacktschnecken”

Etwas ausgeleiert

Im Kino der Verlierer, das die Verrückten, die Freaks und Außenseiter feiert, gibt es ein unfehlbar wirkendes tödliches Gift. Es heißt Poesie. In „Barfuß auf Nacktschnecken“ scheint immer die Sonne, und das Wasser des Bachs ist klar und kühl. Wenn Männ- und Weiblein sich nähern oder die Schwestern einander in die Quere kommen, erklingen Rocksongs oder Streicher, je nachdem. Und ewig zwitschern die Vögel. „Das Glück liegt in der Wiese“, behauptete ein französischer Kinoerfolg der neunziger Jahre. Fabienne Berthaud will von Anderssein und Außersichsein erzählen, von der Rückseite der Normalität, aber im Grunde sagt sie nichts anderes, nur auf eine umständliche und ungenaue Art.

Wäre „Barfuß auf Nacktschnecken“ ein deutscher Film, müsste man ihn respektabel nennen. Das ist die Lage. Sie wird dadurch nicht besser, dass Ludivine Sagniers Lolita-Masche, die in Ozons „Tropfen auf heiße Steine“ und „Swimming Pool“ perfekt funktionierte, allmählich etwas ausgeleiert wirkt. Diane Krüger aber braucht endlich einen Regisseur, der sie neu entdeckt, so wie Godard in „Außer Atem“ Jean Seberg entdeckt hat. Es muss ja nicht gleich ein Meilenstein der Filmgeschichte sein. Aber doch mehr als diese „Nacktschnecken“.

Quelle: F.A.Z.

 
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