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Niels Arden Oplevs „Dead Man Down“ : Senf und Sprengstoff

  • -Aktualisiert am

Es geht ihnen nicht gut: Colin Farrell und Noomi Rapace in „Dead Man Down“ Bild: picture alliance / dpa

Er sinnt auf Rache, weil seine Familie umgebracht worden ist, sie, weil sie bei einem Unfall entstellt wurde. In Niels Arden Oplevs melancholischem Thriller „Dead Man Down“ machen Colin Farrell und Noomi Rapace gemeinsame Sache.

          Auf den Friedhöfen von New York wird der Melting Pot wieder entmischt. Dort liegen sie alle feinsäuberlich beisammen, die Ungarn bei den Ungarn, die Albaner bei den Albanern, und nur in der Ferne sind die Wolkenkratzer von Manhattan auszunehmen. Der Friedhof, auf dem Laszlo Kervik begraben liegt, ist besonders pittoresk. Er nimmt sich aus wie ein Ehrengrab auf den amerikanischen Traum. Wenn schon das Leben kurz war, zeugt wenigstens das Empire State Building am Horizont von langer Dauer. Doch Laszlo Kervik ist ja gar nicht tot. Er lebt noch, heißt nun aber Victor, und eines seiner verbliebenen Ziele ist es, die Albaner aufzumischen. Die haben nämlich seine Tochter und seine Ehefrau auf dem Gewissen, als sie ein Gebäude geräumt haben, das der afroamerikanische Magnat Alphonse Hoyt für betuchtere Kundschaft auf Vordermann bringen möchte. Laszlo/Victor will Rache, und zwar in großem Stil. Alle Beteiligten sollen auf einmal draufgehen, und am besten auch noch er selbst, denn am Leben liegt ihm nicht mehr viel.

          Mit dieser Motivation ist er der perfekte Held für einen melancholischen Thriller wie „Dead Man Down“ von Niels Arden Oplev. Und natürlich ist es, auch das gehört zu den Konventionen des Genres, eine Frau, die der männlichen Destruktivität in die Quere kommt. Beatrice wohnt gegenüber von Victor in einem dieser riesigen Blocks, die in New York vom sozialen Wohnungsbau geblieben sind. Wenn die beiden auf den Balkon treten, um einander über einen Abgrund hinweg zuzuwinken, filmt Oplev sie beinahe so, wie Atget im 19. Jahrhundert die Fabelwesen auf der Kathedrale Notre Dame fotografierte: unheimliche Schutzgeister einer Stadt für Unbehauste. Doch es ist nur Colin Farrell, der hier einmal mehr den großen Schweiger gibt, während auf der anderen Seite Noomi Rapace mit viel Kosmetik zum „Monster“ stilisiert wurde. Bei einem Verkehrsunfall entstellt, sinnt auch Beatrice auf Rache, und sie hat bald herausgefunden, dass Victor ihr dabei nützlich sein könnte.

          Ein Blick in den Kühlschrank

          Es zeugt von der besonderen Ambition von „Dead Man Down“, dass Beatrice noch eine Mutter hat, eine schwerhörige Glucke, die ständig Kekse verteilt; eine Rolle, für die Isabelle Huppert vermutlich die Konzentration eines flüchtigen Blicks in den Spiegel aufgewendet hat, denn es muss ihr bald klar gewesen sein, dass sie keine tragende Funktion hat. In einem gelungenen Film tragen diese Nebenfiguren gerade dadurch zum Erfolg bei, dass sie nur sie selbst sein können, kleine Tupfer des Nichtfunktionalen in einer Genrelogik, die ansonsten ganz auf Ökonomie getrimmt ist. Doch in „Dead Man Down“ sind gerade diese Proportionen von Beginn an aus dem Lot. Oplev, der sich mit der skandinavischen Version der „Millennium“-Filme einen Namen gemacht hat, walzt das Drehbuch breitestmöglich aus und braucht daher fast zwei Stunden, bis das ganze Durcheinander aus hinterlegten Botschaften, gefolterten Schergen, fehlgeleiteten Speicherkarten die Konturen halbwegs nachvollziehbarer individueller Entscheidungen zeigt.

          „Ich habe einen Moment gefunden, ich würde ihn gerne festhalten“, sagt Beatrice, und mit dem unnachahmlichen Gesichtsausdruck, mit dem Colin Farrell selbst als einsamer Wolf immer noch wie ein anhängliches Haustier aussieht, antwortet Victor: „Das ist nicht unser Weg.“ In dieser Situation hat Beatrice eine weitere Option, und so trägt sie wesentlich zur besonderen Choreographie des Finales bei. Zu diesem Zeitpunkt hat Oplev bereits das ganze, große New York durchmessen, das die Filmgeschichte für ihn bereitgestellt hat. Er hat Victor zu rostenden Schiffen geschickt, die an verwilderten Pieren vertäut liegen; er hat Handlanger vor Glasfassaden baumeln lassen, auf der Jagd nach einem Scharfschützen; und er hat Beatrice in Victors Kühlschrank blicken lassen. Sie sah dort den Senf neben dem Sprengstoff liegen und hätte in diesem Augenblick eigentlich wissen müssen, dass in dieses Leben allenfalls noch ein weiteres ungarisches Pseudonym passt, keineswegs aber eine grüne Hasenpfote, die sie Victor gern als Talisman hinterlassen würde. Da „Dead Man Down“ aber ein Film ist, der mit seinem Melting Pot geradezu nach Zeichen giert, gewinnt auch dieses Ding noch einmal an Bedeutung. Der Balkon aber, von dem aus das alles richtig Sinn ergeben würde, muss erst gebaut werden.

          Quelle: F.A.S.

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