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„Milchwald“ von Christoph Hochhäusler Mit der Wünschelrute durch die fremde Heimat

 ·  Zwei Kinder werden auf der Landstraße ausgesetzt und nicht wiedergefunden: In seinem Film „Milchwald“ spielt Christoph Hochhäusler mit Märchenmotiven. Er zeigt und verschenkt seinen Sinn für das Unbekannte.

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Wer in diesen Tagen die Grenze zwischen Deutschland und Polen überschreitet, gelangt nicht einfach in ein Nachbarland, dessen Integration in den europäischen Überbau bald auch die letzten Geheimnisse jenseits der Oder lüften wird. Noch ist dieser Schritt nicht vollzogen, noch hat Polen symbolische Reserven, die Filmemacher auf die denkbar einfachste Weise erschließen können: Sie müssen nur die Kamera auf jene Dinge richten, die noch nicht in den freizügigen Warenverkehr aufgenommen sind. Manchmal sind es Relikte einer älteren Technologie, wie die Telefonzellen einer Festnetzverbindung am Rande eines alten Amphitheaters, das in Christoph Hochhäuslers Film „Milchwald“ eine Rolle spielt; häufig ist es auch nur ein altmodischer Stil, ein Ambiente, das weder funktional noch rustikal ist, sondern Ausdruck einer Prosperität, die von feinen Unterschieden noch keinen Begriff hat, wie die Innenausstattung der Autobahnraststätten, die den Weg in den „Milchwald“ säumen.

Der Geschichte von „Milchwald“ liegt ausdrücklich ein Märchenmotiv zugrunde. Zwei Schulkinder werden von ihrer ungeduldigen Stiefmutter auf einer Landstraße in der deutsch-polnischen Grenzregion ausgesetzt. Die Frau folgt nur einem Impuls, sie kehrt bald um, um die Kinder zu suchen. Die sind allerdings mittlerweile, ganz wie Hänsel und Gretel, in einem Feld verschwunden - und bald darauf im tiefen Wald. Dann bricht die Dunkelheit herein.

Auf eine falsche Weise offen

Die nächtliche Begegnung der Kinder mit einem polnischen Mann, der seinen Kleinbus auf einer Forststraße geparkt hat, ist mit der Klarheit erzählt und inszeniert, die im Märchen selbst die merkwürdigsten Vorgänge völlig selbstverständlich erscheinen läßt. Es ist dieselbe Weise, in der Christoph Hochhäusler auch Polen insgesamt filmt: Er beschwört keine Bedeutung herauf, er nimmt zur Kenntnis. Die Verwunderung und der Eindruck einer zutiefst anderen Welt stellen sich von selbst ein, weil die Dinge gefilmt werden wie Sedimente historischer Verläufe.

Mit den Figuren geht Christoph Hochhäusler allerdings gänzlich anders um. Sie tragen die Last eines Konzepts, aus dem er sich in den Außenaufnahmen immer wieder befreit. Alles entscheidet sich an der Figur der Stiefmutter (Judith Engel), die über das Maß auch einer traurigen und verschüchterten Frau hinaus schweigen muß, damit die Auswege durch Sprache, durch Kommunikation so verschlossen bleiben, wie es der hermetische Raum des Märchens nun einmal erfordert. Die Dialoge der Eltern werden dadurch bleischwer, sie spielen Szenen einer Ehe, als müßten sie Bergman parodieren, und irgendwann sieht man einfach den „Milchwald“ vor lauter Entfremdung nicht mehr. So verschenkt Christoph Hochhäusler seinen Sinn für das Unbekannte an eine sehr geläufige Auffassung von Beziehung, und die andere Seite seines Films, der Weg der Kinder durch Polen, bleibt damit so unvermittelt, wie das Ende der Geschichte auf eine falsche Weise offenbleiben muß.

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