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„Netzeitung“ : Die Zukunft war gestern

  • -Aktualisiert am

Inmitten von Altpapier: Michael Maier Bild: dpa

Eine von einem Verlag und einem gedruckten Blatt unabhängige Qualitätszeitung im Internet? Gute Idee - nur anscheinend nicht finanzierbar. Die traurige Geschichte der ambitioniert gestarteten Netzeitung.

          Die prächtigen Fassaden stehen noch. Die Inschrift lautet: "Die Netzeitung ist mit ihrer Vollredaktion die erste deutsche Tageszeitung, die nur im Internet erscheint und damit weder den Traditionen eines eingeführten Printtitels noch den Interessen eines Verlages, insbesondere dessen Marketingzielen, verpflichtet."

          Einen "redaktionellen Kodex" gibt es, in dem von "Objektivität und Wahrhaftigkeit" die Rede ist, von der "besonderen Sorgfalt" und "erhöhten Genauigkeit", die das Publizieren im Internet erfordere, und von dem Verzicht auf E-Commerce. Und gelegentlich gibt Chefredakteur Michael Maier ein Interview, in dem er auf diese Fassaden frische Farbe aufträgt. Dann erzählt er vom "publizistischen Anspruch", von "Wachheit" und davon, daß "selbst unsere Web-Designer einen journalistischen Background" haben.

          Diese Netzeitung ist, mit anderen Worten, eine richtig gute Idee. Wenn es sie nicht gäbe, müßte man sie erfinden. Aber gibt es sie überhaupt noch?

          Meldungen aus oft ungenannten Quellen

          Was es noch gibt, ist eine Netzeitung, für die ein kleines Häufchen Journalisten hastig Meldungen aus oft ungenannten Quellen zusammenträgt. Die Geschichte der Netzeitung ist typisch für viele Internetprojekte: Gegründet Ende 2000 auf dem Höhepunkt des Booms, voller Ideale und naiver Hoffnungen, ist es eine Geschichte der kontinuierlichen Erosion von Ansprüchen und Ressourcen. Aber anders als andere wurde die Netzeitung nicht irgendwann eingestellt, als die Erlöse ausblieben. Sie schrumpfte, bis sie ein gewaltiges, leeres Versprechen war.

          Ohne Michael Maier würde es die Netzeitung längst nicht mehr geben. Das sagen auch die, die er sich zum Feind gemacht hat, und deren Zahl ist beeindruckend. Maier, der Chefredakteur bei "Berliner Zeitung" und "Stern" war, ist von Anfang an dabei und seit März 2003 gleichzeitig Chefredakteur, Geschäftsführer und, gemeinsam mit Ralf-Dieter Brunowsky, Eigentümer der Netzeitung. Das ist selten eine gute Kombination.

          Wutausbruch nach E-Mail

          Maier, heißt es, würde die Netzeitung zur Not auch mit acht Mitarbeitern machen. Oder noch weniger. Wie viele Menschen tatsächlich bei ihm arbeiten, ist schwer zu sagen. Maier spricht von 50, aber vor einem Jahr sprach er von 30, und auch das war vermutlich hochgegriffen. Heute ist nicht nur die Zahl der Redakteure minimal, sondern auch der Etat für Freie.

          Bedrohtes „Altpapier“

          Es wird abgebaut, aktuell beim "Altpapier", einer täglichen Medienseitenschau, die nicht für große Klickzahlen, aber Prestige sorgte und für den Grimme-Online-Award nominiert war. Heute erscheint die Rubrik erstmals nicht am Sonntag, vermutlich ist bald ganz Schluß damit. Das war wohl zu teuer.

          Maier behauptete im vergangenen Jahr, daß die Netzeitung rund um die Uhr aktualisiert werde. Davon ist in ihrem Online-Angebot nichts zu sehen. Doch auch so ist der Streß für die wenigen Redakteure enorm. "Maiers Politik ist die systematische Überforderung", sagt ein Betroffener. "Es herrscht ein Klima der Angst" - in Berlin mangelt es nicht an arbeitslosen Journalisten.

          „Nach Medienberichten“ von dpa

          Auf die Nachrichtenagentur dpa können die Redakteure nicht zugreifen, die glaubte Maier sich sparen zu können. Tatsächlich ist das im Alltag nicht so einfach, und so berichten mehrere ehemalige und noch beschäftigte Netzeitungsredakteure, daß man regelmäßig die öffentlich zugänglichen dpa-Ticker im Netz abgesucht, die Meldungen dann umgeschrieben und mit der Quelle "nach Medienberichten" veröffentlicht habe.

          Nach einem Streit von Maier mit AFP ist die Netzeitung auch kein Kunde dieser Agentur mehr. Von Zeit für eigene Recherchen, die nach Maiers Worten einen wesentlichen Teil der Nachrichtenbeschaffung ausmachen, können die Redakteure nur träumen. Einfacher lassen sich Ressorts wie das im Februar gestartete "umfangreiche Bücherportal" füllen. Bei den "redaktionell ausgewählten Lektüre-Empfehlungen" handelt es sich gerne um Klappen- und PR-Texte, und nicht immer sind die eindeutig von den echten Kritiken zu unterscheiden.

          „Verwischen von Verantwortlichkeiten“

          Zunehmend versucht die Netzeitung, sich als Dienstleister für andere Medien zu etablieren. Sie produziert unter anderem Nachrichten für Radiosender und am Wochenende die Meldungen des Internetauftritts vom "Handelsblatt". Dort erscheinen die Original-Netzeitungs-Meldungen mit dem Kürzel "HB Berlin". "Hier geschieht ein systematisches Umdeklarieren und Verwischen der Verantwortlichkeiten", sagt ein früherer Mitarbeiter; auf seinen eigenen Seiten ersetzt die Netzeitung Agenturquellen durch das Kürzel "NZ".

          All das sind keine Spezialitäten der Netzeitung, all das ist Alltag bei dem, was sich online so als Journalismus ausgibt. Nur daß andere Portale nicht so tun, als wären sie Bollwerke der Aufklärung im Werbe- und Müll-Strom des Internets. "Es ist eine Verquickung journalistischer Prätention und des Gütesiegels ,unabhängig' mit jeder Menge kommerzieller und privater Interessen", sagt ein früherer Kollege.

          Offiziell Gewinne

          Nicht alle Ehemaligen sind so harsch in ihrem Urteil, oft ist viel Sympathie für die Idee der Netzeitung zu hören. Einer sagt nüchtern: "Das, was mal angestrebt war, wird nie möglich sein. Es gibt einfach keine Online-Redaktion in Deutschland, die Gewinne macht." Halt, offiziell macht die Netzeitung natürlich Gewinn. Im Dezember verkündete Maier, der "Break Even" sei erreicht. Ein Mitarbeiter berichtet allerdings, dies sei nur mit großen Rechenkunststücken gelungen und habe nur für einen einzigen Monat gegolten. Geldgeber im Hintergrund ist übrigens der ehemalige Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Middelhoff, der das allerdings nicht bestätigen mag.

          So ist die Geschichte der Netzeitung eine besonders traurige Geschichte. Weil sie zu beweisen scheint, was einer ihrer Redakteure sagt: "Guten Journalismus kann man im Internet allein nicht finanzieren." Sterben müsse die Netzeitung deshalb nicht: "Solange man bereit ist, das Niveau zu senken, läuft es weiter."

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