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„National Gallery“ im Kino : Was ein Museum dem Geduldigen erzählt

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Ganz nah herantreten: Die altmeisterliche Kunst ist die Geschichte unserer Zivilisation. Wisemans „National Gallery“ porträtiert eine ihrer großen Institutionen. Bild: Kool Film

„National Gallery“ ist ein Dokumentarfilm der Sonderklasse. Dafür spricht der Name seines Regisseurs, Fredrick Wiseman. Und auch sein Gegenstand. Doch wie wirkt die Institution durch seinen Blick?

          Um die National Gallery am Trafalgar Square kommt kaum ein Tourist in London herum. Braucht das weltberühmte Museum also überhaupt noch Publicity? In einer Besprechung der wichtigsten Mitarbeiter wird heiß darüber diskutiert. Ein Marathonlauf soll stattfinden, eine große Benefizveranstaltung mit achtzehn Millionen Zuschauern vor den Fernsehgeräten. Ein Zieleinlauf, bei dem im Hintergrund die ganze Eingangsfront der National Gallery zu sehen wäre.

          Was für ein Werbeeffekt! Aber vielleicht gar nicht notwendig. Wichtiger ist etwas anderes, wie eine der Kolleginnen aus dem Marketing bemerkt: Die ehrwürdige Institution könnte sich als ein Teil der common culture zeigen. Denn eines kann sich nicht einmal ein Museum von Weltgeltung leisten: den Vorwurf, abgehoben, elitär zu sein.

          In Frederick Wisemans Dokumentarfilm „National Gallery“ ist das eine der großen Szenen: Das Museum sieht sich darin in einer Außenperspektive. Es wird in Ansätzen erkennbar, welcher Legitimationsdruck herrscht, und wie Kultur sich verkaufen muss. Als dann wenig später eine große Ausstellung zu Leonardo da Vinci eröffnet, ist der Name einer Schweizer Bank fast so groß wie der des Künstlers geschrieben. Es handelt sich um eine Blockbuster-Ausstellung, mit denen die kulturellen Metropolen dieser Welt heutzutage einander Konkurrenz machen.

          Kleinstmögliches Team, größtmöglicher Zugang

          Ein Blick hinter die Kulissen von Institutionen ist fast immer spannend, und Frederick Wiseman ist seit bald fünfzig Jahren darauf spezialisiert. Er verfertigt Porträts von gesellschaftlichen Teilbereichen. Das begann 1967 mit einer Anstalt für psychisch kranke Delinquenten („Titicut Follies“, ein absolutes Schlüsselwerk des dokumentarischen Films), und danach konnte man fast den Eindruck gewinnen, dass da jemand als ein neuer Balzac, nur eben nichts erfindend, alles zueinander in Beziehung bringen wollte: den Wohlfahrtsstaat („Welfare“) mit dem Gesundheitswesen („Hospital“, „Near Death“), das Militär („Basic Training“, „Sinai Field Mission“, „Missile“) mit dem Konsum („The Store“), das Essen („Meat“) mit dem Regieren („State Legislature“). Ein kaum fassbarer Kosmos ist da allmählich entstanden, und zuletzt rückte zunehmend die Kultur in Wisemans Blick. Vor „National Gallery“ hatte er bereits die „Comédie-Francaise“ porträtiert, und auch den Film über das Tanzlokal „Crazy Horse“ kann man im weiteren Sinn zu diesem Flügel seines Weltgebäudes zählen.

          Bei den Dreharbeiten zu „National Gallery“ galten die für ihn üblichen Prinzipien: kleinstmögliches Team (John Davey macht die Kamera, Wiseman den Ton und alles andere), größtmöglicher Zugang. Wir sehen, wie über das Budget gesprochen wird (wie kann man einen Rückgang der öffentlichen Zuschüsse um 3,2 Millionen Pfund verarbeiten?), wie Spezialisten an Rahmen feilen, wie Kurse in Aktzeichnen abgehalten werden und wie die Sammlung auf den Computerschirmen aussieht, auf denen man mit den üblichen Wischbewegungen von Bild zu Bild spazieren kann, denn das Museum gibt es in virtueller Form ein zweites Mal.

          Eine majestätische Distanz

          Vor allem aber zeigt Wiseman sich selbst hingerissen von der Kunst und von den Menschen, die von ihr erzählen. „National Gallery“ gibt durchaus umfassenden Einblick in das Funktionieren dieses großen Betriebs (wie das auch „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen über das Kunsthistorische Museum in Wien oder Nicolas Philibert mit „La ville Louvre“ über das Pariser Riesenmuseum geleistet haben). Doch bekommt die große Konzentration auf die Kunstwerke selbst, die Wiseman hier zeigt, eine prinzipiellere Qualität. Als Filmemacher, der in Technicolor die Nuancen von „Firnis“ und „impasto“ registriert, interessiert er sich dafür, wie Kunst durch Sprache in Erzählung verwandelt wird. Keine lineare Erzählung, das ist auch sein Film nicht, sondern ein Mosaik, das aber eben doch eine Geschichte ergeben soll.

          Ob die Kunst dadurch auf ein bestimmtes Verständnis hin enggeführt wird oder ob das einer Sammlung alter Meister nun einmal entspricht, das entscheidet Wiseman nicht. Er enthält sich ja immer des Urteils. Aber in der Intensität, mit der er Menschen vor Bildern auftreten lässt, liegt etwas verhalten Komisches: Die Kuratoren, die Guides, an einer Stelle sogar der große, höchstgeschätzte Direktor Nicholas Penny selbst ergehen sich in intensiver Besprechung.

          Die Bilder aber schweigen, majestätisch in ihrer Distanz, die auch die eines Mediums ist, das zuletzt immer stärker common culture werden sollte. Wiseman lässt sich darauf auf eine Weise ein, die eher demokratisch als „gemein“ ist. Nicht zuletzt deswegen ist „National Gallery“ ein großer Film - ganz und gar auf der Höhe seines Gegenstands.

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