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Nachruf auf Nora Ephron Gibt es ein Frühstück nach dem Tode?

 ·  Der Autorin Nora Ephron verdanken wir nicht nur Filme wie „Harry und Sally“ und hochkomische Essays, sondern vor allem auch einen Stil, das Leben zu lieben und davon zu erzählen.

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© IMAGO Karriere-Höhepunkt in Hollywood: Nora Ephron, rechts, am Set ihres letzten Films „Julie und Julia“ in dem Meryl Streep, hier in Hut und Mantel, die Julia Childs spielt

Die Behandlung großer Themen und der Ausdruck tiefer Einsichten bedürfen nicht immer langer und komplizierter Sätze. Das ist uns klar, wenn wir historisch gewordene Autoren lesen - niemand würde Mark Twain, Hemingway oder Egon Erwin Kisch ihren Rang streitig machen. Doch in der Gegenwart ist das nicht so. Da sind wir leicht einzuschüchtern: Wer schreibt wie ein wichtiger Insider und neusten Jargon pflegt, dessen Meinungen werden eher geschätzt, der wird öfter zitiert. Das gilt auch im Journalismus: Wenn wir etwas über die amerikanische Exekutive erfahren wollen, vertrauen wir eher einem Veteranen des White House Press Corps als beispielsweise einer in New York lebenden Bloggerin, und wir könnten fehl gehen.

Nora Ephron schrieb politische Kurzessays auf den Seiten der Huffington Post. Sie verglich diese neue publizistische Form mit einer „Seifenblase, die die Anwesenden zwei oder drei Minuten fasziniert.“ Darin stapelte sie tief, wie Frauen ihrer Generation, sie war Jahrgang 1941, es zu tun gelernt haben. Oft erzählte sie, wie sie von ihrer Unileitung den Rat bekam, nach dem Studium ein Jahr lang zuhause zu bleiben, den Haushalt zu machen. Keine Seifenblasen: ihre Stücke vermittelten einzigartige Einsichten. Kaum ein besseres Stück wurde über Bill Clinton, seine immensen Stärken und dann wieder umwerfenden Fehlleistungen geschrieben als ihre Reflexion „Bill und ich“. Sie wählt dazu den Modus des Beziehungsgesprächs, sie schreibt, als würde sie einer Freundin von einem gerade eben nach langen Jahren wieder getroffenen, früheren Geliebten berichten.

Erstaunliche Treffer

Der brisante Moment in dem Text kommt, als sie feststellt, dass Clinton durch seine Affäre mit einer Praktikantin alles verspielt hat, so wie man einem untreuen Ehemann die Zerstörung der Familie vorhalten mag. Doch dann fügt sie knapp aber entscheidend hinzu: „Außer, dass ihm gar nicht gehörte, was er verwirkt hat. Es gehörte uns.“ Der Mann ist das Staatsoberhaupt und das ihm vom Volk übertragene Mandat verändert alles. Es verschärft seinen Fall und bestätigt zugleich - in dieser Enttäuschung - die enge Verbindung der Bürgerin zu ihrer Republik.

Es gelangen ihr in diesen Betrachtungen einer schreibenden Zeitgenossin erstaunliche Treffer. So diagnostizierte sie aus der Ferne ihrer New Yorker Schreibstube den tiefen Zwist, der zwischen Präsident George W. Bush und Vizepräsident Cheney in der zweiten Amtszeit entstanden war - eine Beobachtung, die später durch Insider bestätigt wurde. Und sie beschrieb dort bedenkliche Symptome, die auf eine psychische Erkrankung von Präsident Bush junior hinweisen könnten, als etwa die Bundeskanzlerin und viele andere hauptamtliche Politjournalisten noch dessen analytische Fähigkeiten lobten.

Lebensgeschichte einer Bloggerin

Ephrons linksliberale Haltung war bekannt, darin aber war sie nie vorhersehbar. Unvorhersehbarkeit war so ein Leitmotiv ihrer Karriere, die in den sechziger Jahren im Journalismus begann - „Esquire“ und der „New Yorker“ zählten zu ihren Auftraggebern - und erst viel später nach Hollywood führte, wo sie Ende der achtziger Jahre das Drehbuch zu „Harry und Sally“ schrieb, ein Film der, wie sie feststellte, „mein Leben veränderte.“ Nicht nur ihres. Der Film veränderte auch die Art und Weise, wie Menschen über ihr Leben nachdachten, über Partnerschaft und vor allem, wie sie davon erzählten. Denn darin konnte Ephron besonders inspirieren, hier lag ihre Kunst, in der elementaren Frage, wie man etwas erzählt, Freunden, einem Millionenpublikum oder sich selbst. Ihre Freundin und Lieblingsschauspielerin Meryl Streep erinnert sich in der New York Times an Nora Ephron mit dieser Beobachtung: „Nora betrachtet sich jede Situation, neigte ihren Kopf zur Seite und dachte sich: Hm, wie kann ich das noch lustiger erzählen?“

Das gelang ihr sogar mit ihrer eigenen Scheidung von dem Journalisten Carl Bernstein, einem der beiden „Watergate“- Enthüller. Aus dem Scheitern der Ehe nach seiner Affäre mit einer gemeinsamen Freundin machte sie ein Buch und den Film „Sodbrennen,“ in dem die andere Frau stets als „Giraffe mit großen Füßen“ charakterisiert wurde und der Mann als leicht tumber Mensch, dem als Alibi immer nur einfiel, er müsse „dringend Socken kaufen“. Bernstein äußerte immer wieder mal die Absicht, gegen Buch oder Film gerichtlich vorzugehen, hat es aber bleiben lassen.

Auf dem Höhepunkt ihrer Hollywood-Karriere als Autorin und Regisseurin wurde Nora Ephron Bloggerin für die Huffington Post. Dieser Arbeitsbereich inspirierte auch ihren letzten, sehr erfolgreichen Film „Juliet und Julia“ der zur Hälfte die Lebensgeschichte einer Foodbloggerin erzählte.

Imperfektion und Verwundbarkeit

Ihr berühmtestes Stück für die HuffPo ist eines, das den klassisch-schlichten Titel „Ein Wochenende in Las Vegas“ trägt. Darin erzählt Ephron von ihrer Bekanntschaft mit dem Großinvestor, Hotelbesitzer und Kunstsammler Steve Wynn. Sie schildert in ihrem sorgfältig komponierten Plauderton, wie Wynn ihr und ihrem Ehemann Nick Pileggi seine Gemälde zeigt, darunter auch Picassos „Le Rève“, das er kurz zuvor für eine Rekordsumme an einen Hedgefundbesitzer verkauft hatte. Und während der Leser sich schon fragt, was diese Erzählung von reichen Männern, berühmten Ölschinken und plüschigen Hotels ihn eigentlich angeht, da kommt sie schon mit der Szene, in der dieser Wynn mit großer Geste etwas erklärt und mit seinem Ellbogen den Picasso touchiert. Und als er ihn wieder herunternimmt, klafft im „Rève“ ein golfballgroßes Loch. Wynn konnte das Bild dann nicht mehr verkaufen, Ephron notierte aber noch, dass die telefonisch über den millionenteuren Schaden informierte Ehefrau nicht mal laut geworden sei - was wiederum der ebenfalls anwesende Ephronsche Ehemann Nick mit dem größten Staunen wahrgenommen habe.

Wenn man diesen Blogpost heute wieder liest, versteht man seinen immensen Erfolg: In einer Welt der immer aufwendigeren Inszenierungen und der zunehmend, auch sprachlich voneinander abgeschotteten sozialen Sphären gelingt es ihr, das erkenntisstiftende Loch in der Leinwand zu finden. Ihre Texte und Filme leben von der unterhaltsamen, inspirierenden Schilderung solcher Schadensfälle, ihnen zugrunde liegt eine tiefe Weisheit, dass es gerade diese Imperfektion und existentielle Verwundbarkeit ist, die uns eint. Das war ihr Thema, gleich ob sie über den Präsidenten schrieb, Desserts oder Frisuren. Diese zutiefst humane, auch hedonistische Botschaft stand im Zentrum eines Werks, an dem noch etwas anders verblüfft: Sie schrieb nie ein Wort zuviel.

Am Dienstag ist Nora Ephron im Alter von einundsiebzig Jahren gestorben.

Aus: Nora Ephron, I remember nothing, 2010.

Was ich nicht vermissen werde

Trockene Haut
Schlimme Abendessen wie jenes, bei dem wir gestern waren
Emails
Technik im Allgemeinen
Meinen Schrank
Mir die Haare zu waschen
Büstenhalter
Beerdigungen
Krankheit überall
Umfragen, die ergeben, dass 32 Prozent der amerikanischen Bevölkerung an den Kreationismus glauben.
Umfragen
Fox News
Den Zusammenbruch des Dollars
Joe Lieberman
Bar Mitzvahs
Mammographien
Tote Blumen
Das Geräusch des Staubsaugers
Rechnungen
Emails. Ich weiß, dass ich es schon gesagt habe, aber ich möchte es betonen.
Kleingedrucktes
Diskussionsrunden über Frauen im Fernsehen
Mich jeden Abend abzuschminken

 

Was ich vermissen werde

Meine Kinder
Nick
Den Frühling
Den Herbst
Waffeln
Die Idee von Waffeln
Speck
Einen Spaziergang im Park
Die Idee eines Spaziergangs im Park
Den Park
Shakespeare im Park
Das Bett
Im Bett zu lesen
Gelächter
Den Blick aus dem Fenster
Funkelnde Lichter
Abendessen zuhause, nur wir zwei
Abendessen mit Freunden
Abendessen mit Freunden in Städten, in denen keiner von uns lebt
Paris
Nächstes Jahr in Istanbul
Stolz und Vorurteil
Über die Brücke nach Manhattan zu fahren
Kuchen

Aus dem Englischen von Hannah Lühmann

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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