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Mount Everest "Lager am 29. aufgegeben"

27.05.2003 ·  Für den Reporter James Morris war die Erstbesteigung des Mount Everest der Beginn seiner Karriere. Mit einer verschlüsselten Nachricht meldete er als erster und einziger die Sensation nach London.

Von Bernd Steimle
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Auf diese Nachricht hatte die Welt gewartet: "Schneebedingungen schlecht, vorgeschobenes Lager am 29. aufgegeben, warten auf Besserung." Sie erreichte die junge Königin am Vorabend ihrer Krönung. Am nächsten Tag, dem 2. Juni 1953, schien das glorreiche britische Empire wiedererstanden: Elisabeth II. zog, gefeiert von Hunderttausenden, zur Krönungszeremonie in Westminster Abbey ein. Doch der Jubel galt nicht nur ihr.

Unverschlüsselt sagte die Nachricht: Am 29. Mai standen zwei Bergsteiger einer britischen Expedition als erste Menschen auf dem Gipfel des Mount Everest. Irgendwo an einem kleinen Fluß am Fuße des Everest saß an diesem Morgen ein Mann in seinem Zelt und hörte Radio. Nachrichten auf BBC. Die erste Meldung: Nach dreißig Jahren großer Anstrengungen sei der höchste Berg der Welt bestiegen. Die Menschen in London tanzten und feierten. Gemeldet habe das die Zeitung "The Times". Der Mann in seinem Zelt stürmte nach draußen. Er wußte: Diese Nachricht würde ihn berühmt machen.

Hoffnungen der Nation

James Morris begleitete als Reporter der "Times" die britische Everest-Expedition 1953. Die "Times", das war damals "das offizielle Organ der ,Britishness' in ihren erhabensten Formen", so Morris, und damit das natürliche Medium für die leicht spleenige Bergsteigerei. Seit Jahren unterstützte die Zeitung britische Expeditionen und durfte exklusiv davon berichten. Ein nobles Abkommen: Andere Interessenten gab es sowieso nicht.

Diesmal aber war das anders: Auf der Expedition ruhten die Hoffnungen der Nation. Die Briten hatten die Rennen um den Süd- und den Nordpol verloren und mußten nun als erste den dritten Pol erreichen - den Everest. Sie hatten jedoch von den nepalesischen Behörden nur für 1953 eine Lizenz zum Steigen erhalten. Im Jahr zuvor waren die Schweizer bis knapp unter den Gipfel des Mount Everest vorgedrungen, im Jahr darauf waren die Franzosen an der Reihe. Briten, soviel war klar, würden erst Jahre später wieder zum Zug kommen, zu spät für eine Erstbesteigung.

Fehlende Kommunikationstechnik

So zogen die Journalisten reihenweise ins abgeschiedene Nepal. Und James Morris stand vor dem Problem, wie er in einer Gegend ohne jede Kommunikationstechnik als erster und einziger die erwartete Erfolgsnachricht zur "Times" nach London durchgeben sollte. Morris erhielt gutgemeinte Empfehlungen zuhauf: Brieftauben, Leuchtfeuer, telepathische Buddhistenmönche, die die Nachricht nach Europa "denken" sollten. Er entschied sich für einen Methode von antiker Schlichtheit: Er sandte Läufer aus.

Vom Basislager aus legten sie die dreihundert Kilometer nach Kathmandu in fünf bis sechs Tagen zurück. Von dort sandte die britische Botschaft die Berichte dann nach London. Bis sie in der "Times" erschienen, waren acht bis neun Tage vergangen. Morris war klar, daß seine Berichte unterwegs von Kollegen abgefangen und verwertet wurden. Doch es war ihm egal, denn er hatte sie verschlüsselt. "Es waren Beschreibungen und Mutmaßungen in einer so verstiegenen Sprache, daß die Boulevardzeitungen die Finger davon lassen würden." Morris wußte aber auch, daß das am Tag X anders wäre. Dann würde nur zählen: geschafft oder gescheitert.

Sobald ein Kollege im Basislager erschien, horchte Morris ihn aus, geplagt von Mißtrauen und Verfolgungswahn. "Wenn da einer mit einem Funkgerät aufgetaucht wäre", sagte er später, "hätte ich es ohne Bedenken zertrümmert, falls er die Geschichte vor mir bekommen hätte."

Verschlüsselte Nachricht

Auf dem Weg zum Everest hatte er von einer Funkstation der indischen Armee in Namche Bazar erfahren, fünfzig Kilometer vom Basislager entfernt. Eine Nachricht, von dort nach Kathmandu geschickt, würde gegenüber den Läufern um mehrere Tage schneller sein. Morris machte sich mit dem Stationsleiter bekannt, half ihm mit Aspirin aus und erhielt die Zusicherung, daß er eine Nachricht absetzen könne. Die Meldung aber würde in Namche Bazar sofort die Runde machen. Also entwickelte Morris einen Code, in dem die Bergsteiger etwa "Heizkörper" oder "Fensterbrett" hießen und der Gipfel "Golliwog". Das erwies sich als wenig praktikabel.

Niemals würde die indische Armee angesichts der prekären politischen Situation an der Grenze zu Tibet eine derart verschlüsselte Nachricht weitergeben, die ihr als purer Nonsens erscheinen mußte. Morris ließ sich einen neuen, unverfänglichen Code einfallen: "Schneebedingungen schlecht" für den Gipfelerfolg, "Lager fünf aufgegeben", "Gipfelangriff verschoben" und andere harmlose Formulierungen für die jeweiligen Bergsteiger. Den Schlüssel sandte er mit seinem verläßlichsten Läufer nach Kathmandu, von wo aus er der "Times"-Redaktion in London übermittelt wurde.

Läufer nach Namche Bazar

Am 29. Mai wurde es ernst. Die erste Gipfelseilschaft war gescheitert, Hillary und Norgay waren unterwegs. Der Amateuralpinist Morris stieg mit dem Expeditionsarzt durch den Khumbu-Eisbruch nach oben, ein Trümmerfeld aus Eistürmen, Seracs und Gletscherspalten. Am nächsten Vormittag erreichten sie Lager vier, wo sie mit dem Rest der Mannschaft von Hillary und Norgay erwarteten. Die Atmosphäre war gespannt. Über einen indischen Rundfunksender hörten sie, die Briten seien am Everest gescheitert. Doch dann kamen die beiden. Strahlend. Am Nachmittag noch stieg Morris mit einem anderen Teilnehmer ab. Er war erschöpft, stolperte, rutschte, fiel den Berg hinunter. Sie gerieten in die Dunkelheit, verloren den Weg. Doch Morris, in Cordhosen kletternd, fühlte die Mission, "die Flanken des größten aller Berge hinunterzuhasten, um eine Nachricht zur Krönung von Königin Elisabeth II. zu überbringen".

Am Abend kamen sie im Basislager an. Bevor er in den Schlafsack sank, brachte James Morris die Nachricht zu Papier, die er bei Tagesanbruch mit seinem schnellsten Läufer nach Namche Bazar schickte: "Schneebedingungen schlecht, vorgeschobenes Lager am 29. aufgegeben, warten auf Besserung". Weitere Läufer schickte er nach Kathmandu. Sie brachten eine ausführlichere Version auf den zuvor üblichen Weg, die später in London eintraf und später gedruckt wurde.

Wiedersehen mit Königin

Auf dem Rückweg nach Kathmandu traf Morris Peter Jackson, Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. Ein guter Bekannter. Und ein Konkurrent. "Well, well", sagte Jackson. "Ho, hum!", antwortete Morris. "Da bist Du also." "Mehr oder weniger." "Bist Du - äh - auf dem Heimweg?" "Oh, ich war so lang da oben, ich brauche eine Pause. Es wird schön sein, ein wenig runter ins Grüne zu kommen." "Hmm. Geht es voran?" "Nicht schlecht." "Alle gesund?" "Mehr oder weniger." "Es wäre schade, wenn sie es diesmal nicht schaffen würden." "Es wäre ein Jammer. Da sind schließlich immer noch die Franzosen." "Well", sagte Jackson. "Ho ha", antwortete Morris. Dann gingen sie ihrer Wege - Morris nach Kathmandu, wenn auch viel langsamer als seine Läufer. Dort schrieb und übermittelte er dann die eigentliche Geschichte.

Für den Reporter James Morris war die Expedition der Beginn seiner Karriere. Er wurde Reiseschriftsteller, hat bis heute mehr als vierzig Bücher geschrieben, die meisten als "Jan" Morris, nachdem er sich zwischen 1964 und 1972 einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatte. Am Donnerstag, auf der Königlichen Gala im Odeon Cinema am Leicester Square in London, wird Jan Morris einige Mitglieder ihrer Expedition wiedersehen. Und die Königin dazu.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.2003, Nr. 123 / Seite 37
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