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„Deutschboden“ als Kinofilm : High Noon in Hardrockhausen

Dann mal prost: die real existierende Punkband „5 Teeth Less“ im nachgestellten Dokumentarfilm „Deutschboden“ Bild: dpa

Der Regisseur André Schäfer hat Moritz von Uslars vielgepriesene Reportage „Deutschboden“ für das Kino verfilmt. Der Autor wandert darin noch einmal seinen eigenen Recherchen nach und trifft alte Bekannte. War das nötig?

          Nach der grandiosen, auf Videoportalen millionenfach angeschauten Werbefilmparodie des Berliner Künstlers Friedrich Liechtenstein, in der Tiefkühl-Dorsch zum Nonplusultra erklärt wird („sehr, sehr geil“), kann es für die Werbeindustrie im Grunde kein „Weiter so“ mehr geben. Aber die Parodie der Supergeilheit hat noch weitere Folgen, etwa für gewisse literarische Tonfälle: So kann sich danach die Schriftstellerin Helene Hegemann eigentlich nie wieder interviewen lassen, ohne selbst unter Parodieverdacht zu geraten.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch „Deutschboden“, Moritz von Uslars vor vier Jahren als Buch veröffentlichte, vielbeachtete Langzeitreportage aus dem sogenannten Wilden Osten, wird durch solche Parodie in Mitleidenschaft gezogen. Heißt es darin doch etwa, als der Reporter in dem brandenburgischen Provinznest seine „teilnehmende Beobachtung“ beginnt: „Es war so geil dunkel an dieser Ecke, wie ich das aus der Großstadt nicht kannte.“

          Zauber des Hässlichen

          Oder meinte von Uslar das auch schon ironisch? Dass man das nicht wusste, also das ganze Buch offengehalten war zwischen Abstoßung und Faszination, zwischen Kumpanei mit den darin beschriebenen „Super-Prolls“ und ihrem „Hardrockhausen“, zwischen Verbrämung der Pilslokale, Tankstellen, Tattoos und Trabbi-Cabrios und Ekel davor - das eben war der Reiz an diesem Text.

          Einerseits war da diese sehr scharfe, lakonische Charakterisierung des brandenburgischen Niemandslands, das eine Stunde außerhalb von Berlin beginnt („Buckow. Brandow. Sandow. Sumpfow. Stumpfow.“), und andererseits ebendie Behauptung: „Ich bin als Fremder gekommen und als Einheimischer gegangen. Die Zeit in der Kleinstadt war eine der besten meines Lebens.“ Von Uslar hielt die Spannung durch.

          Wo Sportvereine grölend singen

          Nun kommt „Deutschboden“ ins Kino. In dem sozusagen nachgestellten Dokumentarfilm von André Schäfer sucht Moritz von Uslar die Orte und Gesprächspartner seines Buches ein zweites Mal auf, begleitet von einer Kamera. Was passiert also, wenn nun das Visuelle hinzutritt zu einer Reportage, die davon lebte, Bilder durch Sprache zu erzeugen?

          Zunächst sieht man lauter Doppelungen. Wenn des Autors Stimme aus dem Off etwa die typischen Bauten mit dem „Kratzputz“ aus DDR-Zeiten beschreibt und man diese gleichzeitig sieht, dann ist einfach eine der beiden Erzählungen überflüssig. Gedoppelt wird auch der literarische Sound des Buches: Sein Markenzeichen ist die Breitbeinigkeit, und genauso cowboyhaft tritt von Uslar auf in Ton und Bild: High Noon in Hardrockhausen.

          Moritz von Uslar im real existierende Zehdenick: Trailer zu „Deutschboden“

          Oder besser gesagt: in Zehdenick, denn aus dem fiktiven „Oberhavel“ wird hier wieder die reale Ortschaft, in der von Uslar recherchiert hat. Gut, jetzt weiß man also, wie es in Schröders Gaststube aussieht, wo Sportvereine grölend singen und es laufend „schön Molle“ gibt.

          Jetzt sieht man den Einheimischen Blocky und seine Blockhütte, man sieht, wie Tattoos gestochen werden und harte Kerle sich die Augenbrauen zupfen lassen. Jetzt hört man von den vielen Leuten, die „leider gerade von Hartz IV“ leben, aber bald schon etwas Neues machen wollen. Jetzt fährt man durch den Wald zu besagtem Schild „Deutschboden“, um zu sehen, dass dort „genau nichts“ ist.

          Nur noch ein Fernsehreporter-Stelldichein?

          Dieses Nichts aber konnte der Text besser einfangen als jeder Film, weil letzterer zwangsläufig reduzieren muss. Er beschränkt sich im Grunde auf eine Episode des Buches, die Begegnung des Autors mit der Punkband „5 Teeth Less“. Die ist natürlich eine tolle Trouvaille aus dem wirklichen Leben in der ostdeutschen Provinz, und es hat schon etwas für sich, diese Amateure auch mal zu sehen und zu hören, im abgeschrabbelten Proberaum oder am Lagerfeuer bei einem Sommerfest, auf dem es natürlich auch Hackepeter-Brötchen gibt, die von Uslar so liebt.

          Aber im Vergleich zu dem Einblick in die verzwickten Biographien, den man im Buch erhält - in Zehdenick erlebten sie sowohl Sozialismus als auch Skinhead-Zeiten mit „No-Go-Areas“; waren sie selbst mal „rechts“, oder sind sie es noch, und was bedeutet das eigentlich? -, bleibt der Film viel zu sehr an der Oberfläche. Angesichts der despektierlichen Kommentare im Buch über „die Magazinjournalisten“ oder „die ARD-Reporter“, die, so wird dort insinuiert, immer zu wenige und die falschen Fragen stellen, wirkt das paradox.

          An der Oberfläche, nämlich am tätowierten Körper, erhält der Dokumentarfilm dann aber noch eine ästhetische Überhöhung, und zwar gleich im Vorspann, der wie ein Musikvideo gemacht ist. Dieses parodistische Element ist vielleicht sogar noch das Schlaueste an dem Film: In Zeitlupe sieht man die Unterhosen-Punkrocker von einem Boot aus in die Havel springen, Plauzen in der Gischt, untermalt mit Computermusik wie zu einer billigen Action-Serie. Was dazu wohl Friedrich Liechtenstein sagen würde?

          Quelle: F.A.Z.

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