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„Mord im Orient-Express“ : Heute in umgekehrter Wagenreihung

Von allen bisherigen Hercule Poirot-Darstellern hat er sich ein bisschen was geliehen: Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh. Bild: Twentieth Century Fox

Der berühmteste Tatort auf Schienen ist wieder da: Kenneth Branagh bringt mit einem All- Star-Team den „Mord im Orient-Express“ zurück auf die Leinwand.

          Da hängt das ganze Staraufgebot nun in Schieflage über dem Abgrund: Johnny Depp, Judi Dench, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Daisy Ridley, Willem Dafoe, um nur die größten zu nennen, und natürlich Kenneth Branagh in seiner Doppelrolle als Regisseur des Ganzen und Meisterdetektiv Hercule Poirot. Nicht eine schnöde Schneewehe wie in der Vorlage hat den Orientexpress im jugoslawischen Nirgendwo zum Stehen gebracht, mit einer von zwölf Messerstichen durchbohrten Leiche an Bord. Der Blitz ist eingeschlagen auf einem Gipfel, und wie die losgesprengte Lawine sind wir talwärts gerauscht, direkt vor das fauchende Stahlross, bevor die Kamera wieder mit großer Geste in das Innere der Waggons schwebte, die halb entgleist auf einem phantastischen Brückenskelett ruhen. Wir stecken fest, in der Neuverfilmung von Agatha Christies Klassiker „Mord im Orient-Express“.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sobald Hercule Poirot ins Spiel kommt, ist das ja so eine Sache mit den Erwartungen. Da gibt es diejenigen, die sämtliche Romane und Kurzgeschichten kennen, in denen der belgische Detektiv mit dem dandyhaften Schnurrbart und den hyperaktiven kleinen grauen Zellen vorkommt, und wissen, dass einzig David Suchet mit einer in 25 Jahren nie nachlassenden, an Pedanterie grenzenden Ernsthaftigkeit für die ITV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ den Charakter darstellte, wie er im Buche steht. Vielen steht noch Peter Ustinov vor Augen, der zum Vergnügen des Publikums Poirot Ustinov spielen ließ statt umgekehrt. Weniger bekannt ist zum Glück der bedauernswerten Versuch Alfred Molinas, Poirot in einem modernisierten Orient-Express-Krimi mit Laptop hantieren zu lassen. Und dann ist da natürlich Albert Finney in Sidney Lumets ikonischem „Murder on the Orient Express“ von 1974. Eine Oscar-Nominierung bekam Finney dafür, einen Oscar als beste Nebendarstellerin Ingrid Bergman; rückblickend muss man sagen: toller alter Film, aber Poirot ist da einfach nur ein Irrer in einer schwarzen Komödie.

          Von jedem Poirot-Darsteller ein bisschen was

          All das schleppen Kenneth Branagh und der Drehbuchautor Michael Green mit sich herum, die mit ihrer neuen Fassung auch all jene abholen wollen, die weder den Roman noch bisherige Verfilmungen kennen – also tatsächlich nicht ahnen, wer den finsteren Mr. Ratchett hingemordet hat. So wird ein bisschen von allem geboten: Von Ustinov leiht Branagh, der sich einen riesigen Schnauzer ins Gesicht geklebt hat, die Menschenfreundlichkeit, von Lumet das Konzept des panoptischen All-Star-Teams sowie Albernheiten wie den Schnurrbarthalter des exzentrischen Detektivs, von der ITV-Fassung ein bisschen Seelenqual: Der neue Poirot betet zwar nicht, er teilt seine inneren Nöte mit dem Foto einer geliebten Katherine, aber so nonchalant wie vor vierzig Jahren kann er nicht mehr im Walzertakt über den Abgrund hinweg dampfen, der sich da auftut.

          Kinotrailer : „Mord im Orient Express“

          Denn worum geht es eigentlich? Um Verbrechen und Strafe, Schuld und Vergebung, um Justiz und Selbstjustiz, die im Kollektiv leichter fällt. Es geht um einen mörderischen Mob, böse Taten und gute Absichten. Mit der anfangs von ihm ausgegebenen Kalenderweisheit: „Es gibt richtig, es gibt falsch, es gibt nichts dazwischen“, fährt Poirot voll vor die Wand.

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