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„Mord im Orient-Express“ : Heute in umgekehrter Wagenreihung

Agatha Christie hat ihren Roman 1934 geschrieben. Den Zivilisationsbruch, auf den Europa damals zusteuerte, lässt Branagh in seinem period drama anklingen, indem er Dafoe als österreichischen Sympathisanten der Nationalsozialisten auftreten lässt (der in Wahrheit Detektiv ist und Halbjude). Zum Update gehört, dass vor der mörderischen Zugfahrt eine antikolonialistische Episode in Jerusalem steht, in der Poirot eine Art kriminologische Ringparabel aufführt, dass Colonel Arbuthnot (Leslie Odom Jr.) sich in einen Arzt mit dunkler Hautfarbe verwandelt hat, der das Thema Rassismus mit an Bord bringt, und Judi Dench als russische Prinzessin Dragomiroff nicht nur eine echte Schau ist, sondern einen kleinen feinen Seitenhieb auf dass männlich dominierte Showbusiness austeilen darf. Das alte Spiel mit Nationalcharakteren, kulturellem Snobismus und Stereotypen, das Poirots Ermittlungen immer vorantrieb, ist heikel geworden. An die Stelle des Whodunnit tritt ohnehin das Howdunnit: mit enormem Aufwand.

Ein Comeback von Michelle Pfeiffer in der Rolle der alternden Diva.

Branagh hat seinen Film auf den letzten vier erhaltenen 65-Millimeter-Kameras von Panavision drehen lassen, die Innenaufnahmen sind von einer atemberaubenden Detailgenauigkeit und wechseln sich mit epischen Landschaftsaufnahmen ab. Das ist schade, weil so das Gefühl klaustrophobischer Enge kaum aufkommt. Sobald Städte ins Bild gelangen, erinnert das Setting ohnehin eher an das Computerspiel „Assassin’s Creed“ – alles wirkt irgendwie steril. Es herrscht der pure Luxus: Die Crew drehte in einem voll ausgestatteten echten Zug mit echter Lokomotive. Für die Illusion, dass er durch das winterliche Kroatien fährt, sorgten Tausende LED-Bildschirme vor den Fenstern, auf denen die Szenerie vorbeizog. Der Effekt soll so glaubhaft gewesen sein, dass einen Teil des Teams Reiseübelkeit plagte.

Grimassieren kann er, wie immer: Johnny Depp.

Wie lebendige Teile der opulenten Ausstattung wirken die Stars, die Branagh versammelt. Jeder hat nur einen kurzen Auftritt, keiner soll den anderen ausstechen, alle sollen beitragen zum genussvollen Unterhaltungskino mit Mord in allerbester Gesellschaft. Johnny Depp, eine Idealbesetzung für Ratchett, den Mann mit der Raubtieraura, grimassiert vor dem Spiegel und droht mit der Pistole. Dass er Todesangst leidet, scheint wenig glaubhaft. Michelle Pfeiffer glänzt als alternde Diva und verneigt sich auf diese Weise vor Lauren Bacall, die diese Rolle im Film von Lumet innehatte. Penélope Cruz nimmt man die Missionarin keinen Moment ab, aber es ist schön, sie zu sehen. Derek Jacobi gibt einen formidablen Diener. Und mittendrin Poirot, der nicht viel Zeit für jeden Einzelnen erübrigen kann, weil er – notorischer Hypochonder wird ein bisschen Actionheld – über das Dach des Zugs läuft, in der Brücke herumturnt und auf ihn geschossen wird. Seine Verhöre verlegt er des schöneren Drumherums wegen schon mal in den Schnee oder reiht die Verdächtigen zum Showdown im Tunnel auf wie zum letzten Abendmahl.

Exquisit inszeniert ist das, mit Spiegeleffekten und einem Film im Film, der als Melodram den Kindsmord, mit dem alles begann, ins Bild setzt. Spannung? Psychologie? Geschenkt, wenn das Ganze eine großartige Sause wäre. Dazu aber hätte es mehr Mut zur Übertreibung gebraucht. So fehlt dieser Verfilmung vor allem eines: der Charme.

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