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Monster-Katastrophen-Homevideo „Cloverfield“ : Bring mir den Kopf der Freiheitsstatue

  • -Aktualisiert am

Der Film „Cloverfield“ ist das neueste, ganz große Ding aus dem Reich des cleveren Marketings, das in den Weiten des Internets seinen Ursprung nahm. Doch der Film ist nicht halb so smart, wie er daherkommt.

          Dieser Film ist wieder einmal das neueste, ganz große Ding aus dem Reich des cleveren Marketings, das in den Weiten des Internets seinen Ursprung nahm und zum erfolgreichsten Januarstart aller Zeiten führte, 25 Millionen Dollar am ersten Wochenende. Tatsache ist, dass der Film nicht halb so smart ist, wie er daherkommt, aber andererseits dann doch interessanter, als der Hype befürchten lässt.

          Bemerkenswert, geradezu einzigartig in der Filmgeschichte ist der Umstand, dass der Titel „Cloverfield“ nichts, aber auch gar nichts mit dem Film zu tun hat. Er klingt einfach nur gut, obwohl ein Kleefeld so ungefähr das Letzte ist, woran man bei einem Film denkt, der von der Zerstörung Manhattans durch ein Monster ungeklärter Herkunft handelt; gerüchteweise hat sich ein Mitarbeiter bei Angabe einer Adresse einfach nur verhört. Aber womöglich liegt die Cleverness genau darin: Man dreht einen Horror-Monster-Katastrophen-Film übers Ende der Welt und versieht ihn mit einem blumig verträumten Titel, der schon zum Plakat mit der Freiheitsstatue mit abgerissenem Kopf und den Rauchsäulen über Manhattan im krassesten Widerspruch steht. Das ist ungefähr so, als hätte man „Apocalypse Now!“ mit dem Titel „A Walk in the Park“ versehen. Verdammt smart also. Mit anderen Worten: der reinste Bullshit. Aber ganz offenbar funktioniert es.

          Was ist so besonders?

          Wovon handelt „Cloverfield“? Von nichts, was sich nicht in ein paar Worten sagen lässt. Und also schon gesagt wurde. Ein wolkenkratzergroßes Ungetüm zerlegt Manhattan in seine Bestandteile, und auch das Militär kann nichts dagegen ausrichten. Das war bei „Godzilla“ auch schon so, weswegen sich die Frage stellt, was diesmal so besonders sein mag. Dreierlei: zum einen, dass die Filmemacher klug genug sind, das Monster immer nur vorbeihuschen zu lassen, und praktisch bis zum Finale warten, es in seinen ganzen schrecklichen Ausmaßen zu zeigen. Diesen Trick haben sie bei dem koreanischen Film „The Host“ gelernt - und falls der damals noch nicht verfügbar war, bei Jacques Tourneurs Filmen aus den vierziger Jahren.

          Zum Zweiten, dass der ganze Film aus der Perspektive einer verwackelten Videokamera erzählt ist, was selbst für Dogma-gestählte Betrachter eine Prüfung ist. Dass man all die teuren Spezialeffekte von der Zerstörung einer Großstadt nur im verwackelten Video-Modus sieht, ist ja auch schon wieder so etwas von hintersinnig, so ultracool ausgedacht, dass man geneigt ist, an die Überlegenheit von High-Concept-Movies zu glauben - wobei das Concept hier in der schwankenden Anschauung so low ist, dass von high kaum die Rede sein kann. Und zum Dritten erinnern die ersten Bilder, als noch nicht klar ist, was diese Stadt verwüstet, so fatal und mit voller Absicht an den 11. September, dass man fast sagen könnte, dies sei der erste Reflex des Blockbusterkinos aufs Unsagbare. Aber während in den japanischen Godzilla-Filmen sich in den Monstern stets die Angst vorm Atomzeitalter und ein allgemeines Unbehagen vor der Moderne manifestierten, wirkt „Cloverfield“ einfach nur wie eine Marketing-Idee, die sich aus dem Bildervorrat der Terroranschläge nährt, aber eigentlich nichts dazu zu sagen hat.

          Die Erde bebt

          Also noch mal von vorn: Einem jungen Mann wird von seiner Freundin eine Videokamera in die Hand gedrückt, damit er ein Abschiedsvideo für seinen Bruder dreht, der einen Job in Japan antreten soll. Der Mann hat keine Lust und gibt die Kamera an einen guten Freund weiter, der zwar auch keine Lust hat, aber auf den Geschmack kommt. Die Party findet statt, es gibt Probleme mit einer Ex- oder Beinahe-Freundin, die sich als die wahre, einzige Liebe des Japan-Fahrers herausstellt, was aber wegen diverser Missverständnisse zu Zerwürfnissen geführt hat.

          Ehe diese aber geklärt werden können, bebt die Erde, das Licht fällt aus, die Gesellschaft flieht auf die Straße, auf der gerade der abgerissene Kopf der Freiheitsstatue landet - und der Rest ist Chaos. Wohlgemerkt, immer alles durch die verwackelten Aufnahmen des Hochzeitsvideodrehers vermittelt. Was eigentlich eine pfiffige Idee ist, erweist sich als echtes Hindernis, weil der Typ zum einen wie ein Idiot mit der Kamera umgeht und nur selten ins Bild kriegt, was er eigentlich sieht, als hätte er zum ersten Mal so etwas in Händen - dabei beherrscht das heute jedes Kind -, und weil er zum anderen auch in Momenten weiterdreht, in denen jeder normale Mensch das Ding längst hätte fallen lassen, weil er andere Sorgen hat, zum Beispiel, um sein Leben zu rennen.

          Auf Dauer ein Problem

          Das klingt ein bisschen wie Korinthenkackerei, ist aber auf Dauer immer wieder ein echtes Problem. Wann immer die Ereignisse einen nicht völlig gefangennehmen, fängt man an, darüber nachzudenken. Andererseits ist man ja schon froh, wenn Hollywood gelegentlich einer halbguten Idee mit solcher Konsequenz folgt. Dahinter stehen der Regisseur Matt Reeves und der Produzent J. J. Abrams, das Genie hinter Serien wie „Alias“ und „Lost“, die ihre halbguten Ideen eben auch mit solcher Konsequenz verfolgten, dass man sich ihnen kaum entziehen konnte.

          Jetzt haben wir also den Salat: Die Fernsehhalbgenies kapern mit ihren halbgaren Ideen Hollywood - und haben Erfolg. Andererseits: Das ist selbst im Scheitern noch interessanter als das, was die Hollywood-Vollgenies mit ihren endlosen Fortsetzungen zustande bringen. Oder wenigstens nicht schlechter. Denn die Effekte sehen wirklich sehr gut aus - gerade weil sie wirken, als hätte irgendein Leserreporter sie eingesandt und nicht Hollywood sie entworfen. That's entertainment!

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