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Moderatorinnen Und dann deutet sie ein Lächeln an

21.07.2005 ·  Ein Anker in der täglichen Nachrichtenflut: Petra Gerster führt durch die „heute“-Nachrichten im ZDF. Selbst bei schlimmsten Stürmen verströmt sie noch wohltuende Ruhe, Sicherheit und Zuversicht.

Von Felicitas von Lovenberg
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Es sind Wahlverwandtschaften, die man als Fernsehzuschauer mit einigen wenigen Moderatoren eingeht, die man regelmäßig auf dem Bildschirm sieht. Kein Wunder, hört man ihnen doch Tag für Tag zu, betrachtet ihre Gesichtszüge, ihre Gestik und ihre Kleidung - und meint mit der Zeit tatsächlich, das Gegenüber so gut zu kennen, daß einem dessen Befindlichkeit nicht gleichgültig ist. Zumal Nachrichtenmoderatoren müssen es hinnehmen, häufig als Familienmitglieder "adoptiert" zu werden, einseitig natürlich, können sie doch wenig gegen diese Vereinnahmung ausrichten. Wenn es gutgeht, gilt das Vertrauen des Zuschauers dann nicht mehr allein der eingeschalteten Sendung, sondern ebensosehr der Person, die sie präsentiert. Dieser vielleicht größte Erfolg von Nachrichtenmoderatoren beruht auf der Mischung aus persönlicher Glaubwürdigkeit, professioneller Neutralität und einem manchmal aufscheinenden Engagement für gewisse Themen - und natürlich Sympathie, ganz wie im richtigen Leben.

Man könnte meinen, daß Frauen es als das schöne Geschlecht in einem Medium, das stark auf Attraktivität setzt, leicht haben müßten; doch hat auch hier das alte Vorurteil, daß Menschen, die besonders herrlich anzuschauen sind, wohl in anderer Hinsicht Defizite haben müßten, lange gerade bei den öffentlich-rechtlichen Sendern verhindert, daß Frauen mehr tun durften als Programme ansagen, Lottozahlen ziehen und Kindersendungen moderieren. Damit ist es inzwischen vorbei; die Erkenntnis, daß nicht nur Männer, sondern auch Frauen am liebsten Frauen betrachten, hat nicht nur in Talkshows, sondern auch bei den Nachrichten, Inbegriff des seriösen Fernsehjournalismus, für Gleichberechtigung gesorgt - auch im ZDF.

Nur zufällig vor der Kamera gelandet

Zuerst ist da diese Stimme, klar, entschlossen, mit einem angenehm dunklen Timbre. Wenn man sie hört, freut man sich trotz der zumeist verheerenden Schlagzeilen, die sie mitteilt, schon darauf, die Frau zu sehen, der diese Stimme gehört. Und dann deutet sie zur Begrüßung ein Lächeln an, freundlich, aber nicht überschwenglich. Seit 1998 moderiert Petra Gerster im ZDF die "heute"-Nachrichten um neunzehn Uhr, im wöchentlichen Wechsel mit ihrem Kollegen Steffen Seibert. Die Ausführlichkeit, Seriosität und Eigenrecherche der "heute"-Nachrichten, verbunden mit einer lebendigen Präsentation, die die monoton abgespulte "Tagesschau" im Ersten eine Stunde später vermissen läßt, sind gute Gründe, sich zu beeilen, rechtzeitig nach Hause zu kommen: Fünf Millionen Menschen sehen die "heute"-Nachrichten im Schnitt.

Petra Gerster ist mit der Berufsbezeichnung Moderatorin allerdings nur unzureichend erfaßt; längst ist auch im deutschen Fernsehbetrieb der aus dem Amerikanischen entlehnte Titel "Anchorwoman" geläufig. Zu Petra Gerster paßt er auch deshalb, weil sie in der täglichen Nachrichtenflut tatsächlich wie ein Anker wirkt, selbst bei schlimmsten Stürmen noch wohltuende Ruhe, Sicherheit und Zuversicht verströmt. In ihrer Gegenwart fühlt sich der Zuschauer aufgehoben. Das hat auch damit zu tun, daß man spürt, daß hier jemand bei sich selbst zu Hause ist. Am 15. August 1998 führte sie erstmals durch die "heute"-Sendung. Von dem Lampenfieber, das sie nach eigenem Bekunden nach wie vor gelegentlich befällt, spürt das Publikum nichts. Dabei ist es nur einem Zufall zu verdanken, daß Petra Gerster überhaupt vor der Kamera gelandet ist.

Heute braucht sie eher Sitzfleisch als Reisefieber

Mitte der achtziger Jahre war das; die gebürtige Wormserin arbeitete nach einem Volontariat und anschließender Redakteursstelle beim "Kölner Stadt-Anzeiger" in der Nachrichtenredaktion des WDR. Man suchte nach neuen Moderatoren für die "Aktuelle Stunde". Petra Gerster erzählt, sie habe sich als "Dummy", als Gesprächspartner im Studio für die Bewerber, zur Verfügung gestellt; eigene Ambitionen hegte sie nicht. Der Bürochef sah die Aufnahmen, doch statt sich für die Bewerber zu interessieren, entschied er sich für die eigene Mitarbeiterin - zum Glück der Zuschauer, bei denen sie gleich gut ankam, aber womöglich zum Pech einiger Zeitungen, bei denen Petra Gerster sich zunächst ihre Zukunft erträumt hatte, am liebsten im Feuilleton oder in der Politik. Die heimliche Ambition, eines Tages zu den Edelfedern der "Zeit" zu gehören, machte die enttäuschende Realität eines dortigen Praktikums zunichte. Das Schreiben ist dennoch Teil ihres Berufs geblieben; sie verfaßt ihre Texte selbst. Außerdem schreibt sie Bücher. So hat sie, gemeinsam mit ihrem Mann, dem Journalisten Christian Nürnberger, zwei Bände zur konstruktiven Kindererziehung, "Der Erziehungsnotstand" (2001) und "Stark für das Leben" (2003), veröffentlicht - ein Thema, das ihr, ebenso wie die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf und das Schicksal von Tieren, am Herzen liegt.

Von der "Aktuellen Stunde" beim WDR ging sie zu 3sat; 1989 schloß sie sich der Redaktion der ZDF-Sendung "ML - Mona Lisa" an. Das renommierte Frauenmagazin, das sie von 1989 an zehn Jahre lang zusammen mit Maria von Welser betreute und das sie noch heute als "Sendung meines Lebens" bezeichnet, gab ihr die Möglichkeit, eigene Akzente zu setzen. Ausgaben wie "Ware Weib" (1990), "Chancengleichheit" (1991) oder "Armut ist weiblich" (1994) stießen auf große Resonanz. Auslandssendungen, etwa aus Guatemala, Ruanda oder Japan, waren nicht nur logistische, sondern journalistische Herausforderungen, von denen sie mit Stolz, aber auch etwas wehmütig berichtet: Ihre heutige Position erfordert eher Sitzfleisch als Reisefieber. Zusätzlich und aus Passion moderierte sie über Jahre die Sendung "Achtung! Lebende Tiere!".

Berufsziel Verhaltensforscherin

Das Interesse an anderen Lebensstilen, Sichtweisen und Gefühlswelten stammt aus der Jugend, die sie in ihrer Geburtsstadt Worms verbrachte. Der Vater, ein Allgemeinmediziner, hatte eine Zusatzausbildung als Psychotherapeut gemacht, und "Freud und Jung saßen immer mit am Tisch", wie sie sich erinnert. Auch war es für das jüngste von vier Geschwistern stets selbstverständlich, daß die Mutter arbeitete. Nach der Schule zog es sie ohnehin weniger nach Hause, wo sie es vor allem mit Lieblingsbruder Florian zu tun hatte, als in den Pferdestall: In der Nähe hatten Flüchtlinge aus Ostpreußen mit zwei aus der Heimat geretteten Trakehnerstuten eine neue Zucht begonnen. Die preußisch strenge Lehre auf dem Reitplatz sei eine Erziehung eigener Art gewesen, eine Gegenwelt zum liberalen Zuhause, bekennt Petra Gerster. Und noch eine Welt gab es, ein Paralleluniversum: die Literatur. Ihre frühe Freude vor allem an russischen Autoren, an Gogol, Puschkin und Tolstoi, gab den Ausschlag für die Entscheidung zum Slawistik-Studium in Konstanz; später folgten Aufenthalte der Studienstiftlerin in den Vereinigten Staaten und Paris.

Verhaltensforscherin hatte sie auch einmal werden wollen, doch dann überwog das Interesse an der Verschränkung von Politik und Gesellschaft: ein schier unbegrenztes Forschungsgebiet. Ihre frühe Überzeugung, daß das Private immer auch politisch sei, habe sich "total" bestätigt, sagt Petra Gerster. Wie Menschen lebten, beeinflusse einfach alles, Politik ebenso wie Wirtschaft, Bildung und Mobilität - und gerade dieses Zusammenspiel sei spannend. Das Bemühen um Objektivität bei der Berichterstattung ist für sie oberstes professionelles Gebot, was nicht heißt, daß sie nicht zu allem eine dezidierte Meinung hat und diese mit Verve zu vertreten weiß. Bei aller eingestandenen politischen Relevanz des Privaten sei sie selbst aber kein "Nachrichtenjunkie": Dafür sorgt ihre eigene Verankerung in der Familie. Die Tochter Livia ist fünfzehn, der Sohn Moritz zwölf, und natürlich sind auch Hündin Jenny und Kater Max vollwertige Familienmitglieder. In den Wochen, in denen sie frei hat, verliere das Fernsehen an Bedeutung, gibt Petra Gerster freimütig zu. Ihre freie Zeit ist hart erarbeitet: An mindestens 170 Tagen im Jahr, an denen sie oft bis zu zwölf Stunden im Sender ist, hat sie Dienst.

Weiblicher Sonderfall - nicht nur im Fernsehen

So fremd Petra Gerster der Rummel um die eigene Person zu sein scheint, so wichtig ist ihr der eigene Stil, was sich auch darin ausdrückt, daß sie sich nicht aus dem Fundus des Senders einkleidet, sondern stets ihre eigenen Sachen trägt, die vor allem von der Münchner Designerin Gabriele Blachnik stammen.

"Ich will alles", sagt Petra Gerster mit charakteristischer Entschlossenheit; die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern sei ihr stets als Frage des Willens erschienen - und der Wahl des richtigen Mannes. Seit 1985 ist sie mit Christian Nürnberger verheiratet, der als Buchautor vor allem zu Hause arbeitet. Wie ihm das bekommen ist, hat er in dem hinreißenden, hochkomischen Buch "Frauen - Warum wir sie trotzdem lieben" (2004) beschrieben. Sein "liebenswürdiges Porträt einer liebenswürdigen Gattung", das den Kampf der Geschlechter von der Seite eines - freiwillig unterdrückt lebenden - Mannes schildert, bestätigt, was man als Zuschauer längst ahnte: Petra Gerster stellt "in ihrer Einmaligkeit einen weiblichen Sonderfall" dar. Nicht nur im Fernsehen.

Quelle: F.A.Z., 22.07.2005, Nr. 168 / Seite 36
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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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