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Moderatorinnen : Die Seele der „Kulturzeit“

Leidenschaftlich: Tina Mendelsohn Bild: Klaus Weddig

Sie sucht den Augenblick der Wahrheit und macht uns zu Mitwissern: Seit September 2001 moderiert Tina Mendelsohn das allabendliche 3sat-Magazin „Kulturzeit“. Mit Leidenschaft und einem Lächeln, irgendwann.

          Tina Mendelsohn ist eine Spielerin. Weil sie ihre Sympathie riskiert, um zu gewinnen. Sie ist süchtig nach dieser Nähe, die entsteht, wenn man den anderen einfängt und ihn zum Verbündeten oder zum Gegenspieler macht. Ein gutes Interview, sagt sie, sei das Gegenteil von Routine. Ein Gespräch zwischen zwei Menschen, das von der Dynamik des Ineinander-Eintauchens lebt. Am Ende stehe Erkenntnis. Wenn sie etwas hört oder sieht, was sie niemals vorher so gehört oder gesehen hat, dann sagt sie, sei alles gut. Sind die letzten Sätze gesprochen, fühle sie sich, als steige sie nach vielen geschwommenen Bahnen erschöpft aus dem Becken.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Ich habe ein Gespür dafür, wann ich aufhören muß zu fragen.“ Ein Live-Interview ist wie Sport. In dem Augenblick davor, wenn die Minuten kurz sind und die Sekunden lang, befällt Tina Mendelsohn eine unheimliche Leere. Wie vor einem Wettkampf. Dreht sie einen Film, herrschen andere Gesetze. Über das Gesagte und den Menschen, der ihr näher rückt, denkt sie lange nach, wägt ab und läßt ihr Gefühl entscheiden. Stolpern aus dem Mund ihres Gegenüber Geschichten, von denen er dachte, er habe sie innerlich verbannt, empfindet sie beinahe Schuld. „In diesem Moment weiß man, daß der Mensch einen nicht mehr mag.“ Das ist Teil des Spiels.

          Eine Welt in fünf Minuten

          Seit September 2001 moderiert Tina Mendelsohn das 3sat-Magazin „Kulturzeit“. Von 19.20 Uhr an beherrscht sie im Wechsel mit ihren Kollegen den Bildschirm, lächelt ihr hübsches Lächeln und legt ab und an den Kopf schief. Dabei zog es die Einundvierzigjährige nicht ins Licht der Kameras. Schreiben wollte sie, wegen der Nähe zur Schriftstellerei und dieser edlen Aura. So malte sie es sich jedenfalls aus, erkannte aber bald, daß die Wirklichkeit mit diesem Bild nichts gemein hat. Der Print-Journalismus verlor seinen Zauber.

          In Berlin und München, wo sie von 1989 bis 1994 die Deutsche Journalistenschule besuchte, studierte Tina Mendelsohn Politik und Zeitgeschehen. „Ich bin in einem politisierten Haushalt aufgewachsen. Kohl, der Mauerfall, wir diskutierten über Persönlichkeiten und Ereignisse.“ Als Praktikantin ging sie zum ORB und spürte, daß das Medium Fernsehen ihres war. „Der Schnitt und das Kameraauge, das Interview und die Musik sind Dinge, die mich begeistern.“ Weil sie eine Welt erschaffen kann, und sei es in einem fünfminütigen Film. Wer ihr zuhört, wie sie von dieser Begeisterung erzählt, wie sie die Augen zusammenkneift und ein kurzes Lachen lacht, wie sie lange nach rechts oben guckt und nachdenkt und sagt, daß in ihrem Gesicht bestimmt rote Flecken leuchten, sei sie doch eben noch joggen gewesen, der weiß, daß Tina Mendelsohn angekommen ist.

          „Wenn ich Filme mache, fühle ich mich frei

          Der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg, wo sie für das politische Magazin „Klartext“ arbeitete, schickte sie in die Ferne, ließ sie im chinesischen Nanking einen Dokumentarfilm über John Rabe, den einstigen Ortsgruppenführer der NSDAP, drehen. Während des Massakers der japanischen Armee 1937 rettete Rabe gemeinsam mit amerikanischen Missionaren Tausende von Chinesen. Mit ihrem Golf fuhr sie durch den Osten der Republik und bereiste Dörfer, die für sie am Rand der Welt lagen. „Wenn ich Filme mache, fühle ich mich frei.“ Jeder Tag brachte neue Eindrücke. In dieser Zeit lernte sie, genau hinzusehen und an ihrer Wahrnehmung zu feilen.

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