17.08.2005 · Politikerphrasen mit kleinen Überleitungssätzen sind für sie noch kein Gespräch. Ursula Heller zählt zu den erfrischenden Gestalten im deutschen Moderatorinnengewerbe. In der bayerischen Fernsehlandschaft sucht sie ihresgleichen.
Von Hannes HintermeierSo einfach ist das beim Bayerischen Fernsehen nicht mit dem Dagegensein. Schon gar nicht, solche Widerstände laut zu artikulieren. Also muß man sich, wenn man sich als Moderatorin nicht mit der Rolle einer Ansagepuppe begnügen will, schon etwas einfallen lassen. Das gilt vor allem, wenn man sich wie im Falle Ursula Hellers vor lauter Elan, Neugier und Temperament nicht damit begnügen kann, Politikerphrasen mit kleinen Überleitungssätzen als Gespräch zu verkaufen.
Die natürliche Ausstrahlung kommt bei ihr im Wortsinn aus den Augen: Es ist die Kunst, mit strahlendem Blick dagegenzufragen, Politiker, Gewerkschafter und Experten zu entzaubern und zu vermenschlichen. Mit diesem hartnäckigen Charme zählt Ursula Heller zu den erfrischenden Gestalten im deutschen Moderatorinnengewerbe; in der bayerischen Fernsehlandschaft sucht sie ihresgleichen. Vielleicht liegt das Geheimnis dieses Erfolgs darin, daß Ursula Heller zur richtigen Zeit bereit war, aufzuhören, nein zu sagen. "Wurstegal" nennt sie solche Momente, in denen sie etwa beschloß, die Festanstellung beim Bayerischen Rundfunk aufzugeben und sich freiberuflich durchzuschlagen.
Ein wilder Haufen, damals bei Bayern3
1961 in Bergisch Gladbach geboren, war Ursula Heller früh entschlossen, ihr Heil im Süden zu suchen. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Freiburg, Cambridge und München hatte sie die Gelegenheit, zusammen mit neun anderen Studenten die Radiohelden Thomas Gottschalk und Günther Jauch redaktionell zu unterstützen. Ein wilder Haufen muß das gewesen sein, damals bei Bayern3, aber wegen Quotenerfolgs mit Narrenfreiheit ausgestattet. Die Truppe durfte experimentieren, und das tat sie auch nach Kräften.
Von Günther Jauch schwärmt Ursula Heller noch heute: "Er war immer voller Respekt seinen Gesprächspartnern gegenüber, er hatte aber auch diese scheinbare Naivität." Dort habe sie gelernt, an ihre Grenzen zu gehen und diese auch regelmäßig zu überschreiten - Patzer, die ihr dann in der Manöverkritik um die Ohren gehauen wurden. "Ich war damals ein Sensibelchen, aber als ich anfing, war es für Frauen trotzdem wahnsinnig leicht." Es dauerte nicht lange, und in Freimann, beim Bayerischen Fernsehen, wurde man auf die quirlige Radiofrau vom Rundfunkplatz aufmerksam.
Nicht in jedes redaktionelle Scharmützel verwickelt
Das liegt jetzt fünfzehn Jahre zurück, daß sie beim "Rundschau Magazin" angefangen hat, aber Ursula Heller macht nicht den Eindruck, ihr Einsatzwille habe nachgelassen. Die Routine, die zum Beruf gehört, münzt sie um in Begeisterung. Jede dritte Woche ist Heller-Woche, zweimal im Monat moderiert sie im Wechsel mit Chefredakteur Sigmund Gottlieb die "Münchner Runde", die politische Talkshow des Bayerischen Rundfunks. Und dann gibt es noch das ARD-Magazin "W wie Wissen", das Ursula Heller in der ARD moderiert, über dessen Zukunft derzeit verhandelt wird.
Ihrem Status als Freiberuflerin verdankt sie, nicht in jedes redaktionelle Scharmützel verwickelt zu sein. Der Nachteil: Die Planungen laufen überwiegend unabhängig von der Moderation ab; wenn sie am Nachmittag ins Studio kommt, um sich für die Abendsendung vorzubereiten, ist über viele Themen schon entschieden. Ursula Heller bedauert dies, da sie gelegentlich andere Schwerpunkte setzen würde. "Weniger Politikausrichtung, ich würde mehr auf gefühlte Themen setzen, öfter mal den kleinen Mann befragen anstatt immer die Funktionäre."
„Wollte mich nicht für Staatsfernsehen hergeben“
Die Funktionäre, das sind häufig die CSU-Granden, die Heller auch die "großen Bellheims" nennt. Die Stoibers, Becksteins, Hubers, Wiesheus und Faltlhausers dieser Welt. Für die meisten dieser Herren sind Fernsehauftritte im heimischen Sender "gemähte Wiesn" vulgo risikolose Heimspiele. Nicht unbedingt, wenn Frau Heller Dienst hat. Sie versteht sich darauf, ihr Gegenüber aus der Fassung zu bringen, etwa mit Fragen der Art: "Warum schauen Sie denn so traurig aus, wenn Sie so gute Nachrichten zu verkünden haben?"
Spaß mache ihr der "Superminister" Erwin Huber, ein Schlitzohr, das sich auch mal gern provozieren lasse. Auch der Ministerpräsident ("Schaun Sie, Frau Heller...") sei eher glücklich, wenn er gefordert werde. Schwieriger, weil zur Eingeschnapptheit neigend, seien der neue CSU-Generalsekretär sowie dessen Amtsvorgänger. "Ich war für viele ein rotes Tuch, obwohl ich parteilich nicht gebunden bin. Aber ich wollte mich keinesfalls für Staatsfernsehen hergeben." Bei den Landtagswahlen schickt man sie zur FDP oder zu den Grünen, da ist die CSU Chefsache.
Aus dem Bauch heraus
Als altgediente Radiofrau liebt sie die Stücke zwischen drei und vier Minuten Länge: "Das Gefühl, jemand in dieser kurzen Zeit zu knacken, das macht doch richtig Spaß." Beschwerden, daß sie zu unbotmäßig gefragt habe? "Leute von Format können das trennen." Nur während der Kruzifix-Debatte, als es um das christliche Symbol in Klassenzimmern ging, hätten die Nerven blank gelegen.
Glaubwürdigkeit? "Die verdanke ich meinen Kindern." Die Erziehung ihrer beiden Söhne, die sie mehrere Jahre allein bewerkstelligte, habe ihr Kraft und Gelassenheit gegeben und die Einsicht, nicht immer nach Perfektion streben zu können. Schwierige Jahre waren das, weil die Ehe mit einem Muslim aus Sarajevo den Belastungen nicht standhielt. Manchmal mußten die Buben mit einem Notkoffer mit Malsachen mit ins Studio; nicht allen Gästen habe das gefallen, aber die Redaktion habe immer verständnisvoll reagiert. Nun, kurz vor der Geburt ihres dritten Sohnes, ist sie mit einem neuen Partner in der Mitte des Lebens angekommen, zufrieden und mit Nestbau beschäftigt.
Ihren Stil, aus dem Bauch heraus zu arbeiten, sagt sie, habe sie im Lauf der Jahre verbessert: "Früher bin ich sicher oft über das Ziel hinausgeschossen." Schiffbruch hat sie vor sechs Jahren bei der WDR-Talkshow erlitten. Damals sei sie "wahnsinnig ehrgeizig" gewesen, aber nach fünf Sendungen ist sie gegangen: "Ich war wirklich schlecht", sagt sie heute selbstkritisch. Und sie sagt es so begeistert, daß man es sofort glaubt.