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Veröffentlicht: 18.05.2017, 19:24 Uhr

„Jahrhundertfrauen“ im Kino Wie viele Frauen braucht es, um einen Mann zu erziehen?

Santa Barbara im Jahre 1979: Jamie wächst unter Frauen auf, die ihm äußerst unterschiedliche Dinge beibringen. Mike Mills’ autobiographisch gefärbtes Drehbuch wurde für den Oscar nominiert – zu Recht.

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© dpa Fast allein unter Frauen: Jamie (Lucas Jade Zumann) mit seiner Mutter Dorothea (Annette Bening)

Als Jamie nach einer Mutprobe ins Krankenhaus kommt, reicht es seiner Mutter Dorothea. Fünfzehn ist der Junge nun, wächst ohne Vater auf und denkt, Atemnot bis zur Ohnmacht sei ein Spiel. Fehlt ihm das männliche Vorbild? Wie kann man ihn zu einem richtigen Mann machen – und was hieße das überhaupt, in Santa Barbara im Jahre 1979? Dorothea beschließt, andere Frauen in die Erziehung mit einzubinden, nämlich ihre Mitbewohnerin Abbie (Greta Gerwig), eine junge Fotografin aus New York, und Jamies beste Freundin Julie (Elle Fanning).

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„Jahrhundertfrauen“ lautet der deutsche Titel, der eher eine Biographiensammlung vermuten lässt; treffender wäre die wörtliche Übersetzung gewesen: „Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts“. Dorothea (Annette Bening) ist die lässigste von ihnen. Sie arbeitet als Zeichnerin in einem Architekturbüro, lehnt sämtliche Avancen von Kollegen ab und raucht die ganze Zeit. Um Dorothea aus der Fassung zu bringen, muss schon mindestens ihr Auto auf dem Parkplatz des Supermarktes Feuer fangen. Aber das Auto war ohnehin alt. „Es ist nicht immer alt gewesen, es wurde ganz plötzlich so“, sagt ihre Stimme aus dem Off – und spricht dabei natürlich von ihr selbst.

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Regisseur Mike Mills hat sein Händchen für Familiengeschichten bereits bewiesen. „Thumbsucker“ von 2005 begleitete einen jungen Mann beim Erwachsenwerden mit Daumen im Mund, während „Beginners“ 2010 die Geschichte von Mills’ eigenem Vater behandelte, der im hohen Alter sein Coming-out wagte. Beide Themen hätte man vollkommen klamaukig erzählen können. Aber Mills interessiert sich nicht für Klamauk, er interessiert sich für Herzlichkeit und Aufrichtigkeit. Das macht auch „Jahrhundertfrauen“ zu einem klug amüsanten Film.

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Mike Mills erhielt eine Oscar-Nominierung für das Drehbuch und wahrscheinlich auch für den Mut, zwei Off-Stimmen einzusetzen. Denn neben Dorothea kommentiert ihr Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) die Ereignisse. Leider kann man nicht behaupten, dass die Doppelperspektive den Film enorm weiterbringt, doch die Off-Stimmen sind immerhin so leicht zuzuordnen, dass keine Verwirrung entsteht. Denn Jamie ist fast der einzige Mann im Haus, der überhaupt redet. Zur herrlichen altmodischen Ausstattung des Films passen auch die Farben: als läge ein pastelliger Retro-Filter über allem. Da wirkt Annette Benings Figur Dorothea, die der Mutter des Regisseurs nachempfunden ist, besonders lebendig und modern. Ihre Sturheit, Anmut und ihr Stolz überstrahlen den Film; ihre Kopfhaltung, wenn jemand Punk den Talking Heads vorzieht, sagt mehr als jeder Dialog. Elle Fanning und Greta Gerwig ziehen sich daneben auf eher spröde Darstellungen zurück, schließlich wurden sie als die coolen jungen Frauen engagiert.

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Was diese jungen Frauen Jamie beizubringen haben, passt seiner Mutter allerdings nicht so recht. Julie lehrt ihn, wie man sich von seiner besten Freundin das Herz brechen lässt. Abbie klärt ihn über Feminismus und Frauen auf. Das macht Jamie nicht zum perfekten Mann, doch immerhin zu einem, der sich mit Maulhelden prügelt, die keine Ahnung von klitoraler Stimulation haben. Die wichtigste Lehre, wichtiger noch als die Kenntnis der weiblichen Anatomie, erhält Jamie auch von Abbie: „Wie auch immer du dir dein Leben vorstellst – du kannst dir sicher sein, dass es ganz anders ablaufen wird.“

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