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Micky Maus Achtzig Jahre kurze Hose

18.11.2008 ·  Ursprünglich war Micky Maus ein fröhliches Kaninchen namens Oswald. Mit dem aber bekam Disney rechtliche Probleme, und die Zeichenvorlage musste verändert werden. Der Erfolg der neuen Trickfilmmaus aber kam mit der synchronisierten Tonspur. Heute wird Micky 80 Jahre alt und sieht sich immer ähnlicher.

Von Andreas Platthaus
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Als Micky Maus vor achtzig Jahren, am 18. November 1928, im Colony Theatre in New York das Licht der Leinwand erblickte, da mochten die Besucher des Kinos kaum ihren Ohren trauen. Wohlgemerkt: den Ohren! Denn die Augen hätten nicht viel Ungewöhnliches erspäht.

Micky Maus sah aus wie die meisten Trickfilmhelden jener Zeit, wie Felix der Kater oder Krazy Kat, und vor allem ziemlich genau so wie Oswald, jenes fröhliche Kaninchen, das Walt Disney während der letzten fast zwei Jahre in seinem Studio hatte zeichnen lassen. Leider hatte der erst sechsundzwanzigjährige Studiochef es dabei versäumt, sich die Rechte an diesem von ihm selbst und seinem Partner Ub Iwerks entworfenen Kaninchen zu sichern. Die besaß der Verleiher, und im Winter 1928 hatte der Disney erpresst: Entweder der junge Trickfilmer lieferte ihm die Oswald-Cartoons für weniger Geld, oder er würde den Auftrag los sein.

Akustische Veredelung für eine Maus

Billigprodukte waren Disneys Sache nicht (damals nicht, und später noch weniger), also gab er Oswald auf.
Eine neue Figur musste her. Die Zahl potentiell niedlicher Tiere, die jeder kennt, war aber beschränkt, und die besten - Katzen, Kaninchen, Hunde - waren schon weg. Deshalb eine Maus, und damit es einfacher war, schnitten Iwerks und Disney ihrem Oswald die Langohren ab, ersetzten seine Blume durch einen langen Schwanz, streckten ihm ein wenig die Schnauze - und schon war Micky Maus fertig. Das aber war noch nichts Besonderes. Das Besondere an „Steamboat Willie“, jenem Film, der am 18. November 1928 im Colony Premiere hatte, war die synchronisierte Tonspur. Damit nutzte Disney eine Entwicklung, die es auch im Spielfilm erst seit einem Jahr gab. Nunmehr saß jedes Geräusch genau an dem Punkt, wo es hingehörte, und es klang auch authentisch, weil es ja eigens aufgenommen worden war. Vorher hatten sich Begleitorchester und Klavierspieler mehr oder minder improvisierend darum bemüht, der Handlung eines Films akustische Effekte beizugeben. Jetzt spielte man die Tonspur vorher ein, und die Qualität der Klangelemente war gesichert. Und bei keiner anderen Form des Kinos war das so wichtig wie beim Zeichentrick, der ja nichts anderes ist als durch und durch choreographierte Bewegung. Je akzentuierter dabei die Töne eingesetzt werden, desto prägnanter der Rhythmus und die Gags.

Micky Maus war die erste Figur, der eine solche akustische Veredelung widerfuhr, und der Erfolg sprengte alle Erwartungen. „Steamboat Willie“ und die in rascher Folge produzierten Nachfolgefilme eroberten das ganze Land und binnen weniger Jahre auch die ganze Welt, denn viel gesprochen wurde nicht in Micky-Maus-Geschichten, und das Geräusch von auf Köpfe wummernden Balken oder zerbrechendem Geschirr ist universal verständlich. Allerdings sorgte der krude Humor der Trickfilme aus jener Zeit auch für Kritik: Denn je beliebter Micky Maus bei Erwachsenen und vor allem Kindern wurde, desto bedenklicher erschien das den Pädagogen. Wie konnte denn eine so populäre Figur sich benehmen, wie Micky es tat, also zum Beispiel in seinem ersten Film die Autorität des Kapitäns in Frage stellen, auf dessen Mississippi-Dampfer die Maus doch als Schiffsjunge beschäftigt war? Oder ihr kühner Griff an die Unterhose von Minnie Maus, die schon in „Steamboat Willie“ als Gefährtin des Helden mit an Bord war. Oder das relativ skrupellose Verhalten Mickys, als er kurzerhand die lebende Fracht des Bootes zu Musikinstrumenten umfunktioniert und etwa eine Gans wie einen Dudelsack spielt. Das alles sahen sensible Eltern und Lehrer nicht gern, und ihre Interessenverbände ließen das Walt Disney wissen.

Weltstar im Nostalgie-Look

Der war in einer Zwickmühle: Der Erfolg musste gesichert werden, also durfte Micky Maus nicht anecken. Aber im Kino hatte es rauh zuzugehen, um Lacher zu bekommen. Also verlagerte Disney die moralisch zweifelhaften Charakterzüge der Maus auf neue Nebenfiguren: auf Pluto, Goofy und Donald Duck. Micky dagegen wurde immer gesitteter und immer mehr zum Inbegriff des Harmlosen. Sie lag aber Walt Disney auch so sehr am Herzen, dass er jeden Versuch ablehnte, ihr ein neues Profil zu geben. Nur er selbst durfte über Veränderungen entscheiden, und wehe dem Zeichner, der eigenmächtig an die heilige Maus rührte! So war es ein echtes Wagnis, dass Ward Kimball, einer der renommiertesten Animatoren des Studios, im Jahr 1938 eine Einladungskarte zu einem Fest des Unternehmens gestaltete, auf der Micky Pupillen besaß. Vorher waren da nur schwarze Punkte gewesen. Doch Disney war begeistert über das nun so menschliche Antlitz seiner Maus. Fortan musste sie immer so gezeichnet werden - und wieder war ein Stück Besonderheit verloren.

Doch seit einiger Zeit gibt sich der Jubilar wieder jugendlich und läuft wieder vermehrt in kurzen Hosen herum. Nun ist Walt Disney auch schon 42 Jahre tot, und somit kann wieder mit der Maus experimentiert werden. So versetzt man sie jetzt mittels alter Garderobe zurück in ihre Glanzzeiten. Micky war, als er in „Steamboat Willie“ debütierte, ja als junger Rabauke konzipiert, und so trug er auch eine knabenhaft kurze Hose und Halbschuhe - mehr war da nicht. Erst 1929 kamen die bis heute beibehaltenen weißen Handschuhe dazu (damit man die anfangs noch schwarzen Hände besser vom gleichfalls schwarzen Leib unterscheiden konnte), und dann herrschte modischer Stillstand bis in die vierziger Jahre hinein. In diese Phase soll uns der kurzbehoste Micky wieder versetzen. Deshalb sind seine neuen Beinkleider auch keine modischen Baggy Trousers, sondern künden vielmehr von einer ziemlich hohen Taille. Der Weltstar kleidet sich im Nostalgie-Look, und 1928 galt eben der „zoot suit“ als modern. Von Hüfthose war da noch keine Rede.

Je kindischer, je besser

Von einem veritablen Anzug bei Micky Maus jedoch damals auch noch nicht. Erst in den vierziger Jahren hatte Walt Disney seine Lieblingsfigur auf Intervention der besorgten amerikanischen Elternverbände endlich so weit verbürgerlicht, dass nun auch ein ordentlicher Aufzug her musste. Die Hosen wurden lang, ein Freizeithemd kam dazu, und ein fescher Hut durfte auch nicht fehlen. Micky Maus sah nun aus wie ein harmloser Junggeselle, und so fielen die Abenteuer dann auch aus. Das wollte niemand mehr sehen. Der letzte reguläre Micky-Kurzfilm lief 1953 in den Kinos, und in den Comics lief der ewig cholerische Donald Duck der braven Maus den Rang ab.

Doch in den neunziger Jahren kam die kurze Hose zurück. Das hatte seinen Grund in der Verzweiflung des Hauses Disney über das spießbürgerliche Image der Maus. Nicht, dass das bei der Vermarktung störte - im Gegenteil: je kindischer, je besser. Aber man fand keine interessanten Zeichner mehr für eine solch langweilige Figur. Als darum 1995 wie alle Jahrzehnte wieder nach Walt Disneys Tod der Versuch einer Revitalisierung des Superstars gestartet wurde, die mehr bedeuten sollte als nur weitere Abziehbildchen oder Porzellanmotive, da wurde für den Kurzfilm „Runaway Brain“ das Erscheinungsbild der dreißiger Jahre ausgepackt - inklusive der kurzen roten Hose. Und als ein Deutscher namens Ulrich Schröder zwei Jahre später auch noch einen Comic nach diesem Film zeichnete, war der Weg frei für die Renaissance der klassischen Maus. Denn Schröder ist nicht nur einer der talentiertesten Micky-Maus-Zeichner, sondern führt seit den achtziger Jahren überdies in Paris für die europäische Disney-Zentrale die Qualitätskontrolle aller auf dem alten Kontinent produzierten Micky-Zeichnungen aus.

So war es wenig verwunderlich, dass sich kurz danach mit dem Spanier César Ferioli ein Zeichnerkollege Schröders ganz der alten Darstellungsweise verschrieb. Und so tritt Micky Maus mittlerweile wieder gerne in Knabenkleidung auf.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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