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Michelangelo Antonioni ist tot : Jedes seiner Rätsel ist ein Film geworden

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Ein weiterer Großer der europäischen Filmkunst ist tot: Michelangelo Antonioni starb am Montagabend im Alter von 94 Jahren. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören „Liebe in der Stadt“, „Blow Up“ und „Zabriskie Point“. Michael Althen erinnert an den italienischen Regisseur.

          Alles, was wir als modern empfinden, verdanken wir ihm. Er hat uns einen Platz gefunden in der modernen Welt, die um ein Gefühl der Leere herum gebaut ist, und hat ihr zugleich ein Gesicht gegeben, in dem wir uns wiedererkennen können, wenn wir nur wollen. Lange wurden Antonionis Filme vor allem als Spiegelbild gesellschaftlicher Defekte gesehen. Als ginge es bei ihm um Pathologie und nicht um Poesie, wurde dabei ignoriert, welche Schönheit er den Gefühlen von Einsamkeit, Entfremdung und Verlust abgewonnen hat. Wie kein anderer hat er es verstanden, diesen konturenlosen Empfindungen eine Form zu verleihen.


          Wenn es stimmt, dass die Größe eines Regisseurs in der Zärtlichkeit besteht, die er der Welt und ihren Dingen gegenüber aufbringt, dann gehört Antonionis Werk zum Größten, was das erste Jahrhundert des Kinos hervorgebracht hat. Was Camus „die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“ genannt hat, findet sich bei ihm wieder und wieder. Und doch befreit Antonioni in jedem seiner Filme das Leben aus dem Gefängnis seiner Alltäglichkeit und verwandelt die Welt in ein Wunder. Wenn dann also in „Zabriskie Point“ in einer siebenminütigen Explosions-Sinfonie zur Musik von Pink Floyd eine Villa samt Einrichtung in ihre Bestandteile zerlegt wird, wenn ein Kühlschrank, ein Bücherregal, eine Sitzecke und ein Kleiderschrank in Superzeitlupe vor himmelblauem Hintergrund auseinanderfliegen, dann ist auch dabei weniger Zivilisationskritik am Werk als der Wille, all die bedeutungslosen Objekte des Alltags dem Gefängnis ihrer Form zu entwinden und einer neuen Schönheit zuzuführen. Das Universum mag dabei mit aufreizender Langsamkeit auseinandertreiben und eine immer noch gähnendere Leere hinterlassen, aber Antonioni begegnet diesem Schrecken mit Liebe. Statt Horror erfahren wir bei ihm Amor Vacui. Und ohnehin ist die Liebe ja die einzige Möglichkeit, sich wenigstens für Momente als Teil des Universums zu begreifen.

          Erster Spielfilm mit vierzig

          Antonioni war ein Spätberufener. Bei seinem ersten Spielfilm war er fast vierzig, seine besten Filme drehte er um die fünfzig, mit „Blow-Up“ kam 1966 zur Wertschätzung der Erfolg noch dazu. Dreizehn Spielfilme hatte er gedreht, als ihn 1985 ein Schlaganfall ereilte, der ihn rechtsseitig lähmte und ihm das Sprachvermögen nahm, was ihn aber nicht daran hinderte, zehn Jahre später mit Hilfe von Wim Wenders den Episodenfilm „Jenseits der Wolken“ zu drehen. Im selben Jahr verlieh ihm die Academy den Oscar fürs Lebenswerk, den er an der Seite seiner Frau Enrica bewegt und stumm aus den Händen von Jack Nicholson entgegennahm, der auf keinen seiner Filme so stolz ist wie auf Antonionis „Beruf: Reporter“.

          2006 in einer Ausstellung in Rom

          Das schönste Porträt über den 1912 in Ferrara geborenen Michelangelo Antonioni hat einst Alfred Andersch geschrieben: „Er hat den Kopf eines römischen Kaisers, und zwar der besten Zeit, großflächig, bartlos und nachdenklich, mit den beiden bitteren Falten, die von den Nasenflügeln zum Mund führen, dem genauen Verhältnis von Nasendreieck zu strenger Mundhorizontale, von Stirne zu Kinn. Ein vollkommen männliches Gesicht, nichts Weibliches scheint darin auf, aber ohne die Männlichkeit hervorzukehren, die Energie zurückgenommen in selbstverständlichem Ernst. Müdigkeit auch. Wie es das Gesicht eines aurelianischen Kaisers ist, so könnte es das eines Arbeiters sein. Im Gespräch keine italienischen Gesten, keine Tulpenhand, kein Agieren, doch auch keine Gehemmtheit, nur genaue Stille.“

          Die Geheimnisse der Welt und des Herzens

          Es liegt nahe, in all den überwältigenden urbanen und natürlichen Landschaften und Architekturen, die in seinen Filmen an einen geheimnisvollen Plan glauben lassen, Seelenlandschaften zu sehen: das steinerne Meer im Tal des Todes am Zabriskie Point und die fließende Architektur Gaudís in „Professione: Reporter“, die Felseninsel Lisca Bianca in „L'avventura“, die Industrielandschaften in „Il deserto rosso“ und der Raffinerieturm in „Il grido“, die Trabantenstadt EUR in „L'eclisse“ und die gläserne Villa in „La notte“. Wofür andere viele Worte brauchen, das hat er mit seinem Blick für topographische Eigentümlichkeiten eingefangen, weil er wusste, dass sich in ihnen die Geheimnisse der Welt und des Herzens abbilden.

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