11.10.2007 · Für „Sicko“ ächzt Michael Moore augenrollend durch die amerikanische, europäische und kubanische Krankenversorgung und findet: Überall ist es besser als in den Vereinigten Staaten. Ein haarsträubender, ärgerlicher Film.
Von Joachim HentschelDie Frau weint, weil sie ihre Arztrechnungen nicht mehr zahlen kann, weil sie die Wohnung aufgeben und bei der eigenen Tochter in die Kammer ziehen muss. Die Kinder weinen, denn der Papa wird als Klempner in den Irak geschickt. Eine andere Frau hat eben ihren Mann verloren, weil die Krankenversicherung keine Knochenmarkspende bewilligt hat, auch sie weint. Selbst der höflichste Dokumentarfilmer würde da die Kamera laufen lassen und nicht etwa auf Socken aus der Intimsphäre flüchten. Trotzdem fühlt man sich als Zuschauer demagogisch behandelt, wenn schon in den ersten zwanzig Minuten von Michael Moores Film „Sicko“ mindestens fünf verschiedene Leute zu heulen anfangen. Weil Tränen halt nie lügen und deshalb kein gutes Argument sind.
Ebenso fest darf man trotzdem davon ausgehen, dass auch dieses Mal wieder ein paar Szenen ein bisschen gestellt sind. Die Fälschungsvorwürfe, die gewohnten, gewöhnlichen Angriffe seiner Gegner daheim prallen aber längst ab am Werk von Michael Moore, der demokratischen Dampfwalze, dem Peter Lustig der amerikanischen Realpolitik, der in „Bowling for Columbine“ den Waffenwahn, in „Fahrenheit 911“ die letzten Nahostkriege behandelt hat, beides Riesen-Kinoerfolge. Verstecken kann er sich eh nicht mehr.
Ein absolut haarsträubender, ärgerlicher Film
Aus dieser für einen mobilen Volksaufklärer eigentlich blöden Lage dreht Moore sich sogar noch einen Vorteil: Das wahrhaft Schockierende am neuen Film über das amerikanische Gesundheitswesen ist, dass er zum allergrößten Teil mit völlig frei zugänglichen Informationen arbeitet. Nichts Investigatives, nichts Neues. Da ist die Geschichte vom schwerhörigen Kind, dem die Versicherung am Ende doch noch die Implantate für beide Ohren bezahlt, nachdem der Vater gedroht hat, er werde sie sonst bei Michael Moore verpfeifen - auch dieser eher peinliche Fall wird gezeigt, zähneknirschend, denn auch Moore selbst ist gezwungen, transparent und öffentlich zu bleiben.
„Sicko“ hat in den Vereinigten Staaten das Unheil des privatwirtschaftlich organisierten, auf Gewinn ausgerichteten Gesundheitswesens schon so ins Gespräch gebracht, wie es Al Gore mit dem Klimawandel geschafft hat und „Supersize Me“-Regisseur Morgan Spurlock mit der McDonald's-Salatbar. Was nichts daran ändert, dass dies auch ein absolut haarsträubender, ärgerlicher Film ist, Moores bisher haarsträubendster. Verschärft in der zweiten Hälfte, wenn er nach Europa reist und vorführt, wie gut die aus Steuern und Pflichtversicherungen finanzierten Modelle funktionieren. Wenn er ernsthaft den Zweiten Weltkrieg mit dem 11. September vergleicht, wenn er zu Bildern von fröhlichen, küssenden, mit ihrer Krankenkasse zufriedenen Leuten die Frage stellt, ob nicht auch das ein Grund gewesen sein könnte, warum die Franzosen in Amerika so dämonisiert würden. Ironie ist nicht spürbar.
Wer so argumentiert, hält alle Amerikaner für bescheuert
Dann taucht er tatsächlich noch ins luxuriöse Leben einer Pariser Arztfamilie ein, nimmt sie als positives Beispiel dafür, dass eine Volksmedizin keineswegs sozialistische Zustände zeitigen muss. Was zu beweisen war. Mit dem beliebten Einwand, Moore mache seine Filme halt für ein amerikanisches Publikum, muss man vorsichtig sein: weil das wieder heißen könnte, dass man alle Amerikaner für bescheuert hält. Und dass man sich zudem ganz sicher ist, dass in Deutschland niemand einen solchen Film eins zu eins verstehen würde.
Eigentlich ist es eine Genrefrage. Viel zu wenig wurde bisher über die Ästhetik der politischen Einspielfilme gesagt, die in Talkshows pseudokokett das Problem anreißen sollen. In denen bunte Statistiken blühen, die Sprecher mit aller Macht auf witzig machen und alles je nach Thema möglichst abgedreht und kontrovers sein muss. Wie bei Michael Moore. „Sicko“ ist im Prinzip nichts anderes als der überlange Einspielfilm zu der Debatte, von der Moore schon vorher wusste, dass er sie auslösen würde. Und für die der Regisseur selbstverständlich die Rolle des ächzend und mit großen Augen durch die Welt walzenden Simplizissimus verlässt, die er vor der Kamera immer spielt.
Irrsinnig viel Platz selbst noch rechts der Mitte
Dann wird er doch noch zum Politiker. Mit CNN-Moderator Wolf Blitzer lieferte Moore sich ein überaus scharfzähniges Live-Duell, bei dem er Blitzer unter anderem dazu aufforderte, sich bei ihm für die verzerrte Kriegsberichterstattung des Senders zu entschuldigen. Meistens ging es um die Richtigkeit der Zahlen, Filmkritiker Roger Ebert erinnerte sich anlässlich von „Sicko“ an schöne Krankenhausaufenthalte, im „Guardian“ erklärte eine Gesundheitsexpertin, warum das von Moore so gelobte britische System sich schon einer Teilprivatisierung à la Vereinigte Staaten annähere.
Nein, nur weil er tendenziell auf der humanistisch und politisch guten Seite steht, muss man Michael Moores Populismus nicht verteidigen. Ob er die kubanischen Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben korrekt zitiert, ob er die Nöte europäischer Kassenpatienten verschweigt und sich - übrigens ein ziemlich hirnrissiger Vorwurf an einen Dokumentarfilmer - nur die Fälle herauspickt, die ihm in den Kram passen, das ist nicht der Punkt. „Sicko“ zeigt doch vor allem, wie irrsinnig viel Platz im Vorwahlkampf-Amerika selbst noch rechts der Mitte sein muss, wenn ein prominent Liberaler wie Moore schon reiche Ärzte als Gewährsleute auftreten lässt und am Ende sogar das Mitleid mit den erkrankten Helfern nach den Terroranschlägen für seinen Argumentationsgang nutzt. Obwohl das freilich der berüchtigte, ernsthaft subversive Glanzpunkt des Films ist, wenn Moore und seine Helden im Boot um Einlass nach Guantánamo Bay betteln, weil die Häftlinge dort ja auch umsonst behandelt werden.
Wer „Sicko“ journalistisch betrachtet, wird vielleicht sogar erschrecken. Denn die ganzen Ausrisse aus Geschäftsbriefen, mit Textmarker unterstrichenen Passagen und Vorher-nachher-Fotos zeigen erst auf riesiger Kinoleinwandgröße, wie wenig sie als typische Beweismittel des Dokumentarfilms und Nachrichtenbeitrags eigentlich beweisen. Moore weiß schon, wofür er die Tränen der Patienten braucht.