25.06.2004 · Michael Moore hofft, den ersten Film gedreht zu haben, der an der Abwahl eines Präsidenten mitbeteiligt ist. „Fahrenheit 9/11“ spaltet Amerika und hat Moore wütende Angriffe eingebracht. Doch der ist gewappnet.
Von Jordan Mejias, New YorkFür den kommenden Montag hat Amerikas Bürgerbewegung "MoveOn" ihre Mitglieder aufgerufen, wieder einmal im ganzen Land Hunderte, wenn nicht Tausende von Hauspartys zu organisieren. Das große Ziel bleibt der Regimewechsel in Washington.
Um aber auf dem Weg dorthin "Wut in Tatkraft" umzuformen, verspricht die Website von "MoveOn", als Ehrengast Michael Moore hinzuzuschalten. "Fahrenheit 9/11", Moores Anti-Bush-Polemik, die ihm in Cannes die Goldene Palme eintrug und diese Woche in den amerikanischen Kinos angelaufen ist, soll also weniger die Filmästheten verzücken als die Gesinnungsgenossen anfeuern und unentschiedene Wähler in die Arme der Demokraten treiben.
Genau das hat Moore beabsichtigt. Wie er der "New York Times" anvertraute, hofft er, den ersten Film gedreht zu haben, der an der Abwahl eines Präsidenten mitbeteiligt ist. In Fokusgruppen, denen "Fahrenheit 9/11" gezeigt wurde, hätten sich Zweifler bereits in Gläubige verwandelt. Was wiederum für alle republikanischen Streiter das Fanal sein muß, sich in die Schlammschlacht mit Moore zu stürzen. Darin ist nichts zu abstrus. Daß der parteiische Film mit seiner Werbung gegen amerikanische Wahlkampfgesetze verstoßen könnte, gehört noch zu den subtileren Diskreditierungsversuchen.
„Ist dieser Mann ein Faschist?“
Während "MoveOn" bei Hunderttausenden das Versprechen einholt, am Premierenwochenende ins Kino zu gehen, spornt im Internet "Move America Forward" dazu an, auch mittels vorsintflutlicher Briefe die Kinobetreiber zu bedrängen, den "schrecklichen antiamerikanischen Film" nicht aufs Programm zu setzen. Es versteht sich, daß die makellos ideologisierte Website nicht zimperlicher mit Moore verfährt als jener mit Bush. Ihr fehlt indes das letzte Quentchen an Unverfrorenheit, das die "New York Press", unter den alternativen Wochenblättern der Stadt die konservative Ausnahme, zur Titelfrage animiert: "Ist dieser Mann ein Faschist?"
Schützenhilfe holt sich Armond White von der "New York Press" ausgerechnet bei einem Franzosen, und zwar bei Jean-Luc Godard, den er mit dem Ausspruch zitiert: "Moore unterscheidet nicht zwischen Text und Bild. Er weiß nicht, was er tut." Godard habe allerdings nur zur Hälfte recht. Moore vermische in seinem rhetorischen Krimskrams Fernsehdrama mit Filmclips. Das wiederum erinnert White an den ihm gleichfalls verhaßten Quentin Tarantino, den er nebenbei beschuldigt, mit einer Folterszene aus "Reservoir Dogs" womöglich die Folterer von Abu Ghraib, ja sogar Saddam Husseins Folterknechte inspiriert zu haben.
Nicht ganz so absurd ist sein Vorwurf, Moore untersuche nie die menschliche Basis allen politischen Verhaltens, ziehe Effekte Fakten vor und korrumpiere den Dokumentarfilm mit schnödem Entertainment. White verdammt Moore, weil er nicht dokumentiert, sondern polemisiert.
Das Leiden eines Mannes
Moores "Liberalismus mit einem faschistischen Gesicht" meint White in der subversiv aufbereiteten Szene zu erkennen, die Bush sieben Minuten beim Vorlesen in einer Grundschule zeigt, während in New York der erste Turm einstürzt. Keine Ratlosigkeit sei da zu sehen, sondern das Leiden des mächtigsten Mannes der Welt. So liefert White das Paradebeispiel eines Verrisses, der den ästhetischen Ekel vorschiebt, um die politische Richtung eines Films zu diskreditieren.
Dagegen vermag sich auch ein Moore schlechter zu wehren als gegen die Angriffe, die sich auf einigermaßen empirische Fakten stützen. In "Newsweek" etwa übt sich Michael Isikoff in der kritischen Mikroanalyse, wenn er die im Film angeprangerten Verbindungen der Familien Bush und Bin Ladin mit seinen eigenen, sehr begrenzten Recherchen vergleicht.
Moore hat indes angekündigt, jedem Angriff auf ihn sofort den Gegenangriff folgen zu lassen. Auf seiner Website www.michaelmoore.com, die wahlkampfmäßig von einem "War Room" unterstützt wird, steht darum Isikoff schon unter Beschuß. Von den Vernichtungskriegen und Rufmordattacken des amerikanischen Wahlkampfs hat Moore, wie er gegenüber der "Times" erklärt, auch die Diffamierungstechnik des "opposition research" übernommen, die auch die geheimsten Ecken in der Vita eines Gegners ausleuchtet.
Die „Factchecking-Bibel“
Um selbst keine Angriffsflächen zu bieten, wurde der Film mehrfach von Factcheckern durchforstet, die unter der Leitung eines Veteranen aus der sagenumwobenen Factchecking-Abteilung des "New Yorker" standen. In einer "Factchecking-Bibel" werden die Quellen aufgeführt, auf die sich "Fahrenheit 9/11" stützt. Wen all das nicht abschreckt, dem droht Moore juristische Schritte an.
Von der Firma Disney, die Moore kein Forum bieten wollte, obwohl sie über die Radiosender ihres Tochterunternehmens ABC täglich die rechtsextremen Tiraden von Rush Limbaugh verbreitet, über Bush den Älteren, der den Filmemacher präventiv zum "Schleimsack" ernannte, bis zur erstaunlichen Weigerung der Motion Picture Association, den Film für Jugendliche unter siebzehn Jahren freizugeben, scheint das Gerangel um "Fahrenheit 9/11" kein Ende zu finden. Wer da, wie David Denby im "New Yorker", auch um eine ästhetische Würdigung ringt, sieht sich geradezu auf einen Nebenschauplatz abgedrängt.
Denby bezeichnet "Fahrenheit 9/11" als "Moores schlagkräftigsten Film" und ist besonders beeindruckt vom letzten Drittel, das von Lila Lipscomb beherrscht wird, der Mutter eines gefallenen Soldaten, die wie eine "authentischere Version von Moore" wirke. Seine Vorbehalte gelten der intellektuellen Schludrigkeit dieses "unzufriedenen amerikanischen Jedermanns", der nichts entdecken wolle, sondern nur seine Vermutungen und Überzeugungen herausprügle.
Ein Regen giftiger Pfeile
Die großen Dokumentaristen wüßten, daß die absolute Wahrheit unerreichbar und sogar unvorstellbar sei. Moore hingegen sei ein Polemiker, dessen radikale Anschuldigungen wie ein Regen giftiger Pfeile herniedergingen. Skeptisch beurteilt Denby auch das Potential des Films, Wähler zu beeinflussen.
A. O. Scott, der Mann von der "Times", ist da etwas zuversichtlicher. Moores "populistischen Instinkte" seien nie schärfer gewesen, und gerade im Wirrwarr seiner Filmerzählung enthülle sich "Fahrenheit 9/11" als ein authentisches und unverzichtbares Dokument seiner Zeit: "Der Film kann als Versuch angesehen werden, Klarheit aus Schock, Zorn und Abscheu zu pressen. Wenn Teile von ihm als unbesonnen, übertrieben oder konfus erscheinen, nun ja, dann entspricht er darin ganz der nationalen Gemütsverfassung."
The New York Times vom 20. und 23. Juni
New York Press, 23. bis 29. Juni
Newsweek vom 28. Juni
The New Yorker vom 28. Juni
www.moveon.org
www.moveamericaforward.org
www.michaelmoore.com